Schweizer Revue 5/2025

volutionären Liedern wie «Au bord de la libre Sarine», komponiert von Jacques Vogt, dem Gründer des Chors. Nach dem Sieg der Progressiven gewannen die Konservativen in Freiburg in den 1850er-Jahren wieder die Oberhand. Die Regierung fürchtete den Einfluss der Société de Chant und versuchte, ihre Aktivitäten zu unterbinden. Erst 1871 konnte der Chor wieder ein kantonales Gesangsfest organisieren – und lud dazu die Berner Liedertafel ein. Der angesehene Chor aus der neuen Bundesstadt war eng mit der Politik verknüpft; unter seinen Passivmitgliedern fanden sich Bundesräte. Die Berner Sänger unterstützten ihre Freiburger Kollegen aus Solidarität – aber auch «aus patriotischer Pflicht», um die Einheit der noch jungen Eidgenossenschaft zu stärken. Singen fürs Vaterland «Trotz sprachlicher und religiöser Unterschiede pflegten die beiden Chöre eine enge Freundschaft über den Röstigraben hinweg», berichtet Hauck. Dies belegt ein reger Briefwechsel. Männerchöre förderten nicht nur das gemeinsame Singen und trugen weltanschauliche Konflikte aus, sie wollten auch ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl aufbauen. Besonders bei den grossen eidgenössischen Sängerfesten, die seit 1843 regelmäsIhre Leidenschaft galt dem Gesang – und der Politik: die Berner Liedertafel 1850 im alten Casino. Abbildung: Lithografie von Ernst Neubauer, Staatsarchiv Kanton Bern Hunderte von Jodlerchören ergänzen das Spektrum der stilistisch vielfältigen Gesangsgruppen. Im Bild Jodler aus dem Wallis am Eidgenössischen Jodlerfest 1975. Foto Keystone sig stattfanden, wurde der Zusammenhalt zelebriert – ähnlich wie bei Turn- oder Schützenfesten. Das Repertoire umfasste eigens komponierte Nationallieder wie «O mein Heimatland, o mein Vaterland» des Schriftstellers Gottfried Keller und des Komponisten Wilhelm Baumgartner. Auch Volks- und Naturlieder waren beliebt. Die Berner Liedertafel wagte sich zudem an anspruchsvolle Werke, etwa von Franz Schubert. Gemischte Chöre und Frauenchöre gab es im 19. Jahrhundert zwar auch schon. «Einige Frauenchöre nahmen an kantonalen Gesangsfesten teil und erzielten Bestnoten», sagt Hauck. Öffentlich dominierten jedoch die Männerchöre – ein Spiegel der damaligen Geschlechterordnung. Breite Bevölkerungsschichten Ein Pionier des Schweizer Chorgesangs war Hans Georg Nägeli. Der Zürcher Komponist und Verleger förderte die musikalische Volksbildung. 1805 gründete er das erste nichtkirchliche Singinstitut, aus dem 1810 der erste weltliche Männerchor hervorDie Freiburger Kantonsregierung fürchtete sie und setzte sie unter Druck: die Société de Chant de la Ville de Fribourg. Abbildung ZVG Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 10 Gesellschaft

RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx