Schweizer Revue 4/2022

12000 Hühner halten, was 43 Prozent des Schweizer Bestands ausmacht. Wie erklärt sich, dass auch ein Teil der Biobauern die Initiative bekämpft? Die jurassische Landwirtin Christine Gerber, Mitglied der Organisation Uniterre, hat eine Theorie: «Die Männer sind in einem System der Loyalität gegenüber ihren Standesgenossen und in ihrer Erziehung gefangen. Wir Frauen hingegen bringen die Kinder zur Welt, tragen Verantwortung für die Zukunft.» Ihr Hof liegt in den Freibergen, eine Insel der Neo-Landwirtschaft. Hier kommt Fleisch nur zweimal wöchentlich auf den Tisch. Christine Gerber steht einer Verringerung der Geflügel- und Schweinefleischproduktion positiv gegenüber. Sie ist besorgt über Projekte, welche die Milchproduktion erhöhen wollen: «Mehr Kühe bedeuten noch mehr Gülle. Doch der Boden ist bereits überlastet.» Selber plant sie, ihren Viehbestand zu reduzieren. Und sie betont, die Initiative sehe eine sehr lange Übergangsfrist von 25 Jahren für die Umstellung auf Biolandwirtschaft vor: «Es braucht künftig mehr Kleinbauernhöfe, das wäre eine positive Entwicklung.» Aus Sicht von Greenpeace wird der Wandel früher oder später geschehen, denn Getreide und Futtermittel werden in einer vom Menschen bedrängten Umwelt knapper. «Man muss den Bäuerinnen und Bauern helfen, die vom System aus Produktion und Grosshandel abhängig sind», findet Alexandra Gavilano. Sie geht davon aus, dass die Initiative «eine politische Grundlage für die Äufnung eines Fonds für den Wandel in der Landwirtschaft schaffen würde». Der Bundesrat hat einen direkten Gegenvorschlag zum Initiativtext eingereicht. Dieser hätte vorgeschrieben, dass alle Nutztiere regelmässigen Auslauf erhalten. Doch der Nationalrat sprach sich dagegen aus. Pro: massentierhaltung.ch Kontra: massentierhaltungsinitiative-nein.ch 18 000 Hühnern verfügen auch über Winterquartiere und Weiden.» Trägt die Initiative dem Umstand Rechnung, dass der Bund die Schweizer Landwirtschaft schützen will? Letztlich fürchtet Noël um die Privilegien der Bio-Branche: «Wenn die Produktionsmenge aufgrund der tieferen Anzahl Hühner pro Hof zurückgeht, sind wir der Konkurrenz durch Geflügel aus dem Ausland ausgesetzt, das unter deutlich schlechteren Bedingungen gehalten wird als in der Schweiz.» In der EU dürfen Hühnerbäuerinnen und -bauern bis zu 100000 Tiere pro Hof halten. Saucy fürchtet, dass es problematisch wäre, die Anzahl kleiner Biohöfe zu vervielfachen, obwohl er selbst dieses Modell betreibt. Die Initianten und Initiantinnen hingegen sind der Meinung, dass dies sehr wohl dem Tierwohl dienen würde. Die Loyalität unter Bauern Sollte die Initiative angenommen werden, wären ungefähr 5 Prozent der Schweizer Betriebe gezwungen, ihre Haltungsart zu ändern. Greenpeace gibt an, dass 237 Bauernhöfe mehr als des Imports von Soja und Getreide. Sie bedauert, dass «die Importsteuern auf Tierfutter seit Beginn des Kriegs in der Ukraine gesenkt wurden». Und sie appelliert an die Schweizerinnen und Schweizer, ihren Fleisch-, Milch- und Eierkonsum zu senken: Kulturpflanzen müssten zuerst Menschen ernähren. Entsprechend stark ist angesichts dieses Kerngedankens der ethische Aspekt der Initiative: «Die Würde des Tiers beinhaltet auch das Recht, nicht in Massentierhaltung gehalten zu werden», verlangen die Initiantinnen und Initianten. Sie betonen, dass nur 12 Prozent der Nutztiere im Lauf ihres Lebens Zugang zu einer Weide haben und dass bis zu 4 Prozent der Tiere verenden, bevor sie überhaupt im Schlachthaus ankommen. Mit diesen Zahlen konfrontiert, entgegnet Noël Saucy: «Die Höfe mit Die konventionellen Betrieben dürfen bis zu 18 000 Hühner pro Halle halten. Tierschützer:innen kritisieren diese Dichte und deren Folgen fürs Tierwohl. Hier: Hühnerhaltung in Daillens (VD). Foto Keystone Ein Stempel fürs Tierwohl: Der Code 0-CH-BIO steht für Eier aus bäuerlichen Betrieben, die die Bio-Suisse-Kriterien erfüllen. Foto Stéphane Herzog Schweizer Revue / August 2022 / Nr.4 27

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