DEZEMBER 2025 Die Zeitschrift für Auslandschweizer:innen Die Schweiz und der Franken: Eine Love-Story mit Widersprüchen Von der politischen Macht zum Volkshobby: Wie die Schweiz ihr einzigartiges Chorleben entwickelte Ein Fischotter im Zoo kriegt Applaus, dann Gift: Was sagt das tödliche Drama über seine Zeit?
Spenden mit Kreditkarte www.revue.link/creditrevue Spenden per PayPal www.revue.link/revue Der Bund hat angekündigt, zahlreiche Subventionen zu kürzen – auch bei der «Schweizer Revue». Unsere Möglichkeiten, die gedruckte «Revue» weiterhin kostenlos zu versenden, werden eng. Gemeinsam mit Ihnen wird es aber gelingen, die Zukunft der «Revue» zu sichern und den unabhängigen Qualitätsjournalismus weiterzuverfolgen, für den das Redaktionsteam einsteht. Setzen Sie ein Zeichen und zeigen Sie Solidarität mit der «Revue». MARC LETTAU, CHEFREDAKTOR So erreichen Sie die «Schweizer Revue»: revue@swisscommunity.org | Telefon +41 31 356 61 10 Spenden mit Banküberweisung IBAN: CH97 0079 0016 1294 4609 8 Bank: Berner Kantonalbank Bundesplatz 8, CH-3011 Bern BIC/SWIFT: KBBECH22 Zugunsten: BEKB Bern, Konto 16.129.446.0.98 Auslandschweizer-Organisation z/Hd. Herrn A. Kiskery Alpenstrasse 26, CH-3006 Bern Referenz: Support Swiss Review Ihre Spenden an die «Schweizer Revue» werden noch wichtiger © www.pexels.com Die Schweiz in der Tasche SwissInTouch.ch Die App für die Auslandschweizergemeinschaft swissintouch.ch Ausschliesslich hier erhältlich DAS HOSPITALITY MANAGEMENT STUDIUM MIT ECHTER PRAXISNÄHE Schweizer Abschlüsse - international anerkannt In Luzern studieren - weltweit durchstarten In Deutsch & Englisch HF & Bachelor Mehr erfahren? QR-Code scannen! shl.ch © www.pexels.com Konsularische Dienstleistungen überall, komfortabel auf Ihren mobilen Geräten www.eda.admin.ch Bogotá (2022) © www.pexels.com
Wer das nächste Mal die Schweiz besucht, sollte dort, wo dies noch möglich ist, das Billett fürs Tram mit Bargeld kaufen –, allein schon wegen dem Rückgeld, das aus dem Automaten klimpert. Und die 10- und 20-Rappen-Münzen müssten Sie sich dann genauer anschauen. Gut möglich, dass Münzen dabei sind, die schon 20, 30, 50 oder 80 Jahre alt sind. Mein persönlicher «Rekord»: ein Zwanziger von 1921. Das Rückgeld in bar ist ein kleiner Beleg für die enorme Beständigkeit der Schweizer Währung: Das Design der Münzen ist seit 1881 unverändert. Die Prägung der Jahrzahl ausgenommen. Wenden wir uns von den Rappen den Franken zu, erhält «Kleingeld» eine weitere, neue Bedeutung: Wenn Sie mit kleinem Gepäck reisen und – sagen wir mal – eine Million in bar dabei haben möchten, dann ist die Schweizer 1000-Franken-Note die ideale Wahl. Eine Million in diesen Scheinen wiegt nur wenig mehr als ein Kilo und trägt nicht gross auf. Wer lieber eine Million Franken in Gold dabei hat, muss das Zehnfache an Zusatzgewicht mitschleppen. Natürlich ist das eine blosse Gedankenspielerei, denn Gold bleibt in der Regel im Tresor – und die federleichten 1000er-Noten auch. Und bar bezahlt wird in der Schweiz immer seltener. Gleichwohl ist der Franken hoch im Kurs. Er ist ein aufgeladenes Symbol. Selbst jene, die ihn nie brauchen, verteidigen ihn leidenschaftlich. Damit sind wir mitten im Thema unseres Schwerpunkts, der Liebe der Schweiz zum Bargeld – und dem Paradox, das sich dabei im Alltag zeigt. Apropos Alltag: Dieser wird sich bei der «Schweizer Revue» verändern. Der Grafiker und redaktionelle Gestalter Joseph Haas, der das Gesicht der Zeitschrift ein Jahrzehnt lang geprägt hat, hört auf. Ihm sei an dieser Stelle herzlich gedankt für seine überlegte, mitdenkende Art, unsere Inhalte in Szene zu setzen. Ein saloppes «Tschüss» kommt übrigens von meiner Seite: Das vorliegende Heft ist das letzte, das ich als Chefredaktor verantworte. Die Reise mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, war bereichernd und wundervoll spannend. Danke all jenen, die über die Jahre die Redaktion mit positiven Rückmeldungen ermutigt oder mit unverblümter Kritik herausgefordert haben: Beides tat gut. MARC LETTAU, CHEFREDAKTOR 4 Schwerpunkt Bargeld in der Schweiz: Geliebt, aber immer seltener gebraucht. Ein Paradox 9 Gesellschaft Eine klingende Vergangenheit: Chöre haben die moderne Schweiz geformt 12 Wissen Sie spricht sogar Rätoromanisch: Apertus, die neue Schweizer KI 16 Reportage Eine 30-Meter-Reise: Das öffentliche Verkehrsmittel mit der kürzesten Strecke 18 Nachrichten Zürich will in Schulen das Französische abwerten, die Westschweiz ist perplex 19 Schweizer Zahlen Der trendigste Hund der Schweiz ist lang und hat kurze Beine ... Nachrichten aus Ihrer Region 20 Natur und Umwelt Fischotter Peterli als Symbol: Erst fröhlich beklatscht, dann vergiftet 24 Politik Nun erhält die Schweiz eine E-ID, die womöglich der Fünften Schweiz nützt 28 Aus dem Bundeshaus Seit zehn Jahren prägt ein Gesetz das Alltagsleben in der Fünften Schweiz 32 SwissCommunity Alle Namen: Wer sitzt für welches Land im erneuerten Auslandschweizerrat? 35 Puzzle Ein weiterer Farbtupfer im 800000- Teilchen-Puzzle der Fünften Schweiz Kleingeld Titelbild: Schweizer Münzen und Banknoten. Foto Keystone Herausgeberin der «Schweizer Revue», des Informationsmagazins für die Fünfte Schweiz, ist die Auslandschweizer-Organisation. Foto Peter Maurer Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 3 Editorial Inhalt
Die helvetische Liebe zum Franken Der Schweizer Franken ist ein Symbol für Stabilität und Qualität. Zum Nationalstolz gehört auch die innige Beziehung zu den heimischen Noten und Münzen: Aufs Bargeld möchten die Schweizerinnen und Schweizer keinesfalls verzichten. Und dies, obwohl sie immer häufiger elektronisch bezahlen – ein Paradox. Schwerpunkt 4
