Schweizer Revue 4/2022

gen auch den Permafrost im Hochgebirge zum Schmelzen. Die Schweizer Bergregionen sind vom Klimawandel besonders stark betroffen. Hier hat sich die Durchschnittstemperatur seit der vorindustriellen Zeit um rund zwei Grad Celsius erhöht – das ist fast doppelt so viel wie der weltweite Durchschnitt. Die konkreten Folgen für Guttannen werden bei Bohrungen in der Nähe des Homadgletschers auf 2500 Metern über Meer deutlich. Je wärmer es wird, je tiefer taut die oberste Permafrost-Schicht auf. Als Folge verliert der felsige Untergrund an Stabilität und Hänge geraten ins Rutschen. Die Messungen dienen nicht zuletzt der frühzeitigen Warnung vor drohenden Felsstürzen. Unter Beobachtung steht auf der anderen Talseite auch der Spreitgraben. Am darüber thronenden Ritzlihorn kam es seit 2009 immer wieder zu Felsabbrüchen mit Gerölllawinen. Sie füllten das Flussbett der Aare im Talboden zunehmend mit Schutt und Sand auf. Dies erhöhte das Risiko, dass der Ortsteil «Boden» bei weiteren Murgängen überflutet werden könnte. Die 30 betroffenen Bewohner und Bewohnerinnen mussten gar damit rechnen, ihre Häuser für immer verlassen zu müssen. Doch letztlich konnte auf eine Umsiedlung verzichtet werden. 2014 schätzen die Experten die Wahrscheinlichkeit einer Bedrohung für die nächsten 25 Jahre als gering ein. Hingegen mussten einzelne Häuser aufgegeben werden, die zu nahe an der Gefahrenzone standen. Nicht nur «Katastrophenort» Werner Schläppi-Maurer ist seit 2019 Gemeindepräsident und führt die Schreinerei im Dorf. «Die Naturereignisse schweissen die Dorfbevölkerung zusammen», sagt Schläppi, der bewusst von «Ereignissen» und nicht von «Gefahren» spricht. «Wir leben hier mit der Natur und ihren «Die Naturereignisse schweissen die Dorfbevölkerung zusammen» Werner Schläppi-Maurer, Gemeindepräsident von Guttannen Urgewalten.» Der 61-Jährige setzt sich für eine nachhaltige Entwicklung der Gemeinde mit ihren 260 Einwohnerinnen und Einwohnern ein. Es missfällt ihm, wenn das Dorf in den medialen Schlagzeilen einzig als «Katastrophenort» wahrgenommen wird. «Wir sehen nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen.» Werner Schläppi-Maurer präsidiert auch den Verein «Guttannen bewegt», der dem Dorf eine lebenswerte Zukunft garantieren und den Ort für Zuzüger attraktiv machen will. Auch soll der sanfte Tourismus angekurbelt werden. Der Themenweg «Das Wetter und wir» ist dabei nur eines der jüngst lancierten Projekte. In den Sommermonaten können Übernachtungen in einer sogenannten «Ecocapsule» gebucht werden. Das ökologische Mini-Haus mitten im Dorf ist energieautark und CO₂-frei: Eingebaute Solarzellen und ein Windgenerator produzieren die benötigte Energie für Strom, Heizung, Lüftung und die Aufbereitung von Regenwasser gleich selbst. Zudem beteiligte sich Guttannen letzten Winter mit einem «Eisstupa» an einem Forschungsprojekt der Universität Freiburg. Die Idee eines künstlich hergestellten EisDas Flussbett der Aare füllt sich seit 2009 zunehmend mit Geröll aus Murgängen. Dies erhöht das Risiko für Überschwemmungen im Ortsteil «Boden», der unten rechts im Bild zu sehen ist. Archivbild Grimselfoto.ch Schweizer Revue / August 2022 / Nr.4 23

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