Aber es gab auch glückliche Fügungen. Zum Job beim Mattelift kam der nunmehr alleinerziehende Vater durch reinen Zufall. Als er in der Aare schwamm, sah er einen Kollegen am Ufer. Er sei nun Liftboy, rief ihm der andere zu. «Das elektrisierte mich», sagt Maurer. Und er wusste noch am gleichen Abend, dass er das auch werden wollte. So hat Peter Maurer den Mattelift gefunden. Aber der Mattelift hat auch ihn gefunden. Der Job scheint ihn zu beglücken. «Es ist mehr als ein Lift», sagt er, «viel mehr als ein Lift.» Und als ob er dessen Wesen nicht fassen könnte, hat er angefangen, ihn zu fotografieren. Zu allen Tages- und Jahreszeiten und aus allen möglichen Blickwinkeln. Alle paar Monate gestaltet er ein Plakat. Das neueste hängt bei der Talstation; es trägt den Titel «Sonnenblumenlift». Ein Lift, der mehr ist als ein Lift. Das gilt vor allem für die Menschen im Mattequartier, die ihn immer wieder benutzen. Für einige ältere Leute aus dem Mattequartier seien die Kondukteurinnen und Kondukteure wie Bezugspersonen, sagt Maurer. «Wir sind bereit zu reden. Für manche sind wir noch die Einzigen, mit denen sie regelmässig in Kontakt stehen.» «Wir sehen es den Leuten an, wie es ihnen geht», sagt er. Ob sie bekümmert sind oder fröhlich. Und wenn jemand sich nicht gerade besonders stark fühle, «tragen wir auch mal eine Einkaufstasche ein paar Meter weit». Für Maurer steht der Mattelift wie ein Leuchtturm im Quartier – ganz besonders im Winter, wenn es am Morgen noch dunkel ist. Wenn der Lift um sechs Uhr in Betrieb genommen wird, geht oben ein Licht an. «Dann wissen alle, jemand von uns ist da.» Laufe der Zeit bordellartige Betriebe entwickelt. Für ihn ist klar: «Die Reichen wehrten sich gegen den Lift, weil sie die Leute aus der Matte nicht bei sich oben wollten.» Damit dürfte er nicht ganz unrecht haben. Der Historiker Stefan Weber beschreibt in einer Arbeit über die Anfänge des Mattelifts, wie dieser bekämpft wurde. Das Argument der Geringschätzung des Mattequartiers sei nicht abwegig, hält er fest – auch wenn die Bewohnerinnen und Bewohner der oberen Stadtteile es nicht explizit äusserten. Sie zeigten sich vielmehr besorgt, der Lift werde die Plattform, «die Zierde der Stadt Bern», als Bauwerk verschandeln und deren Atmosphäre «empfindlich stören». Diese Zeiten sind längst vergessen. Der Mattelift wurde vom Publikum dankbar aufgenommen, er galt als Zeichen des Fortschritts. Die sozialen Unterschiede hätten sich stark verringert seither, sagt Peter Maurer. Auch im Mattequartier lebten heute wohlhabende Leute – «Gentrifizierung sei Dank», sagt er. Und meint auch das ironisch. Maurer arbeitet seit fünf Jahren als Kondukteur. «Wir sind sieben Liftboys und zwei Liftgirls – alles Pensionierte.» Er leistet sieben bis acht Tageseinsätze pro Monat. Er habe immer gern mit Leuten geredet. Früher als Journalist sei er zu anderen hingegangen – «heute kommen sie zu mir». Einmal schon erzählte er seine Geschichte dem «Beobachter», einem Schweizer Magazin. Maurer klingt oft philosophisch. Der Mattelift habe viel mit dem richtigen Leben zu tun, sagt er. Manchmal gehe es aufwärts, manchmal abwärts. Das ist so ein Satz. Sein eigenes Leben verlief nicht ohne Schicksalsschläge – vor zehn Jahren starb seine Frau. Rechtlich gesehen ist der Mattelift eine Seilbahn – eine Seilbahn, die man selbstverständlich als Lift erkennt. Fotos Peter Maurer Liftboy Peter Maurer sagt, der Mattelift sei «sehr viel mehr als ein Lift». Und im Gegenzug ist Maurer für viele im Quartier sehr viel mehr als ein Liftboy. Foto Marc Lettau Eine Reihe von Peter Maurers Mattelift-Fotos finden Sie in unserer Online-Ausgabe: www.revue.link/mattelift Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 17
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