Bargeld wird immer seltener genutzt. 2024 bezahlten Privatpersonen noch 30 Prozent ihrer alltäglichen Besorgungen mit Noten und Münzen. ferten Geldbündel in eine Maschine, die sekundenschnell Echtheit und Zustand jeder Banknote überprüft. Allfälliges Falschgeld landet bei der Bundespolizei. «Unfitte» Banknoten, die verschmutzt, eingerissen oder anderweitig nicht mehr den Standards entsprechen, werden aussortiert und landen direkt im Schredder und später in der Kehrichtverbrennung. 2024 wurden 30 Millionen Noten vernichtet. Im Gegenzug gab die Nationalbank 41 Millionen druckfrische Banknoten in Umlauf. «Eine hohe Qualität ist unsere Visitenkarte», betont Peter Eltschinger vom Bereich Bargeld, der die «Revue» 5 THEODORA PETER Das Herz des Bargeld-Kreislaufs pumpt in der Schweizerischen Nationalbank (SNB) in Bern. Sie sorgt dafür, dass die Schweizer Banken für ihre Privat- und Geschäftskundschaft jederzeit über genügend Flüssiges verfügen. 2024 waren insgesamt Noten und Münzen im Wert von mehr als 76 Milliarden Franken im Umlauf – rund doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Die «Schweizer Revue» erhielt für diesen Schwerpunkt einen seltenen Einblick hinter die streng geschützten Mauern der nationalen Geldversorgung. Im Untergrund der Nationalbank in Bern treffen täglich kistenweise Münzen und Noten ein. Gebracht werden sie von Geldlogistikunternehmen wie der Firma Loomis, welche Banken, Läden und Behörden mit Bargeld versorgt respektive dort abholt. Bevor das Geld erneut in den Kreislauf gelangt, wird es sortiert, kontrolliert und allenfalls ersetzt. Letztes Jahr gab die Nationalbank rund 244 Millionen Banknoten und 166 Millionen Münzen in Umlauf und nahm 238 Millionen Noten und 131 Millionen Münzen zurück. Im streng geschützten Untergrund Zutritt zum Bargeldbereich der Nationalbank am Berner Bundesplatz erhält die Reporterin nach einer Sicherheitsprüfung. Mit dem Lift geht es abwärts in den Untergrund. Nach Passieren einer Schleuse eröffnet sich ein Labyrinth aus verwinkelten Gängen und Treppenhäusern. Als Erstes betreten wir einen taghell erleuchteten Saal, der mit seinen Maschinen, Roboterarmen und Förderbändern einer kleinen Industrieanlage gleicht. Einziger Unterschied: Beim zu verarbeitenden Produkt handelt es sich um Schachteln voller Banknoten. An diesem Tag werden 50-Franken-Noten kontrolliert: Ein Mitarbeiter füllt die angelieauf dem Rundgang begleitet. Die Banknoten sind so beschaffen, dass sie einiges aushalten: Wiederholtes Falten oder Waschen sollte ihnen nichts anhaben. Die «fitten» Noten, die zurück in den Geldkreislauf gelangen sollen, werden maschinell neu verpackt und auf Förderbändern weiterspediert. Bevor die in Plastikfolie verschweissten Geldbündel in einer Transportkiste landen, kontrolliert eine Mitarbeiterin jedes Paket von Hand. Selbst wenn eine Note nur leicht geknickt ist, geht das ganze Paket zurück in die Maschine und wird nochmals neu aufbereitet. In allen Prozessen der Geldverarbeitung gilt das Mehrpersonenprinzip: Niemand arbeitet alleine. Alle Räume und Arbeitsstationen sind mit Videoüberwachung ausgestattet, «dies schützt auch die Mitarbeitenden», wie der SNB-Vertreter sagt. Der Lift führt weiter nach unten in die Münzverarbeitung. Hier ist der Lärmpegel deutlich höher als bei der geräuscharmen Notenverarbeitung. An diesem Tag rattern 20-Rappen-Stücke durch die Sortiermaschine. Die «unfitten» Münzen landen direkt in einem separaten Auffangbecken und gehen später zurück an die Herstellerin Swissmint. Die bundeseigene Münzprägeanstalt macht die Geldstücke unkenntlich und entsorgt das Metall. Die «fitten» Münzen wiederum werden in Papier eingerollt und erneut in Schachteln verpackt. Jeder Stückelung ist eine Farbe zugeteilt – für die Zwanzigräppler ist dies Rot. Auch in diesem Raum laufen die meisten Arbeitsschritte automatisiert ab. Handarbeit gefragt ist beim Aufschlitzen der angelieferten Münzrollen und beim Prüfen der Münzen, die nicht mit der Maschine verarbeitet werden können. An einer Wand prangt als Dekoration eine überraschende Leuchtschrift: «Geld und Wert. Das letzte Tabu». Der rote Schriftzug ist ein ErinIm Untergrund der Nationalbank in Bern: Bevor Münzen und Noten wieder in den Geldkreislauf gelangen, werden sie sortiert und neu verpackt – im Bild neu eingerollte 20-Rappen-Stücke. Foto SNB Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5
fast der Hälfte aller Transaktionen. Stark zugelegt haben Bezahl-Apps wie Twint. Beliebt ist «twinten» vor allem bei jüngeren Menschen, während Personen ab 55 Jahren oder solche mit tiefen Einkommen noch häufiger mit Bargeld bezahlen. Obwohl Münzen und Noten im Alltag immer seltener zum Einsatz kommen, wünschen 95 Prozent der Bevölkerung, dass Bargeld weiterhin als Zahlungsmittel zur Verfügung steht. Wie lässt sich dieses Paradox erklären? «Die Wahlfreiheit des Bürgers hat in der Schweiz einen hohen Stellenwert», sagt Eltschinger. Das Bargeld werde auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Die verschiedenen Zahlungsmittel ergänzten sich, betont der SNBVertreter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Bargeld kann unmittelbar und jederzeit eingesetzt werden, braucht als Zahlungsmittel weder Strom noch eine Internetverbindung. Zudem hinterlässt es keine Datenspuren und schützt damit die finanzielle Privatsphäre. Bargeld soll in die Verfassung In der Schweiz ist bereits heute gesetzlich vorgeschrieben, dass die Nationalbank das Land mit genügend Bargeld versorgen muss – und dies in der Landeswährung Schweizer Franken. Bundesrat und Parlament sind jedoch bereit, beide Grundsätze in die Verfassung zu schreiben, um ihnen mehr Gewicht zu geben: Was dort verankert ist, kann nur durch einen Entscheid von Volk und Ständen umgestossen werden. Damit nehmen die Behörden das Anliegen der 2023 eingereichten Initiative «Ja zu einer unabhängigen, freien Schweizer Währung mit Münzen oder Banknoten (Bargeld ist Freiheit)» auf. Sowohl die Initiative wie auch der direkte Gegenvorschlag des Parlamentes kommen am 8. März 2026 an die Urne. Hinter dem Volksbegehren steht die Freiheitliche Bewegung Schweiz (FBS) des früheren SVP-Politikers Richard Koller. Öffentlich in Erscheinung getreten war die Bewegung erstmals während der Corona-Pandemie, als sie gegen die Maskenpflicht und weitere Massnahmen wie beispielsweise das Impfen protestierte. Eine 2021 eingereichte Initiative gegen «Impfzwang» scheiterte 2024 an einem klaren Volks-Nein. Mehr Erfolg verspricht nun die Bargeld-Initiative, die im Frühling 2026 zur Abstimmung kommt. Die Initianten wollen sicherstellen, dass «Münzen oder Banknoten immer in genügender Menge zur Verfügung stehen». Ihnen missfällt die zunehmende Nutzung elektronischer Zahlmittel, welche digitale Spuren hinterlassen. Aus ihrer Perspektive ist Bargeld das einzig sichere Mittel gegen eine Überwachung der Bürgerinnen und Bürger. Keine Pflicht zur Bargeld-Annahme Nicht zur Abstimmung steht eine Pflicht zur Annahme von Bargeld in Läden, Restaurants oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine zweite Initiative der Freiheitlichen Bewegung mit dieser weitergehenden Forderung scheiterte bereits bei der Unterschriftensammlung. Trotzdem beschäftigt der Trend, dass vielerorts nur noch elektronisch bezahlt werden kann, die Politik. In Genf beschloss das Kantonsparlament jüngst eine Änderung des lokalen Gastronomiegesetzes: Demnach müssen Bars und Restaurants von ihren Gästen auch Noten und Münzen als Zahlungsmittel akzeptieren. In anderen Kantonen laufen ähnliche Bestrebungen. Auf nationaler Ebene ist ein politischer Vorstoss hängig, der alle Dienstleister dazu