ROGER SIDLER 1953 wandte sich der Basler Zoodirektor Heini Hediger an den Bundesrat. In seinem Aufsatz «Fischotter und Bundesräte» bedankte sich der profilierte Zoologe für das damals in Kraft gesetzte revidierte Jagdgesetz. Es markierte eine Wende: Endlich wurde der Fischotter mit anderen Tierarten wie der Lerche oder dem Steinadler von der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen und unter Schutz gestellt. Für den Fischotter kam der Schutz sehr spät, denn er war zu diesem Zeitpunkt so gut wie ausgerottet. Ausrotten als Ziel Das alte Jagdgesetz von 1888 empfand Hediger schon immer als Sündenfall. Dessen Artikel 22 hielt nämlich fest: «Die Ausrottung von Fischottern, Fischreihern und anderen der Fischerei besonders schädlichen Tieren ist möglichst zu begünstigen.» Deshalb sah das Gesetz auch Abschussprämien vor. Der Kanton St. Gallen zahlte 20 Franken pro Tier, Bern 15 Franken, die Waadt 40 Franken. Die Beträge fielen hoch aus, oft ergänzt durch Zuschüsse kantonaler und lokaler Fischereivereinigungen, denn die Jäger zeigten an der Otterjagd wenig Interesse. Sie zogen des Fleisches wegen die Jagd auf Hirsche, Rehe und Wildschweine vor. Wurden in den 1890er-Jahren jährlich 100 bis 150 erlegte Fischotter registriert, sank die Zahl im Zweiten Weltkrieg auf unter zehn Exemplare. Bereits 1932 zahlten die Behörden letztmals Abschussprämien aus. Der finanzielle Anreiz hatte mangels Tieren seinen Sinn verloren. Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Fischotter ganz aus der Landschaft verschwunden. Heini Hedigers Engagement für den Schutz heimischer Tiere gründete im Fall der Fischotter im traurigen Schicksal eines ganz besonderen Tieres. Von 1938 bis 1944 leitete Hediger in Bern den Tierpark Dählhölzli – und in Bern wuchs ihm Fischotter Peterli ans Herz. Einen Sommer lang löste der Fischotter im Dählhölzli einen veritablen Rummel aus, sehr zur Freude Hedigers, der sich keinen besseren Werbeträger hätte wünschen können. Ein Findelkind Nur: Wie kam Peterli überhaupt in den Tierpark? Der Tierpark-Oberwärter Werner Schindelholz stiess, wie er selber erzählte, im Juni 1938 auf einem Streifgang entlang der Aare auf ein blindes Fischotterbaby, das höchstens einige Tage alt sein konnte. Normalerweise öffnen die Jungen ihre Augen nach rund dreissig Tagen und verlassen ihre Höhle erst nach zehn Wochen. Es ist daher höchst unwahrscheinlich, dass Schindelholz dem Findelkind am Wegrand begegnet Erst der Applaus, dann der Köder: Fischotter Peterli, der vergiftete Publikumsliebling Die Geschichte von Fischotter Peterli steht stellvertretend für den Umgang mit heimischen Wildtieren: Bis Mitte des 20. Jahrhunderts sah die Schweiz im Fischotter bloss einen Fischschädling. Das kostete Peterli, dem Publikumsliebling im Berner Tierpark Dählhölzli, das Leben. Zugleich wurde das Zootier zum Zeitzeugen. war. Vielmehr dürfte der jagderfahrene Oberwärter dessen Höhle entdeckt haben. Und da er immer schon von einem solchen Fund geträumt hatte, nahm er den 220 Gramm schweren, keine zwanzig Zentimeter langen Fischotter zu sich nach Hause und gab ihm den Namen Peterli. Die Aufzucht gelang. Im Herbst 1938 machten in Bern Erzählungen die Runde, wonach ein Fischotter in Begleitung eines Mannes Spaziergänge unternehme. Dabei gehorche der Fischotter wie ein Hündchen. Selbst in den Bus nahm Schindelholz Peterli mit. Das ist verbürgt. Ob sich das Tier auf den Schoss von Bundesrat Giuseppe Motta setzte, wie Hediger in seinen Lebenserinnerungen behauptet, lässt sich hingegen nicht überprüfen. Anfang 1939 übergab Schindelholz seinen Fischotter dem Tierpark. Und dort avancierte Peterli umgehend zum Star. Er war der Artist unter den Zootieren. Jeden Nachmittag wieselte der dressierte Fischotter zum Brunnen beim Restaurant Dählhölzli, wo eine Menschenmenge auf ihn wartete. Wie eine lebendig gewordene Schraube drehte er sich im Wasser, jonglierte mit einem Ball, fing Fische aus der Luft und apportierte. Danach trug ihn Schindelholz in ein Becken aus Beton, Wasser und Stein. Würfelzucker und Rasierklingen Bald sah sich der Tierpark mit den Schattenseiten von Peterlis Berühmtheit konfrontiert. Da sich das Becken im frei zugänglichen Teil des Tierparks befand, war der Fischotter den Launen des Publikums ausgesetzt. Mit Handtaschen, Hüten, Schirmen und Stöcken versuchte dieses, das Tier zu necken. Zur Animation warf Der noch nicht voll ausgewachsene Fischotter Peterli in den Armen eines jungen Tierparkbesuchers – fotografiert von Heini Hediger. Foto Heini Hediger, 1938/1939 Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 20 Natur und Umwelt
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