Schweizer Revue 1/2022

Schweizer Revue / Februar 2022 / Nr.1 7 Der Triftgletscher ist dahingeschmolzen, eine neue, unberührte Gebirgslandschaft ist freigelegt. Der lokale Energieversorger möchte hier eine Staumauer hochziehen und Strom gewinnen. Archivbild Keystone (2009) miden vonCheops, und alleinmit dem Gewicht ihres Betonbauchs hält sie den kilometerlangen See zurück.Was, wenn etwas bricht? Befeuert wurde die Ehrfurcht vor der Wasserkraft durch illustre Ingenieure, die den Staumauerbau als Hochleistungsdisziplin betrieben. Der Tessiner Giovanni Lombardi etwa – Vater des Mitte-Politikers Filippo Lombardi, der unter anderem Präsident der Auslandschweizer-Organisation ist – machte sich 1965 einen Namen mit dem elegant gebogenen Verzasca-Staudamm, der wegen seinem schlanken Design Standards setzte. Als James Bond in der Eröffnungsszene des 1995 veröffentlichten Films «Goldeneye» am Bungy-Seil über die Talsperre in die Tiefe sprang, wurde die Mauer zur Action-Ikone. Lombardi, der später den GotthardStrassentunnel baute, blieb bis zu seinem Tod 2017 eine Referenzfigur für spektakuläre Bauwerke. Wasserzins als nationaler Kitt Eher unbemerkt festigte die Wasserkraft neben demHeimatmythos auch den nationalenZusammenhalt. Denn: Für das gestaute Wasser fliesst ziemlich viel Geld zurück in die Berge. Die Standortgemeinden der Kraftwerke werden für die Nutzung ihrer Ressource mit Wasserzinsen entschädigt – insgesamt mit rund einer halbenMilliarde Franken pro Jahr. Man kannWasserzinsen als Transferzahlungen verstehen aus demwirtschaftsstarken Mittelland ins Berggebiet, das in seine Infrastruktur investieren und der Abwanderung entgegenwirken kann. Wie eng die Wasserkraft die Schweiz über den Stadt-Land-Graben verschränkt, zeigt geschaffene stabile Stromversorgung wurde zumRückgrat desWirtschaftswachstums. Die alpine Schweiz bewahrte sich mit kühnen Bauwerken im unwegsamen Berggebiet ein Stück energetische Unabhängigkeit. Tatsächlich stammten 1970, bevor die ersten Atomkraftwerke ans Netz gingen, rund90Prozent des Schweizer Stroms aus Wasserkraft. Es gehörte im Boomgefühl der 1970er-Jahre zum Repertoire von Familienausflügen, imAuto Richtung Wallis zu fahren, nach Sion zum Beispiel und dann hoch ins Val d’Hérémence zur überwältigenden Talsperre der Grande Dixence. Man standmit mulmigemGefühl am Fuss der 285MetermessendenMauer, noch heute das höchste Bauwerk der Schweiz. Sie wiegt unvorstellbare 15 Millionen Tonnen, mehr als die Pyra­

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