verpflichten will, Bargeld anzunehmen. Der Bundesrat lehnt einen solchen Zwang ab. (TP) nerungsstück an die Landessaustellung Expo.02. Damals beauftragte die Nationalbank den Kurator Harald Szeemann (1933–2005) mit der Gestaltung eines Pavillons. Herzstück der Ausstellung war eine Glasvitrine, in der ein Roboterarm pausenlos Hunderternoten in einen Aktenvernichter schob. Was wie eine provokative Wertvernichtung aussah, entpuppte sich als gewollter Trugschluss: Die «unfitten» Banknoten wären ohnehin aussortiert worden – wie dies bis heute täglich im Keller der Nationalbank unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschieht. Paradoxes Zahlungsverhalten Zum Abschluss des Rundgangs befördert uns der Lift wieder hinauf ans Tageslicht. Im holzgetäfelten «Salon bleu», dem Sitzungszimmer des Bankrates, sprechen wir mit Peter Eltschinger über das Zahlungsverhalten der Bevölkerung. Immer weniger Menschen nutzen Bargeld. Gemäss Nationalbank-Umfrage von 2024 zahlten Privatpersonen nur noch 30 Prozent ihrer alltäglichen Besorgungen mit Bargeld. 2017 lag der Cash-Anteil noch bei rund 70 Prozent. Am häufigsten wird heute in der Schweiz mit Debit- oder Kreditkarte bezahlt – bei «Unfitte» Banknoten landen im Schredder. 2024 wurden rund 30 Millionen Noten vernichtet, 41 Millionen druckfrische Noten kamen neu in Umlauf. Foto SNB Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 6 Schwerpunkt
Nicht zuletzt bietet es eine Alternative zu den Gebühren von Kreditkarten und Bezahl-Apps. Die Mehrheit der Unternehmen beurteilt Bargeld denn auch als kostengünstigstes Zahlmittel. Bargeld als Wertanlage Bundesrat und Parlament wollen die Bargeldversorgung durch die Nationalbank künftig explizit in der Bundesverfassung verankern. Sie nehmen damit das Anliegen der 2023 eingereichten Initiative «Bargeld ist Freiheit» auf. Über Initiative und Gegenvorschlag stimmt das Volk im kommenden Frühling an der Urne ab (siehe Kasten Seite 7). Nebst dem Konsum dient Bargeld vielen Menschen auch als Wert zum Aufbewahren – sei es im Sparstrumpf oder in einem Safe. Darauf deutet der Anteil «grosser» Noten hin, die sich im Umlauf befinden. So machen die über 36 Millionen Tausendernoten im Geldkreislauf wertmässig fast die Hälfte des gesamten Notenumlaufs aus. Wieviel Flüssiges die Schweizer Bevölkerung tatsächlich zu Hause oder in einem Safe hortet, kann die Nationalbank nicht beziffern. «Das können wir nicht wissen», sagt Eltschinger. Einen möglichen Hinweis gibt der Anteil «alter» Banknoten, die bislang nicht zur Nationalbank zurückgelangt sind. Darunter befinden sich auch über 170 000 Stück Fünfhundert-FrankenNoten, die bereits seit 25 Jahren nicht mehr als offizielles Zahlungsmittel gelten. Der Gesamtwert von Noten aus zurückgerufenen Serien beläuft sich auf mehr als 9 Milliarden Franken. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass diese «alten» Noten irgendwo in einer vergessenen Schublade liegen, sofern sie nicht verloren gingen. Die gute Nachricht: Obwohl im Laden nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert, lassen sich Banknoten früherer Serien zeitlich unbeschränkt bei der Schweizerischen Nationalbank umtauschen. Dazu hat die SNB auf ihrer Homepage www.snb.ch Merkblätter aufgeschaltet. Auslandschweizerinnen und -schweizern empfiehlt der Bankvertreter, im Einzelfall abzuklären, ob aus dem Wohnsitzland eine sichere Postsendung zur SNB oder der Umtausch bei einer Bank in der Schweiz möglich ist. Neue Banknoten ab 2030 Bereits plant die Nationalbank eine neue Banknotenserie. Die Lebensdauer einer Banknotenserie beträgt rund 15 bis 20 Jahre. Die aktuelle Serie war in den Jahren 2016–2019 eingeführt worden und zeigt symbolisch die Vielseitigkeit der Schweiz. Für die künftige Serie lancierte die Nationalbank vor Jahresfrist einen Gestaltungswettbewerb zum Thema «Die Schweiz und ihre Höhenlagen». Jede der sechs Noten im Wert von 10, 20, 50, 100, 200 und 1000 Franken soll sich der «einzigartigen Topografie» des Landes widmen. Zu den zwölf eingereichten Designkonzepten wurde erstmals auch die Meinung der Bevölkerung abgefragt. Innerhalb von drei Wochen sahen sich über 100 000 Personen die Entwürfe im Internet an und gaben dazu ihre Präferenzen ab. «Das grosse Echo hat uns positiv überrascht», sagt Peter Eltschinger. Im Herbst nominierte die SNB die sechs Finalisten, aus denen bis im Frühling 2026 der Gewinner oder die Gewinnerin gekürt wird. Dann beginnt die gestalterische Weiterentwicklung der Entwürfe, die auf der SNB-Webseite einsehbar sind. Die neuen Noten sollen zu Beginn der 2030er-Jahre in den Geldkreislauf gelangen – als Visitenkarten der Schweiz im Portemonnaie ihrer Bürgerinnen und Bürger. Derzeit wird das neue Design der Banknoten gesucht. Im Bild zwei der Vorschläge. Foto Keystone Durch die Sortiermaschine laufen da gerade gebrauchte 20-Rappen-Stücke. 2024 waren Münzen im Gesamtwert von 3 Milliarden Franken im Umlauf. Foto SNB Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 7
Bilaterale Verträge: Die SVP sagt Nein, alle anderen Parteien sagen Ja Das derzeit wohl gewichtigste innenpolitische Thema der Schweiz lautet: Soll sie nach einer seit Jahren anhaltenden «Beziehungskrise» mit der Europäischen Union (EU) neue bilaterale Verträge abschliessen (siehe «Revue» 2/2025). Nun haben alle grösseren Parteien zum 1800 Seiten dicken Vertragspaket Stellung bezogen. Das Bild scheint auf den ersten Blick eindeutig. Als einzige Partei stellt sich die SVP klar dagegen. Sie will den Vertragsabschluss aktiv bekämpfen. Gutgeheissen wird das Vertragspaket – umgangssprachlich die «Bilateralen III» – dagegen grundsätzlich von SP, FDP, Mitte, Grüne und GLP, wobei auch sie punktuelle Nachbesserungen wünschen. Letztendlich werden die Stimmberechtigten entscheiden. Ein Abstimmungstermin steht aber noch nicht fest. (MUL) Aus Furcht vor ausländischen Investoren übernehmen drei Gemeinden ihr Skigebiet Nachdem US-Investoren erste schweizerische Skiresorts gekauft und neu positioniert haben, reagieren die drei Bündner Gemeinden Flims, Laax und Falera: Sie übernehmen für über 90 Millionen Franken die in der dortigen Gegend gelegenen Wintersportinfrastruktur der «Weissen Arena Bergbahnen». Die Volksentscheide in den drei Gemeinden fielen sehr deutlich aus. Mit der Übernahme wollen die Gemeinden Arbeitsplätze sichern und die Verankerung des Skigebiets in ihrer Region sichern. (MUL) Wenig Schnee im Winter, viel Hitze im Sommer: Die Schweizer Gletscher schmelzen weiter rapide Die Gletscherschmelze in der Schweiz war 2025 einmal mehr enorm. Ein schneearmer Winter kombiniert mit Hitzewellen im Juni und August führte zu einem Verlust von drei Prozent