An einer Wand hängt ein grosses Diagramm mit Dutzenden Säulen, die den Treibhausgas-Ausstoss und die Erderwärmung bis 2050 zeigen – bis zu dem Datum, an dem die meisten Länder ihr Netto-Null-Ziel erreicht haben wollen. Sie dürften also nicht mehr CO₂ ausstossen, als sie im gleichen Jahr – zum Beispiel in Feuchtgebieten – zu binden imstande sind. Jedes Jahr wird in der Ausstellung die nächste Säule nachgetragen. Bald erfolgt der Eintrag fürs Jahr 2025. Was man jetzt schon weiss: Der CO2-Ausstoss 2025 wird höher gewesen sein als es der Weg zu Netto-Null im Jahr 2050 erfordern würde. Trotzdem setzt «Mensch, Erde!» auf «Hoffnung statt Ohnmacht, auf Freude am blühenden Leben auf dem Planeten Erde statt auf Abgesang». Man vernimmt zum Beispiel, dass China trotz nach wie vor unzähliger Kohlekraftwerke seinen Treibhausgasausstoss im ersten Quartal 2025 gesenkt hat, weil das Land rasant Solarpanels installiert. Der grosse Unterschied zwischen dem aktuellen Klimawandel und den Klimakatastrophen der Erdgeschichte, sagt Dora Strahm, sei der: «Wir können für den Erhalt unseres Lebensraums etwas tun.» Was das Naturhistorische Museum dazu beiträgt, entscheiden die Besuchenden mit. Indem sie ihre Stimme abgeben, bestimmen sie in mehreren Schritten, welche Nachhaltigkeitsprojekte die Ausstellung künftig mit einem kleinen Betrag unterstützt und ausstellt. «Jeder Beitrag ist wichtig gegen den Klimawandel», sagt Dora Strahm. Praktisch ohne moralische Belehrung Auch wenn in «Mensch, Erde!» eine Botschaft mitschwingt («Man muss etwas tun!») und gleichzeitig die Befürchtung sich nicht verflüchtigt, es könnte zu wenig und zu spät sein: Die Ausstellung kommt praktisch ohne moralische Belehrungen aus. Bevor man sie durch die Eingangstür betritt, rast man – quasi als Amusebouche – mit einer einminütigen Videosequenz durch 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte. Der Mensch tritt im allerletzten Augenblick auf. Mit diesem Bewusstsein stösst man dann drinnen irgendwo auf eine Vitrine, in der die Nachbildung eines menschlichen Hirns liegt. Ganz alleine. Es ist wohl das entscheidende Werkzeug auf dem Weg, den Treibhausgas-Ausstoss auf Netto Null zu begrenzen. Verzichtet auf die Moralkeule: Die Paläontologin Ursula Menkveld (im Bild) hat zusammen mit Kuratorin Dora Strahm «Mensch, Erde!» konzipiert. Fotos Danielle Liniger Das fossile Feuer brennt: Das ist und bleibt der Hauptverursacher des menschengemachten Klimawandels. Der entscheidende Faktor im Kampf gegen die Klimaerwärmung als Ausstellungsobjekt: das menschliche Hirn. www.revue.link/menscherde 18 Gesehen
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