DÖLF BARBEN «Sie können auch die Treppe nehmen», sagt Peter Maurer. Eben sind zwei Frauen beim gelben Kassenhäuschen angekommen. Die beiden lachen. Sie wissen sofort, dass er es nicht ernst meint. Maurer ist 69-jährig, pensionierter Radiojournalist und arbeitet als Kondukteur beim Mattelift. Er nennt sich Liftboy. Wer ihn dabei beobachtet, wie er auf die Leute zugeht und sie anspricht, merkt eines bald: Er ist ein Meister der feinen Ironie. Zu einem älteren Mann sagt er: «Sie können den Hut aufbehalten.» Einfach so. Auch der antwortet mit einem Lächeln. Der Mattelift ist ein besonderer Lift. Es gibt im Innern der Kabine zwar Knöpfe wie bei anderen Liften auch. Der Unterschied besteht aber darin, dass man nicht einfach einsteigen und losfahren darf, obschon das möglich wäre. Man benötigt eine Fahrkarte, denn der Mattelift ist ein vom Staat konzessioniertes, kontrolliertes und subventioniertes öffentliches Verkehrsmittel. Und zwar jenes, das in der Schweiz die kürzeste Strecke zurücklegt – nur rund 30 Meter. Das ist kürzer als ein Tram lang ist. Übrigens: Die Einheimischen nennen den Mattelift schlicht «Senkeltram». Betrieben wird der Lift von einer privaten Aktiengesellschaft. «Rechtlich gesehen sind wir eine Seilbahn», sagt deren Präsident Marc Hagmann, um im gleichen Atemzug zu ergänzen: «Aber selbstverständlich sind wir ein Lift.» Als dieser 1897 eröffnet wurde, galt er als technisches Pionierprojekt. Heute transportiert er täglich über 700 Personen, das sind mehr als 20000 pro Monat. Eine Fahrt kostet 1.50 Franken – auch für Hunde und Velos. Gewisse Abonnemente für den öffentlichen Verkehr sind gültig. Der Betrieb werfe kaum Rendite ab, aber der Lift sei wichtig für die Leute hier, sagt Hagmann und spricht von einer «sozialen Aufgabe». «Es ist viel mehr als ein Lift» Kein öffentliches Verkehrsmittel in der Schweiz ist kürzer als der Mattelift in Bern. Dafür ist seine Geschichte umso länger. Kondukteur und Liftboy Peter Maurer kennt sie. Es war der erste elektrische Personenlift im öffentlichen Raum der Schweiz – vergleichbar mit dem Hammetschwand-Lift am Vierwaldstättersee, dem höchsten Freiluftaufzug Europas. Der Mattelift ist ebenfalls ein Freiluftaufzug. Er steigt nicht im Innern eines Gebäudes empor, sondern aussen an einer Mauer. Es ist die Mauer der Münsterplattform, der prächtigen Terrasse auf der Südseite der grössten und wichtigsten Kirche der Stadt Bern. 30 Meter Höhendifferenz oder 183 Treppenstufen mögen nicht allzu viel sein. Doch in der Anfangszeit habe dieses «Oben und Unten» das soziale Gefälle zum Ausdruck gebracht, erzählt Liftboy Peter Maurer. Oben in der Altstadt lebten die reichen Berner Familien, unten im Mattequartier waren die Armen zuhause, Gerber, Schiffer und Flösser. In einigen Häusern der düsteren Badgasse hätten sich aus den offiziellen Bädern im Die «Bergstation» des Mattelifts strahlt nachts hoch über dem Mattequartier. Oben und unten: In seinen Anfängen überwand der Lift auch ein soziales Gefälle. Foto Peter Maurer Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: Das öffentliche Verkehrsmittel mit der schweizweit kürzesten Strecke. Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 16 Reportage
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