des Gletschervolumens. Das ist der viertgrösste Schwund seit Messbeginn. Die Eismasse nahm damit in den letzten zehn Jahren um ein Viertel ab (siehe auch «Revue» 2/2025). Diesen Befund legten das Schweizerische Gletschermessnetz und die Schweizerische Kommission für Kryosphärenbeobachtung im Oktober vor. (MUL) In der Schweiz leben derzeit 100 000 anerkannte Flüchtlinge – trotz tiefer Zahl an Gesuchen Zwei Tendenzen prägen derzeit das Asylwesen der Schweiz: Die Zahl der Asylgesuche ist seit 2024 spürbar zurückgegangen, aber die Zahl der anerkannten Flüchtlinge ist permanent hoch. Sie liegt derzeit bei über 100000 Menschen. Nicht mitgezählt sind rund 70 000 Ukrainerinnen und Ukrainer, für die ein Sonderstatus gilt («Schutzstatus S»). Die trotz tiefer Gesuchszahlen stark ausgelasteten Asylstrukturen sind insbesondere für die Landesregierung eine Herausforderung, denn die stark geforderten Kantone rufen nach Lösungen und Entlastungen. (MUL) Susanne Vincenz-Stauffacher und Benjamin Mühlemann Sie sind die neue Führung der FDP Schweiz: die 58-jährige St. Galler Nationalrätin und Anwältin Susanne Vincenz-Stauffacher sowie der 46-jährige Glarner Ständerat und Kommunikator Benjamin Mühlemann. Co-Präsidien kennt man von linken Parteien, doch nun haben auch die Freisinnigen erstmals eine Doppelspitze gewählt. Das Duo übernimmt eine anspruchsvolle Aufgabe. Die über 130-jährige Partei, einst staatstragend und stolz, schwächelt. Ihr Wähleranteil fiel in den letzten Jahren stetig und lag bei den letzten nationalen Wahlen bei mageren 14 Prozent. Der Freisinn ist nur noch drittstärkste Kraft hinter der nationalkonservativen SVP und der SP. Gelingt es bis zu den Wahlen 2027 nicht, die Partei zu stärken, könnte einer der beiden Sitze in der Landesregierung verloren gehen. Das wäre ein tiefer Fall für jene politische Kraft, die in den ersten vierzig Jahren des Bundesstaats sämtliche Bundesräte stellte. Das neue Führungsduo bildet ein breites Spektrum ab: Sie gilt als progressiv, er als konservativ. Beide sehen darin eine Stärke und geben sich optimistisch. Die FDP sei eine «Sicherheitspartei», die den Wohlstand bewahren will. Doch wie gespalten die Partei sein kann, zeigte sich ausgerechnet bei der Delegiertenversammlung im Oktober in Bern, als die beiden gewählt wurden. Im Vorfeld entbrannte ein heftiger Streit über die neuen Verträge mit der EU. Die Medien sprachen von einem «Schicksalstag» für die Partei. Am Ende setzte sich – nach zivilisierter Debatte – ein klares Ja durch. Die FDP folgte damit dem freisinnigen Aussenminister Ignazio Cassis und positionierte sich als Europapartei. VincenzStauffacher stimmte für die Verträge, Mühlemann dagegen. Ob der Entscheid der Basis das Profil der Partei schärft oder Wählerinnen und Wähler abschreckt, wird sich zeigen. SUSANNE WENGER Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 8 Herausgepickt Nachrichten
SUSANNE WENGER Im Advent gehören die Bühnen den Chören. Vom Berner Bach-Chor über den Schweizer Jugendchor und den Gospel-Chor Appenzeller Mittelland bis zum Chœur Pro Arte in Lausanne laden Gesangsgruppen zu Weihnachtskonzerten ein. Doch auch das restliche Jahr über sind Chöre aktiv. Die Schweiz hat eine reichhaltige Chorszene. Laut Bundesstatistik singt jede fünfte Person im Land in ihrer Freizeit, meist wöchentlich und am häufigsten in einem Chor. «Im europäischen Vergleich weist die Schweiz eine der höchsten Quoten an Sängerinnen und Sängern auf», sagt Caiti Hauck von der Universität Bern. Die genaue Anzahl der Chöre bleibt unklar, da es viele unterschiedliche Arten gibt. Der Schweizerischen Chorvereinigung, dem Dachverband der weltlichen Chöre, gehören aktuell über 1200 Formationen an: Männer-, Frauen-, gemischte, Kinder- und Jugendchöre. Nach einem Rückgang während der Corona-Pandemie hat sich die Zahl wieder stabilisiert, berichtet Anna-Barbara Winzeler von der Chorvereinigung. Hinzu kommen Hunderte Kirchenchöre, Hunderte Jodlerklubs und zahlreiche informelle Vokalensembles, die in keinem Verzeichnis auftauchen. Historische Wurzeln Besonders dicht ist die Chorszene im Kanton Freiburg. Der dortige Chorgesang zählt zu den «lebendigen Traditionen der Schweiz», einer Liste des Bundesamts für Kultur, die im Rahmen der Unesco-Konvention das immaterielle Kulturerbe bewahren will. Doch warum ist das Chorsingen in der Schweiz so verbreitet? Neben den universellen Vorteilen – gemeinsames Singen hebt die Stimmung und stärkt nachweislich das Immunsystem – spielen historische Gründe eine Rolle. Im 19. Jahrhundert waren Chöre nicht nur musikalische Vereine. Sie errangen politisches Gewicht in einer von Spannungen geprägten Zeit: zwischen Liberalen und Konservativen, Reformierten und Katholiken. Im Jahr nach dem Sonderbundskrieg entstand 1848 der Bundesstaat, die erste moderne Demokratie in Europa. «MännerWie Chorgesang die moderne Schweiz formte Die Schweiz singt – hier gibt es besonders viele Chöre. Heute vor allem ein Massenhobby, hatten die Chöre im 19. Jahrhundert politischen Einfluss und besangen den neuen Bundesstaat. Das sagt die Berner Musikwissenschaftlerin Caiti Hauck, die das Chorleben erstmals vertieft untersucht hat. chöre schufen eine politische Öffentlichkeit rund um die Entstehung des Bundesstaats», erklärt Hauck. Sie hat das Chorleben in den Städten Bern und Freiburg erstmals vertieft untersucht. Ihre Quellen: Festschriften, Vereinsakten, Mitgliederlisten, Korrespondenzen, Konzertprogramme und Presseartikel. Politische Töne Hauck fand in Bern und Freiburg über 100 Gesangsvereine. Besonders prägend waren die 1841 gegründete «Société de Chant de la Ville de Fribourg», der erste weltliche Männerchor in der Romandie, und die 1845 gegründete «Berner Liedertafel». Beide Chöre vertraten liberal-radikale Ansichten, im Gegensatz etwa zum 1877 in konservativ-kirchlichem Umfeld gegründeten Männerchor Cäcilienverein Freiburg. Die Société de Chant zeigte ihre Haltung mit reDer «Chœur mixte St-Michel» aus Haute-Nendaz, einer der über 1200 Chöre der Schweiz. Foto Keystone Caiti Hauck von der Universität Bern hat das frühe Chorleben in Bern und Freiburg untersucht. Foto Dres Hubacher, ZVG Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 9 Gesellschaft
