Schweizer Revue 2/2018

30 Schweizer Revue / März 2018 / Nr.2 Es beginntmit einemAlpaufzug, manhört das Stapfen der Kühe, ein gelegentliches Muhen und vereinzelte Glocken. Dann setzt ein hym- nisches Jodeln ein, das keinen Zweifel daran lässt, wo für Trauffer der Himmel ist: hoch oben indenBergen, inderBilderbuch-Schweiz. Dort also, wo es Sex, Drugs and Rock ’ n ’ Roll nie geschafft haben, «Schnupf, Schnaps + Edel- wyss» – so der Titel des neuenAlbums des Ber- ner Erfolgsmusikers – zu verdrängen. Seine Fans werden ihm verzeihen, dass der 39-Jährige im Titelsong den Rock als «Schnee vo Geschter» abtut und sich bei mehr als der Hälfte seiner neuen Lieder kräftig bei dessenKlischees bedient: Bei «Dämit de Chüe» lässt er zumStampfgroove die Stromgitarre gegen eine Handorgel an- knattern, wie es der österreichische Alpenrocker Hubert vonGoisern Ende der Achtzigerjahre erfolgreich tat. Doch damit begnügt sich Trauffer nicht: Noch im gleichen Stück ertönen Blues-Brothers-Bläser, Alphorn und Hackbrett. Und selbstverständlichwird auf dem sechstenWerk des Sängers immer wieder gejodelt. Dass er nichts aus seinemLebenmache, dasmuss sichMarc Trauf- fer, so der volle Name des Brienzers, beileibe nicht vorwerfen lassen. Mit seiner früheren Band Airbäg gelangen ihm ein paar Achtungs­ erfolge, und auf Solopfaden stellt er spätestens seit «Alpentainer» Rekorde auf. Das Album war ab 2014 insgesamt drei Jahre in den Schweizer Top-50, und sein Nachfolger «Heiterefahne» von 2016 ver- harrte siebenWochen an der Chartspitze. Einzig mit den Singles hat es bei Trauffer bislang noch nicht ganz hingehauen, auch die aktuelle Auskopplung «Geissepeter» schaffte es imvergangenenDezember nur auf Platz acht. Neben ohrwurmigem Ländlerrock beheimatet «Schnupf, Schnaps + Edelwyss» ein paar Balladen und eine gute Portion Ski­ hütten-Reggae. Nur Ecken und Kanten sucht man vergebens – auch textlich: Trauffer will sich seine Breitenwirkung in keinem Landes- teil verscherzen, weswegen er seine Wurst in «Bier & Cervalat» arg diplomatischmit einer «Tube Sänf oder au nid» geniesst. Überzeugen- der ist da das Limmerick-Lied «Obsi oder Nizi», in demer konsequent und durchaus geglückt auf Peach-Weber-Niveauwitzelt. Klar ist: Für Trauffer dürfte der Weg vorerst weiterhin «obsi» gehen. STEFAN STRITTMATTER Kurt Weilemann ist ein pensionierter Jour­ nalist der alten Schule, in der genaues Recherchieren und gute Sprache zum Be- rufsethos gehörten. Die Zeiten haben sich geändert und er ist nicht mehr gefragt. Eines Tages bittet ihn Derendinger, ein ehemaliger Kollege, um ein Treffen. Dabei redet dieser so verworren, dass Weilemann ihn krank wähnt. Aber als Derendinger wenige Stunden danach tot ist, wird Weilemann schnell klar, dass es sich nicht umSelbstmord, die offizielle Auslegung, handeln kann. Seine Neugier ist geweckt und wird von Eliza, einer jungen Freundin des Verstorbenen, noch angesta- chelt. Er beginnt zu recherchieren und stösst dabei auf eineWahrheit, die bei Bekanntwerden eine explosive Kraft hätte. Weilemann sieht sich mit dem omnipotenten staatlichen Machtapparat, der die Wahrheit um jeden Preis vertuschen will, konfrontiert und muss sogar um sein Leben fürchten. Das vorliegende Buch von Charles Lewinsky ist Krimi und Zu- kunftsroman zugleich. Schauplatz ist Zürich und das politische Par- kett der Schweiz. Das Land wird von der populistischen Partei der «Eidgenössischen Demokraten» regiert, deren schwerkranker Präsi- dent, Stefan Wille, im Krankenhaus von Maschinen am Leben gehal- tenwird. Das Gedankengut vonWille beeinflusst auchweiterhin die Parteizentrale, in der alle Fäden gezogen werden. Kontrolliert wird alles und überall mit Überwachungskameras und elektronischenGe- räten. Die Volksmeinung wird subtil und raffiniert durch politische Werbung und die Medien gesteuert. Der daraus resultierende Volks- wille rechtfertigt für Partei und Staatsapparat alleMittel, umfür Ruhe und Ordnung zu sorgen. Der Autor hat mit dem grantigen, aber scharfsinnigen Sturkopf Weilemann eine Figur geschaffen, die man einfach mögen muss. Die Geschichte hält die Spannung eines Krimis nicht immer, ist aber klug, witzig und kritisch erzählt. Das entworfene Zukunftsbild einer tota- litären Schweiz ist beunruhigend und wird hoffentlich nie Realität. Charles Lewinsky, 1946 geboren, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. Er arbeitete als Regisseur und Redaktor, be- vor er sich ab 1980 als freischaffender Autor einen Namen machte. Zahlreiche TV-Shows, darunter die erfolgreichste Sitcom-Reihe «Fascht e Familie» des Schweizer Fernsehens, entsprangen seiner Feder. Hörspiele, Songtexte, Drehbücher und Theaterstücke gehören ebenfalls zu seinemRepertoire. Seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Lewinsky lebt im Winter in Zürich und im Sommer in Vereux, Frankreich. RUTH VON GUNTEN Der sanfte Alpenrevoluzzer Der Wille des Volkes Gehört Gelesen TRAUFFER: «Schnupf, Schnaps + Edelwyss», Ariola/Sony, 2018. CHARLES LEWINSKY: «DER WILLE DES VOLKES». Nagel & Kimche, 2017. Seiten 384, CHF ca. 27.90.–; Euro 24.–

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