Schweizer Revue 5/2025

SUSANNE WENGER Im Advent gehören die Bühnen den Chören. Vom Berner Bach-Chor über den Schweizer Jugendchor und den Gospel-Chor Appenzeller Mittelland bis zum Chœur Pro Arte in Lausanne laden Gesangsgruppen zu Weihnachtskonzerten ein. Doch auch das restliche Jahr über sind Chöre aktiv. Die Schweiz hat eine reichhaltige Chorszene. Laut Bundesstatistik singt jede fünfte Person im Land in ihrer Freizeit, meist wöchentlich und am häufigsten in einem Chor. «Im europäischen Vergleich weist die Schweiz eine der höchsten Quoten an Sängerinnen und Sängern auf», sagt Caiti Hauck von der Universität Bern. Die genaue Anzahl der Chöre bleibt unklar, da es viele unterschiedliche Arten gibt. Der Schweizerischen Chorvereinigung, dem Dachverband der weltlichen Chöre, gehören aktuell über 1200 Formationen an: Männer-, Frauen-, gemischte, Kinder- und Jugendchöre. Nach einem Rückgang während der Corona-Pandemie hat sich die Zahl wieder stabilisiert, berichtet Anna-Barbara Winzeler von der Chorvereinigung. Hinzu kommen Hunderte Kirchenchöre, Hunderte Jodlerklubs und zahlreiche informelle Vokalensembles, die in keinem Verzeichnis auftauchen. Historische Wurzeln Besonders dicht ist die Chorszene im Kanton Freiburg. Der dortige Chorgesang zählt zu den «lebendigen Traditionen der Schweiz», einer Liste des Bundesamts für Kultur, die im Rahmen der Unesco-Konvention das immaterielle Kulturerbe bewahren will. Doch warum ist das Chorsingen in der Schweiz so verbreitet? Neben den universellen Vorteilen – gemeinsames Singen hebt die Stimmung und stärkt nachweislich das Immunsystem – spielen historische Gründe eine Rolle. Im 19. Jahrhundert waren Chöre nicht nur musikalische Vereine. Sie errangen politisches Gewicht in einer von Spannungen geprägten Zeit: zwischen Liberalen und Konservativen, Reformierten und Katholiken. Im Jahr nach dem Sonderbundskrieg entstand 1848 der Bundesstaat, die erste moderne Demokratie in Europa. «MännerWie Chorgesang die moderne Schweiz formte Die Schweiz singt – hier gibt es besonders viele Chöre. Heute vor allem ein Massenhobby, hatten die Chöre im 19. Jahrhundert politischen Einfluss und besangen den neuen Bundesstaat. Das sagt die Berner Musikwissenschaftlerin Caiti Hauck, die das Chorleben erstmals vertieft untersucht hat. chöre schufen eine politische Öffentlichkeit rund um die Entstehung des Bundesstaats», erklärt Hauck. Sie hat das Chorleben in den Städten Bern und Freiburg erstmals vertieft untersucht. Ihre Quellen: Festschriften, Vereinsakten, Mitgliederlisten, Korrespondenzen, Konzertprogramme und Presseartikel. Politische Töne Hauck fand in Bern und Freiburg über 100 Gesangsvereine. Besonders prägend waren die 1841 gegründete «Société de Chant de la Ville de Fribourg», der erste weltliche Männerchor in der Romandie, und die 1845 gegründete «Berner Liedertafel». Beide Chöre vertraten liberal-radikale Ansichten, im Gegensatz etwa zum 1877 in konservativ-kirchlichem Umfeld gegründeten Männerchor Cäcilienverein Freiburg. Die Société de Chant zeigte ihre Haltung mit reDer «Chœur mixte St-Michel» aus Haute-Nendaz, einer der über 1200 Chöre der Schweiz. Foto Keystone Caiti Hauck von der Universität Bern hat das frühe Chorleben in Bern und Freiburg untersucht. Foto Dres Hubacher, ZVG Schweizer Revue / Dezember 2025 / Nr.5 9 Gesellschaft

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