volutionären Liedern wie «Au bord de la libre Sarine», komponiert von Jacques Vogt, dem Gründer des Chors. Nach dem Sieg der Progressiven gewannen die Konservativen in Freiburg in den 1850er-Jahren wieder die Oberhand. Die Regierung fürchtete den Einfluss der Société de Chant und versuchte, ihre Aktivitäten zu unterbinden. Erst 1871 konnte der Chor wieder ein kantonales Gesangsfest organisieren – und lud dazu die Berner Liedertafel ein. Der angesehene Chor aus der neuen Bundesstadt war eng mit der Politik verknüpft; unter seinen Passivmitgliedern fanden sich Bundesräte. Die Berner Sänger unterstützten ihre Freiburger Kollegen aus Solidarität – aber auch «aus patriotischer Pflicht», um die Einheit der noch jungen Eidgenossenschaft zu stärken. Singen fürs Vaterland «Trotz sprachlicher und religiöser Unterschiede pflegten die beiden Chöre eine enge Freundschaft über den Röstigraben hinweg», berichtet Hauck. Dies belegt ein reger Briefwechsel. Männerchöre förderten nicht nur das gemeinsame Singen und trugen weltanschauliche Konflikte aus, sie wollten auch ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl aufbauen. Besonders bei den grossen eidgenössischen Sängerfesten, die seit 1843 regelmäsIhre Leidenschaft galt dem Gesang – und der Politik: die Berner Liedertafel 1850 im alten Casino. Abbildung: Lithografie von Ernst Neubauer, Staatsarchiv Kanton Bern Hunderte von Jodlerchören ergänzen das Spektrum der stilistisch vielfältigen Gesangsgruppen. Im Bild Jodler aus dem Wallis am Eidgenössischen Jodlerfest 1975. Foto Keystone sig stattfanden, wurde der Zusammenhalt zelebriert – ähnlich wie bei Turn- oder Schützenfesten. Das Repertoire umfasste eigens komponierte Nationallieder wie «O mein Heimatland, o mein Vaterland» des Schriftstellers Gottfried Keller und des Komponisten Wilhelm Baumgartner. Auch Volks- und Naturlieder waren beliebt. Die Berner Liedertafel wagte sich zudem an anspruchsvolle Werke, etwa von Franz Schubert. Gemischte Chöre und Frauenchöre gab es im 19. Jahrhundert zwar auch schon. «Einige Frauenchöre nahmen an kantonalen Gesangsfesten teil und erzielten Bestnoten», sagt Hauck. Öffentlich dominierten jedoch die Männerchöre – ein Spiegel der damaligen Geschlechterordnung. Breite Bevölkerungsschichten Ein Pionier des Schweizer Chorgesangs war Hans Georg Nägeli. Der Zürcher Komponist und Verleger förderte die musikalische Volksbildung. 1805 gründete er das erste nichtkirchliche Singinstitut, aus dem 1810 der erste weltliche Männerchor hervorDie Freiburger Kantonsregierung fürchtete sie und setzte sie unter Druck: die Société de Chant de la Ville de Fribourg. Abbildung ZVG Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 10 Gesellschaft
ging. Chöre für breite Bevölkerungsschichten waren eine Innovation des 19. Jahrhunderts. Nägeli, europaweit als «Sängervater» bekannt, prägte mit seinen musikpädagogischen Ideen die Deutschschweiz und die Romandie. «Viele Chöre berufen sich in ihren Quellen immer wieder auf ihn», weiss Hauck. Hauck stammt aus Brasilien und lebt seit 2017 im Kanton Waadt. Warum widmet sie sich einem musikwissenschaftlich bisher kaum beachteten Thema? «Chormusik faszinierte mich schon während meines Studiums in São Paulo», sagt sie. Sie sang selbst in Chören und leitete zuletzt den Polizeimännerchor Lausanne. Ihre Forschungsergebnisse vermittelt sie anschaulich: Gemeinsam mit dem Zeichner Julien Cachemaille veröffentsagt Hauck. Schon im 19. Jahrhundert finden sich Klagen über unregelmässige Probebesuche in Protokollen und hörten Chöre wegen Mitgliederschwunds auf. Es wurden aber immer wieder neue gegründet – bis heute, mit breitester stilistischer Vielfalt. «Die Chorkultur in der Schweiz lebt und verbindet Generationen», so die Forscherin. Politische Diskussionen spielen weniger eine Rolle, auch wenn Chöre weiterhin Zeichen setzen – für die queere Community, Feminismus «Chorisma», ein Schaffhauser Chor, in dem vorab die Jungen die Chorkultur weitertragen. Im Bild eine Szene aus dem Musical «Rent». Foto Jeannette Vogel, Schaffhauser Nachrichten Die traditionellen Tellspiele in Altdorf bauen seit 1899 auf Laienschauspieler und insbesondere auf Laienchöre. Archivbild Keystone, 2004 oder als gemeinsamer Chor von Einheimischen und Asylsuchenden. Deutlich verändert hat sich die Organisationsform. Chorvereine, die wöchentlich am Abend proben, gibt es noch, doch flexible Projektchöre haben an Bedeutung gewonnen. «Es ist nicht schwierig, Singbegeisterte zu finden – nur die Bindung an einen einzelnen Chor ist lockerer geworden», stellt Anna-Barbara Winzeler von der Chorvereinigung fest. Sie ist Musikstudentin an der Hochschule Luzern und leitet den Chor «chorisma» aus Schaffhausen mit Sängerinnen und Sängern zwischen 18 und 35 Jahren. Junge helfen mit, die Chorkultur weiterzutragen, betont sie. lichte sie den Wissenschaftscomic «Drei Schweizer Chorsänger im 19. Jahrhundert», der online auf Deutsch und Französisch verfügbar ist. Wandel und Beständigkeit Die Berner Liedertafel blieb ein Männerchor und löste sich 2018 wegen Nachwuchsmangels auf. Die «Société de Chant de la Ville de Fribourg» existiert schon seit 2000 nicht mehr. Dass Chöre kommen und gehen, sei normal, Der Wissenschaftscomic «Drei Chorsänger im 19. Jahrhundert» ist auf der Website des Forschungsprojekts in deutscher und französischer Sprache kostenlos zugänglich: www.clefni.unibe.ch Chorgesang hören Online finden Sie ausgewählte Hörbeispiele aus dem Schweizer Chorwesen: www.revue.link/chor Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 11
STÉPHANE HERZOG Wir sind auf dem Campusgelände der Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) unterwegs. Hier treffen wir unseren Gesprächspartner, Antoine Bosselut, Spezialist für künstliche Intelligenz (KI) und mehrsprachige Aspekte in grossen Sprachmodellen, oft auch auf Englisch als «Large Language Models» oder kurz «LLM» bezeichnet. Solche mit Milliarden von Daten trainierten KI-Systeme sind wie auch ChatGPT in der Lage, unzählige Fragen zu beantworten. Der 34-jährige Professor, der in Frankreich geboren und in den USA ausgebildet wurde, weiss einiges darüber, wie man Maschinen entwickelt, die so unterschiedliche Sprachen wie Tibetisch oder Rätoromanisch beherrschen. Er ist einer der Entwickler der neuen Schweizer KI: Apertus. Anfang September gaben die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen der Schweiz und das nationale Hochleistungs-Rechenzentrum (CSCS) die Lancierung des ersten in der Schweiz entwickelten mehrsprachigen Open-Source-LLM bekannt. «Apertus ist ein wichtiger Meilenstein für Transparenz und Vielfalt in der generativen künstlichen Intelligenz», erklärten seine Schöpfer. Inwiefern unterscheidet sich das neue Schweizer LLM von Llama 4 (entwickelt von Meta), Grok (produziert von Elon Musk) oder ChatGPT, bei dem es sich um ein vollständiges KI-System handelt? Die Elemente, aus denen sich das Schweizer Modell zusammensetzt, also seine Algorithmen und Berechnungsparameter, sind frei zugänglich. Auch eine Gebrauchsanweisung wird mitgeliefert, während beispielsweise ChatGPT auf einem eher undurchsichtigen Geschäftsmodell basiert. