ging. Chöre für breite Bevölkerungsschichten waren eine Innovation des 19. Jahrhunderts. Nägeli, europaweit als «Sängervater» bekannt, prägte mit seinen musikpädagogischen Ideen die Deutschschweiz und die Romandie. «Viele Chöre berufen sich in ihren Quellen immer wieder auf ihn», weiss Hauck. Hauck stammt aus Brasilien und lebt seit 2017 im Kanton Waadt. Warum widmet sie sich einem musikwissenschaftlich bisher kaum beachteten Thema? «Chormusik faszinierte mich schon während meines Studiums in São Paulo», sagt sie. Sie sang selbst in Chören und leitete zuletzt den Polizeimännerchor Lausanne. Ihre Forschungsergebnisse vermittelt sie anschaulich: Gemeinsam mit dem Zeichner Julien Cachemaille veröffentsagt Hauck. Schon im 19. Jahrhundert finden sich Klagen über unregelmässige Probebesuche in Protokollen und hörten Chöre wegen Mitgliederschwunds auf. Es wurden aber immer wieder neue gegründet – bis heute, mit breitester stilistischer Vielfalt. «Die Chorkultur in der Schweiz lebt und verbindet Generationen», so die Forscherin. Politische Diskussionen spielen weniger eine Rolle, auch wenn Chöre weiterhin Zeichen setzen – für die queere Community, Feminismus «Chorisma», ein Schaffhauser Chor, in dem vorab die Jungen die Chorkultur weitertragen. Im Bild eine Szene aus dem Musical «Rent». Foto Jeannette Vogel, Schaffhauser Nachrichten Die traditionellen Tellspiele in Altdorf bauen seit 1899 auf Laienschauspieler und insbesondere auf Laienchöre. Archivbild Keystone, 2004 oder als gemeinsamer Chor von Einheimischen und Asylsuchenden. Deutlich verändert hat sich die Organisationsform. Chorvereine, die wöchentlich am Abend proben, gibt es noch, doch flexible Projektchöre haben an Bedeutung gewonnen. «Es ist nicht schwierig, Singbegeisterte zu finden – nur die Bindung an einen einzelnen Chor ist lockerer geworden», stellt Anna-Barbara Winzeler von der Chorvereinigung fest. Sie ist Musikstudentin an der Hochschule Luzern und leitet den Chor «chorisma» aus Schaffhausen mit Sängerinnen und Sängern zwischen 18 und 35 Jahren. Junge helfen mit, die Chorkultur weiterzutragen, betont sie. lichte sie den Wissenschaftscomic «Drei Schweizer Chorsänger im 19. Jahrhundert», der online auf Deutsch und Französisch verfügbar ist. Wandel und Beständigkeit Die Berner Liedertafel blieb ein Männerchor und löste sich 2018 wegen Nachwuchsmangels auf. Die «Société de Chant de la Ville de Fribourg» existiert schon seit 2000 nicht mehr. Dass Chöre kommen und gehen, sei normal, Der Wissenschaftscomic «Drei Chorsänger im 19. Jahrhundert» ist auf der Website des Forschungsprojekts in deutscher und französischer Sprache kostenlos zugänglich: www.clefni.unibe.ch Chorgesang hören Online finden Sie ausgewählte Hörbeispiele aus dem Schweizer Chorwesen: www.revue.link/chor Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 11
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