Schweizer Revue 5/2021

Schweizer Revue / Oktober 2021 / Nr.5 30 Was taten wir, als uns Ende Januar 2020 die ersten Nachrichten aus China über ein Virus, das die Atemwege schädigt, erreichten? Wie gingen wir im Februar 2020 über den ersten Fall in der Schweiz um?Wie reagiertenwir auf den ersten Todesfall? Wie sahen unsere Zu- kunftsvisionen aus, als das Land am 16. März in einen fast vollständigen Lockdown ging? Die gezeichnete Reportage des Genfers Car- toonisten Patrick Chappatte ermöglicht uns einen Rückblick auf all die einschneidenden Momente, Ängste und Hoffnungen der ersten Corona-Welle. Chappattes Perspektive ist gleichzeitig privat und öffentlich. Er zeichnet seine eigene Isolation mit seiner Familie in den Bergen. Und seine Qualen, die er litt, als ihn ein hartnäckiges Fieber ergriff und ihn dazu zwang, sich während einer Woche von seinen Nächsten zu isolieren. Später ergab eine serologische Analyse, dass er sich tatsächlichmit demVirus angesteckt hatte. Damals hatten nur Personen, die schwere Symptome aufwiesen, Zugang zu einem Test. Das Land empfahl noch keineMasken. «Au cœur de la vague» gibt die Schlüsselmomente wieder, in der unsere Welt ins Unbekannte stürzte. Jede und jeder wird darin bekannte Eindrückewiederfinden. Der zweite Blickwinkel der Reportage zeigt das Innenleben des Genfer Unispitals (HUG), der grösstenmedizinischen Einrichtung der Schweiz. Obwohl er zurückgezogen in den Bergen lebte, sprachChap- patte am Telefon mit Professor Didier Pittet, Chefarzt Infektiologie des HUG. Ab dem 7. März lieferte ihm der Erfinder des hydroalkoho- lischen Gels Informationen aus erster Hand. Der Genfer Zeichner beschreibt die Strategie, die das HUG angesichts der zu erwartenden Patientenwelle umsetzte. Von seiner Erkrankung geheilt, wagte sich Chappatte in die Höhle des Löwen: die Intensivstation unter der Lei- tung von Professor Jérôme Pugin. Er beschreibt die Begegnung mit dem Tod. Das Weinen der Pflegerinnen und Pfleger angesichts von Menschen, die sterben, ohne dass ihre Familien sie zuvor hätten sehen können. Er übergibt das Wort einer Krankenpflegerin, die von ihren 12-Stunden-Tagen erzählt. Er lässt das Putzpersonal sprechen, das sich zum Teil freiwillig meldete, die kontaminierten Zimmer zu desinfi- zieren, in denen vom Virus infizierte Personen gepflegt werden. Er zeigt die Auswirkungen der Krise auf Sans-Papiers auf und wie Genf sich umdieMenschen in den prekärsten Situationen gekümmert hat. Jedes der fünf Kapitel dieses sorgfältigen, äusserst empathischen Werks enthält Zeichnungen von Chappatte, die im betreffenden Zeit- raum veröffentlicht wurden. STÉPHAN HERZOG Sie haben das Genre nicht eben neu erfunden. ImGegenteil, die BurningWitches stehen für einen konsequent traditionellen, umnicht zu sagen altmodischen Heavy Metal. Aber die Schweizerinnen haben das gewisse Etwas. Zum einen sind sie eine reine Frauenband, was imMetal nachwie vor Seltenheitswert hat und entsprechend Aufmerksamkeit erregt. Und sie vermarkten sich äusserst clever. Die Musikerinnen inszenieren sich als zeitlose Fantasy-Heldinnen, als Kriegerinnen oder He- xen, als starke Frauen, die nicht nur schön sind, sondern ebenso gefährlich. Die effiziente Imagepflege inKombination mit eingängigem, sehr gut durchchoreogra- fiertem und professionell gespieltem Heavy Metal hat die Band um Gitarristin Romana Kalkuhl zuerst zur grossen Plattenfirma Nuclear Blast geführt, was einem Ritterschlag gleichkam, dann auf die Büh- nen von so riesigen Festivals wie demWackenOpenAir, undmit dem viertenAlbum«TheWitchOf The North» nun auch in die oberstenRe- gionen der Charts vieler Länder. Das Werk kletterte unter anderem in der Schweiz auf Platz sechs der Hitparade und – weit wichtiger – in Deutschland auf Platz 16. Das war mehr als ein Achtungserfolg. Und quasi als Beleg für die definitiveMassentauglichkeit der Band erschien Romana Kalkuhl am Ende sogar auf der Titelseite des bekanntesten Schweizer Boulevardblatts. Das Quintett hat mit dem neuen Werk die Erwartungen seiner breiten Hörerschaft ganz offensichtlich erfüllt. «The Witch Of The North», produziert vonMarcel Schirmer vonDestruction undV.O. Pul- ver von Gurd, ist ein Konzept-Album zum Thema nordische Mytho- logie geworden, auf dem die Burning Witches sowohl mit ihren Tex- ten als auch der Gesamtästhetik vor Pathos und Klischees nicht zurückschrecken. Musikalisch bewegen sich die fünf Hexen einmal mehr im Bereich des traditionellen Metal der 80er-Jahre. Balladen wie «Lady Of The Woods» wechseln sich mit treibenden Nummern wie «NineWorlds». Der Refrain von «We Stand As One» ist ebenso ein- gängig und prägnant wie jener von «Thrall». Und umklarzustellen, wo ihre musikalischenWurzeln liegen, spielen der BurningWitches auf dem Album auch noch einen Song der gestandenen amerikanischen Power-Metal-Band Savatage. Originell ist «The Witch Of The North» mitnichten, aber dagegen ist nichts einzuwenden. Denn mit seiner eisern retrospektiven Aus- richtung versprüht dasWerk einenCharme, der irgendwie an den un- verblümt kitschigen und sympathisch unschuldigenMetal vergange- ner Tage erinnert. MARKO LEHT INEN Der Tradition und dem Pathos verpflichtet Ein Rückblick auf die Pandemie als Comic Gehört Gelesen BURNING WI TCHES: «The Witch Of The North». Nuclear Blast, 2021 PATRICK CHAPPATTE: «Au cœur de la vague» Chappatte & Éditions Les Arènes Paris, 2020 123 Seiten, CHF 36.– Nur in Französisch erhältlich

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