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Apertus kein System ist, das universell eingesetzt werden kann. «Für bestimmte Anwendungszwecke sind kommerzielle Modelle nicht spezialisiert genug. Dabei gilt: Je spezialisierter eine KI ist, desto leistungsfähiger ist sie auch», erklärt uns Antoine Bosselut. Spitäler könnten Apertus – seine Algorithmen und sein Berechnungssystem – beispielsweise nutzen, um das System so zu trainieren, dass es in der Lage ist, Analysen von Tausenden von Röntgenbildern durchzuführen. KI vermag beim Vergleich von Daten nämlich Unterschiede zu erkennen, die für das menschliche Auge kaum sichtbar sind. Die Suche nach zuverlässigen Daten Der Supercomputer des CSCS hat Apertus mit Milliarden von Daten aus dem Internet trainiert. Sie bilden das Grundwissen des LLM. Die EPFL betont, dass für dieses Modell nur Daten berücksichtigt wurden, deren Eigentümer die Verwendung von «Crawlern» – also Robotern, die das Internet durchforsten – nicht ausEine neue Schweizer KI, die sogar Rätoromanisch spricht Im September lancierten die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen der Schweiz und ihr Partner CSCS das Sprachmodell Apertus. Es wurde mit Wörtern aus 1800 Sprachen trainiert, darunter Schweizerdeutsch und Rätoromanisch. Noch wird Apertus für seine Fehler kritisiert. Doch nach Ansicht von Fachleuten muss man ihm einfach Zeit lassen. drücklich untersagen. «Wenn beispielsweise die ‹New York Times› bestimmten Crawlern den Zugriff auf ihre Artikel untersagt, schliessen wir diese Quelle aus unseren Daten aus», erfahren wir von Antoine Bosselut. Zum Trainieren von Apertus wurden 15 Milliarden Wörter aus 1800 Sprachen herangezogen (das Internet enthält insgesamt etwa 50 000 Milliarden Wörter). Die Entwickler des LLM garantieren zukünftigen Nutzenden – beispielsweise Unternehmen – die Zuverlässigkeit der Daten im ethischen und rechtlichen Sinne, während kommerzielle KI-Akteure sich weigern, ihre Trainingsdaten zu veröffentlichen. In der Regel konzentrieren sich grosse Modelle auf die historischen Sprachen des Internets – Englisch, Französisch, Chinesisch, Japanisch usw. Mit ihren Rechenmaschinen und Algorithmen entschlüsseln sie deren Strukturen. Das Schweizer LLM hat hingegen Daten aus Sprachen zusammengetragen, die im Internet kaum vertreten sind, wie Tibetisch, Yoruba, Schweizerdeutsch und Rätoromanisch. Weil diese im Internet kaum «gesprochen» werden, mussten Inhalte ausgehend von verwandten Sprachen erstellt werden. Dahinter steckt das Konzept, dass das Modell trotz der geringen Datenmenge Rätoromanisch lernen kann, weil es auch auf Italienisch trainiert wurde und es Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sprachen gibt, erklärt Antoine Bosselut. Welche Anwendungsmöglichkeiten stellen sich die Entwickler vor? Ein Beispiel: Apertus wurde von einer Schule in Nigeria übernommen, die nun Kurse auf der Grundlage einer Sprache entwickeln kann, die in anderen Modellen in der Regel kaum Antoine Bosselut von der EPFL hebt die Transparenz des Schweizer KI-Modells Apertus hervor. Es gelte, KI «zu demokratisieren». Foto ZVG Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 12 Wissen
ETH haben gerade die Gebühren für ausländische Studierende verdreifacht. Gleichzeitig haben sie kein Problem damit, 10 Millionen Franken für die Finanzierung von etwas auszugeben, was sich letztlich als Performance zeitgenössischer Kunst entpuppt!» Sein Angriff auf Apertus erregte die Aufmerksamkeit von Internetnutzern wie Maxime Derian, einem französischen Experten für künstliche Intelligenz. «Die amerikanischen und chinesischen Open-Source-Modelle sind uns einen Schritt voraus. Na und? Auch die ersten Modelle dieser Länder waren alles andere als perfekt. Das Schweizer Modell wurde lokal entwickelt. Die Folgeversionen werden besser und in zwei bis drei Jahren ebenfalls von Relevanz sein», prognostizierte Derian. Dass Apertus derzeit noch fehlerhaft arbeitet, liegt daran, dass das Modell bisher nicht ausreichend trainiert wurde und noch nicht über genügend Daten verfügt. Antoine Bosselut teilt diese Meinung: «Wir haben den teuersten Teil der Arbeit übernommen, nämlich die Entwicklung und das Training des Modells. Für zukünftige Nutzende ist es nun kostenlos zugänglich.» vertreten ist. Dies entspricht eindeutig dem Ziel der EPFL, «KI zu demokratisieren». Die Stadt Zürich setzt Apertus ein Zur Weiterentwicklung wurde das Schweizer LLM bei sogenannten «Hackathons», einer Art Wettbewerb zum Testen von Systemen, von Cracks gezielt auf die Probe gestellt. Studierende nutzten das Tool, um Dienstleistungsangebote zu erarbeiten. So gibt es zum Beispiel eine Schnittstelle, die das Erlernen der tibetischen Sprache erleichtert. Einige kluge Köpfe haben gar ein System namens «Mut zur Lücke» entwickelt. Es zeigt Studierenden, welche Teile ihrer Kurse sie getrost überspringen können, ohne Gefahr zu laufen, ihre Ausbildung nicht zu bestehen. Auch die Stadt Zürich nutzt Apertus. «Ich bin ZüriCityGPT und ich weiss (fast) alles, was auf stadt-zuerich.ch publiziert ist», liest man auf der Website. Doch wie sich zeigt, hat das System seine Grenzen. Wie viele bewaffnete Polizisten gibt es in der Stadt? Auf diese Frage antwortet das LLM: Apertus kann Ihnen «leider nicht helfen». GPT ist hier etwas cleverer: «Etwa 1700 Beamtinnen und Beamte sind zum Tragen einer Dienstwaffe berechtigt. Es gibt jedoch keine offizielle Quelle, aus der hervorgeht, wie viele tatsächlich ständig eine Waffe tragen», antwortet uns diese KI. Erstaunlicherweise wurde Apertus ohne Schnittstelle lanciert, über die Nutzende «Prompts» erstellen können. Doch dies war auch gar nicht das Ziel. Gemäss den Schöpfern soll das LLM als Rohmaterial dienen. Allerdings hatten alle Interessierten die Möglichkeit, Apertus mithilfe einer von einer amerikanischen Non-Profit-Organisation entwickelten Software zu testen: https://publicai.co Fehler und Kritik In der Schweiz betrafen die ersten Kommentare zu Apertus grobe Fehler. «Mir wurde mitgeteilt, dass das Schloss Chillon ursprünglich ein kleines befestigtes Dorf auf einem Kalksteinfelsen inmitten des Sees war», spottete der Westschweizer Journalist François Pilet, einer der Gründer der investigativen Website Gottham City, auf LinkedIn. Bei ihm sorgt auch das Preis-Leistungs-Verhältnis des Unterfangens für Verwunderung. «Die KI-Modelle müssen «trainiert» werden. Für Apertus wurde dazu der Schweizer Hochleistungsrechner ALPS verwendet, der sich in Lugano befindet. Foto Keystone Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 13
Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) gehört zu den wichtigsten Künstlern des deutschen Expressionismus. Noch zu seinen Lebzeiten kuratierte er 1933 eine Werkschau in der Berner Kunsthalle. Über 90 Jahre später zeigt das Kunstmuseum Bern unter dem Titel «Kirchner x Kirchner» eine Neuauflage der damaligen Retrospektive. Höhepunkt der Ausstellung ist die temporäre Wiedervereinigung von «Alpsonntag. Szene am Brunnen» aus der Sammlung des Kunstmuseums mit dem Pendant «Sonntag der Bergbauern» aus dem Berliner Bundeskanzleramt. Die beiden grossformatigen Bilder (je 170 x 400 cm) hatten 1933 Kirchners Retrospektive in Bern eröffnet und waren seither nie mehr gemeinsam zu sehen. Nun lassen sich die monumentalen Werke noch bis Januar in Bern als Einheit bewundern. Kirchner malte die Bilder Mitte der 1920er-Jahre in Davos. Im Schweizer Kurort erholte er sich seit 1917 vom Ersten Weltkrieg – und verblieb dort bis zu seinem Suizid im Jahre 1938. Nach der Machtübernahme der Nazis war Kirchners Kunst zunehmend verfemt und öffentlich diffamiert worden. Viele der 600 beschlagnahmten Werke landeten 1937 in der NS-Propagandaausstellung «Entartete Kunst» in München. 1975 liess Bundeskanzler Helmut Schmidt als Zeichen der Wiedergutmachung Arbeitsräume der deutschen Regierung mit Werken expressionistischer Künstler ausstatten. Kirchners «Sonntag der Bergbauern» erhielt dabei einen prominenten Platz im Kabinettssaal – zunächst in Bonn und seit 2001 im neugebauten Kanzleramt Berlin. THEODORA PETER www.revue.link/kirchner Grandiose Wiedervereinigung Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 14 Gesehen
Ernst Ludwig Kirchner: «Alpsonntag. Szene am Brunnen», 1923–24, Öl auf Leinwand, mit gefasstem Originalrahmen, 168 x 400 cm, Kunstmuseum Bern © Kunstmuseum Bern Ernst Ludwig Kirchner: «Sonntag der Bergbauern», 1923–24, Öl auf Leinwand, 170 x 400 cm, Bundesrepublik Deutschland © Bundesrepublik Deutschland Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5
DÖLF BARBEN «Sie können auch die Treppe nehmen», sagt Peter Maurer. Eben sind zwei Frauen beim gelben Kassenhäuschen angekommen. Die beiden lachen. Sie wissen sofort, dass er es nicht ernst meint. Maurer ist 69-jährig, pensionierter Radiojournalist und arbeitet als Kondukteur beim Mattelift. Er nennt sich Liftboy. Wer ihn dabei beobachtet, wie er auf die Leute zugeht und sie anspricht, merkt eines bald: Er ist ein Meister der feinen Ironie. Zu einem älteren Mann sagt er: «Sie können den Hut aufbehalten.» Einfach so. Auch der antwortet mit einem Lächeln. Der Mattelift ist ein besonderer Lift. Es gibt im Innern der Kabine zwar Knöpfe wie bei anderen Liften auch. Der Unterschied besteht aber darin, dass man nicht einfach einsteigen und losfahren darf, obschon das möglich wäre. Man benötigt eine Fahrkarte, denn der Mattelift ist ein vom Staat konzessioniertes, kontrolliertes und subventioniertes öffentliches Verkehrsmittel. Und zwar jenes, das in der Schweiz die kürzeste Strecke zurücklegt – nur rund 30 Meter. Das ist kürzer als ein Tram lang ist. Übrigens: Die Einheimischen nennen den Mattelift schlicht «Senkeltram». Betrieben wird der Lift von einer privaten Aktiengesellschaft. «Rechtlich gesehen sind wir eine Seilbahn», sagt deren Präsident Marc Hagmann, um im gleichen Atemzug zu ergänzen: «Aber selbstverständlich sind wir ein Lift.» Als dieser 1897 eröffnet wurde, galt er als technisches Pionierprojekt. Heute transportiert er täglich über 700 Personen, das sind mehr als 20000 pro Monat. Eine Fahrt kostet 1.50 Franken – auch für Hunde und Velos. Gewisse Abonnemente für den öffentlichen Verkehr sind gültig. Der Betrieb werfe kaum Rendite ab, aber der Lift sei wichtig für die Leute hier, sagt Hagmann und spricht von einer «sozialen Aufgabe». «Es ist viel mehr als ein Lift» Kein öffentliches Verkehrsmittel in der Schweiz ist kürzer als der Mattelift in Bern. Dafür ist seine Geschichte umso länger. Kondukteur und Liftboy Peter Maurer kennt sie. Es war der erste elektrische Personenlift im öffentlichen Raum der Schweiz – vergleichbar mit dem Hammetschwand-Lift am Vierwaldstättersee, dem höchsten Freiluftaufzug Europas. Der Mattelift ist ebenfalls ein Freiluftaufzug. Er steigt nicht im Innern eines Gebäudes empor, sondern aussen an einer Mauer. Es ist die Mauer der Münsterplattform, der prächtigen Terrasse auf der Südseite der grössten und wichtigsten Kirche der Stadt Bern. 30 Meter Höhendifferenz oder 183 Treppenstufen mögen nicht allzu viel sein. Doch in der Anfangszeit habe dieses «Oben und Unten» das soziale Gefälle zum Ausdruck gebracht, erzählt Liftboy Peter Maurer. Oben in der Altstadt lebten die reichen Berner Familien, unten im Mattequartier waren die Armen zuhause, Gerber, Schiffer und Flösser. In einigen Häusern der düsteren Badgasse hätten sich aus den offiziellen Bädern im Die «Bergstation» des Mattelifts strahlt nachts hoch über dem Mattequartier. Oben und unten: In seinen Anfängen überwand der Lift auch ein soziales Gefälle. Foto Peter Maurer Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: Das öffentliche Verkehrsmittel mit der schweizweit kürzesten Strecke. Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 16 Reportage
Aber es gab auch glückliche Fügungen. Zum Job beim Mattelift kam der nunmehr alleinerziehende Vater durch reinen Zufall. Als er in der Aare schwamm, sah er einen Kollegen am Ufer. Er sei nun Liftboy, rief ihm der andere zu. «Das elektrisierte mich», sagt Maurer. Und er wusste noch am gleichen Abend, dass er das auch werden wollte. So hat Peter Maurer den Mattelift gefunden. Aber der Mattelift hat auch ihn gefunden. Der Job scheint ihn zu beglücken. «Es ist mehr als ein Lift», sagt er, «viel mehr als ein Lift.» Und als ob er dessen Wesen nicht fassen könnte, hat er angefangen, ihn zu fotografieren. Zu allen Tages- und Jahreszeiten und aus allen möglichen Blickwinkeln. Alle paar Monate gestaltet er ein Plakat. Das neueste hängt bei der Talstation; es trägt den Titel «Sonnenblumenlift». Ein Lift, der mehr ist als ein Lift. Das gilt vor allem für die Menschen im Mattequartier, die ihn immer wieder benutzen. Für einige ältere Leute aus dem Mattequartier seien die Kondukteurinnen und Kondukteure wie Bezugspersonen, sagt Maurer. «Wir sind bereit zu reden. Für manche sind wir noch die Einzigen, mit denen sie regelmässig in Kontakt stehen.» «Wir sehen es den Leuten an, wie es ihnen geht», sagt er. Ob sie bekümmert sind oder fröhlich. Und wenn jemand sich nicht gerade besonders stark fühle, «tragen wir auch mal eine Einkaufstasche ein paar Meter weit». Für Maurer steht der Mattelift wie ein Leuchtturm im Quartier – ganz besonders im Winter, wenn es am Morgen noch dunkel ist. Wenn der Lift um sechs Uhr in Betrieb genommen wird, geht oben ein Licht an. «Dann wissen alle, jemand von uns ist da.» Laufe der Zeit bordellartige Betriebe entwickelt. Für ihn ist klar: «Die Reichen wehrten sich gegen den Lift, weil sie die Leute aus der Matte nicht bei sich oben wollten.» Damit dürfte er nicht ganz unrecht haben. Der Historiker Stefan Weber beschreibt in einer Arbeit über die Anfänge des Mattelifts, wie dieser bekämpft wurde. Das Argument der Geringschätzung des Mattequartiers sei nicht abwegig, hält er fest – auch wenn die Bewohnerinnen und Bewohner der oberen Stadtteile es nicht explizit äusserten. Sie zeigten sich vielmehr besorgt, der Lift werde die Plattform, «die Zierde der Stadt Bern», als Bauwerk verschandeln und deren Atmosphäre «empfindlich stören». Diese Zeiten sind längst vergessen. Der Mattelift wurde vom Publikum dankbar aufgenommen, er galt als Zeichen des Fortschritts. Die sozialen Unterschiede hätten sich stark verringert seither, sagt Peter Maurer. Auch im Mattequartier lebten heute wohlhabende Leute – «Gentrifizierung sei Dank», sagt er. Und meint auch das ironisch. Maurer arbeitet seit fünf Jahren als Kondukteur. «Wir sind sieben Liftboys und zwei Liftgirls – alles Pensionierte.» Er leistet sieben bis acht Tageseinsätze pro Monat. Er habe immer gern mit Leuten geredet. Früher als Journalist sei er zu anderen hingegangen – «heute kommen sie zu mir». Einmal schon erzählte er seine Geschichte dem «Beobachter», einem Schweizer Magazin. Maurer klingt oft philosophisch. Der Mattelift habe viel mit dem richtigen Leben zu tun, sagt er. Manchmal gehe es aufwärts, manchmal abwärts. Das ist so ein Satz. Sein eigenes Leben verlief nicht ohne Schicksalsschläge – vor zehn Jahren starb seine Frau. Rechtlich gesehen ist der Mattelift eine Seilbahn – eine Seilbahn, die man selbstverständlich als Lift erkennt. Fotos Peter Maurer Liftboy Peter Maurer sagt, der Mattelift sei «sehr viel mehr als ein Lift». Und im Gegenzug ist Maurer für viele im Quartier sehr viel mehr als ein Liftboy. Foto Marc Lettau Eine Reihe von Peter Maurers Mattelift-Fotos finden Sie in unserer Online-Ausgabe: www.revue.link/mattelift Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 17
DENISE LACHAT Er sei «beunruhigt», schreibt der Bundesrat in einer Mitteilung vom 19. September 2025 und reagiert damit ganz direkt auf einen Entscheid aus Zürich: Dort hatte das Kantonsparlament zuvor entschieden, den Französischunterricht aus der Primarschule zu kippen und in die Oberstufe zu verschieben. Das Argument: Die Investitionen in den Unterricht hätten sich nicht gelohnt, am Ende der Primarschule seien die Französischkenntnisse bescheiden. Schlimmer noch: Der Lehrplan werde überladen, die Kinder erreichten die verlangten Kompetenzen in ihrer eigenen Schulsprache nicht mehr. Der Zürcher Entscheid hat den seit Jahren wackligen Sprachenkompromiss unter den Kantonen erschüttert. Er lautet so: In der dritten und der fünften Primarklasse werden zwei Fremdsprachen eingeführt, eine zweite Landessprache und Englisch. Die Kantone können aber entscheiden, welche Sprache zuerst an die Reihe kommt. Französisch hat in vielen Deutschschweizer Kantonen seit Jahren einen schweren Stand. Etliche Kantone (ZH, LU, UR, SZ, OW, NW, GL, SH, AR, AI, SG, AG und TG) unterrichten zuerst Englisch, und eine ganze Reihe erwägt wie Zürich, Französisch in die Oberstufe zu verschieben. Der Entscheid des grössten Deutschschweizer Kantons wirkte wie ein Alarmsignal in der Westschweiz, wo alle Kantone der Landessprache Deutsch ganz selbstverständlich Vorrang geben und den Unterricht eher aus- statt abbauen. Irritiert fragte Christophe Darbellay, Erziehungsdirektor des Kantons Wallis und Präsident der Schweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), wie die Schweizer:innen denn zusammenleben sollten, wenn sie nicht in der Lage seien, eine gemeinsame Sprache zu sprechen? Genau wie Darbellay sieht auch die für Bildung zuständige frankophone Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider den nationalen Zusammenhalt auf dem Spiel. Viele Romands bemühten sich um Deutsch und stellten enttäuscht fest, dass den Deutschschweizern die Landessprachen offenbar egal seien. Nicht, dass Westschweizer Primarklässler Deutsch speziell sexy fänden – im Vergleich zu Englisch, das auch ihren Alltag durchdringt, hat jede andere Fremdsprache einen schweren Stand. Aber die Schweiz hat sich nun einmal in die Verfassung geschrieben, dass «Bund und Kantone die Verständigung und den Austausch zwischen den Sprachgemeinschaften fördern» (Art. 70). Es geht darum, die Landsleute aus anderen Sprachregionen zu verstehen und trotz aller sprachlichen und kulturellen Unterschiede zusammenbleiben zu wollen – so lautet das Prinzip der «Willensnation». Um die Mehrsprachigkeit in der obligatorischen Schule zu garantieren, will der Bundesrat das Sprachengesetz erweitern. Er sieht zwei Varianten vor. Entweder wird der heute geltende Kompromiss – eine Landessprache an der Primarschule und Englisch – im Sprachengesetz festgeschrieben, oder dann wird eine Minimalvorgabe eingeführt, die den Kantonen mehr Spielraum gibt. Eine zweite Landessprache müsste ab der Primar- und bis zum Ende der ersten Sekundarstufe unterrichtet werden. Warum die Flexibilität? Seit der Gründung der Eidgenossenschaft im Jahr 1848 liegt die Schulhoheit im Prinzip bei den Kantonen. Damit nicht alle 26 frei nach ihrem Gusto unterrichten, haben sie sich mit dem Bund vor rund 20 Jahren auf Harmonisierungsziele geeinigt. Die Idee hinter diesem «Bildungsraum Schweiz», den auch das Stimmvolk an der Urne deutlich gutgeheissen hat: Am Ende der obligatorischen Schulzeit sollen Schulabgänger:innen schweizweit die gleichen Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen erreichen, auch im Falle eines Wohnortswechsels über Kantonsgrenzen hinweg. Scheitert das Harmonisierungsprojekt, ist der Bund zum Eingreifen verpflichtet; auch das schreibt die Verfassung vor. Der Bundesrat hat nun für potenzielle Abtrünnige eine konkrete Warnung an der Hand. Der Bundesrat steht für Französisch ein Bildung ist in der kulturell vielfältigen Schweiz ein sensibler Bereich – erst recht, wenn es um den Sprachunterricht geht. Dass mit Zürich ausgerechnet der grösste Kanton der Deutschschweiz Französisch in der Primarschule abschaffen will, geht nun auch der Schweizer Regierung zu weit. Französischunterricht in der Unterstufe in Bungertwies (ZH): Auf den frühen Kontakt mit der Landessprache Französisch will Zürich künftig verzichten. Archivbild Keystone, 2015 Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 18 Nachrichten
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