Schweizer Revue 1/2026

Platzt das Bild vom Lagerfeuer der Nation? Die Schweiz entscheidet über ihren Rundfunk Was macht der Krieg in der Ukraine mit der Schweiz? Über Aufrüstung und Neutralität wird intensiv gestritten Warum ist der neue Nationalrat Rudi Berli eine Ausnahme? Er vertritt als Einziger die Fünfte Schweiz im Parlament Die Zeitschrift für Auslandschweizer:innen FEBRUAR 2026

ein stück heimat schenken! Unsere Sommer- & Winterlager verbinden junge Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer mit ihrer Heimat – voller Abenteuer, Freundschaft und einzigartiger Erlebnisse. Auswandern beginnt nicht am Flughafen, sondern mit der Planung. Sie werden aus der Schweiz wegziehen? Unsere Veranstaltung am 14. April 2026 um 17.30 Uhr in Zürich in Zusammenarbeit mit Soliswiss beantwortet Ihnen die wichtigsten Fragen. Melden Sie sich ganz einfach über den QR-Code an: 11235250010_Inserat_Auswanderung_210x146_UC_DFIE_RZ-02.indd 1 13.01.26 13:54

Früher schaltete man den Fernseher ein und die ganze Schweiz schaute zu. Ob Radiosendung, Samstagnachmittagsshow oder die Übertragung von Skirennen: Die SRG war unser gemeinsames Lagerfeuer. Heute flackert das Feuer zwar noch, allerdings hinter den Displays. Wir konsumieren Medien unterwegs, nebenbei und in völlig getrennten Welten. Die aktuelle Debatte um die öffentlich-rechtliche Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) erhitzt die Gemüter. Die Initiative «200 Franken sind genug!» fordert deutlich geringere Radio- und Fernseh-Abgaben für Bürgerinnen und Bürger, doch sie würde das Budget der SRG praktisch halbieren (mehr dazu ab Seite 4). Dabei befindet sich die SRG schon jetzt im grössten Umbau ihrer Geschichte. 900 Stellen sollen verschwinden, Strukturen verschlankt, Angebote angepasst werden – mit Folgen auch für die Fünfte Schweiz. Mitten in dieser Debatte stehen wir alle: eine Gemeinschaft, die sich nach Orientierung sehnt, während Algorithmen unsere Aufmerksamkeit zerstreuen und künstliche Intelligenzen halluzinieren. Jugendliche bewegen sich selbstverständlich in digitalen Welten, aber selten begleitet. Wie vermitteln wir ihnen eine bessere Medienkompetenz und wie schaffen wir es in dieser Flut, noch qualitativ hochwertige Inhalte zu finden? Vielleicht ist das Lagerfeuer der Nation nicht erloschen. Heute brennt es als Podcast in der Hosentasche, als Livestream im Zug, als Hintergrundrauschen beim Kochen. Doch eines bleibt: der Wunsch nach verlässlichen Informationen und Geschichten, die uns verbinden. Genau solche hoffe ich, Ihnen künftig als Chefredaktor präsentieren zu dürfen. Ohne die «Schweizer Revue» wäre ich nicht, wer ich bin. Als Jugendlicher Auslandschweizer war sie beinahe mein einziger Kontakt zum Land meines Vaters. Umso mehr danke ich der hervorragenden Arbeit meines Vorgängers, Marc Lettau. Neu ist auch Roman Häfliger, der als Grafiker im Hintergrund das Gesicht der «Schweizer Revue» prägt. Lesen und schauen Sie seriöse Medien. WALTER SCHMID, CHEFREDAKTOR 4 Schwerpunkt Der Schweizer Rundfunk steht unter Druck 9 Reportage Auf Visite in der Schweizer Gemeinde mit der jüngsten Bevölkerung 12 Gesellschaft Der Krieg gegen die Ukraine hinterlässt auch in der Schweiz tiefe Spuren Immer mehr Schulen verbannen das Smartphone aus den Klassenzimmern 16 Gesehen Eine Langzeit-Klimaausstellung, die ganz ohne Mahnfinger auskommt Nachrichten aus Ihrer Region 19 Schweizer Zahlen Zahlen aus einem reichen Land, in dem der Kinderwunsch sinkt 20 Politik Eine Volksinitiative fordert massiv mehr Geld für den Klimaschutz Die Erbschaftssteuer für Superreiche hatte an der Urne absolut keine Chance 25 Literatur Autorin Dorothee Elmiger heimst gleich reihenweise Literaturpreise ein 26 Porträt Rudi Berli ist im Nationalrat der einzige Auslandschweizer 28 Aus dem Bundeshaus Olympische Zeitmessung ist auch ein Symbol der Schweizer Zuverlässigkeit Funken und Pixel Titelbild: Max Spring zeichnet exklusiv für die «Schweizer Revue». www.maxspring.ch Herausgeberin der «Schweizer Revue», des Informationsmagazins für die Fünfte Schweiz, ist die Auslandschweizer-Organisation. Foto Danielle Liniger Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 3 Editorial Inhalt

SUSANNE WENGER Das Wissenschaftsmagazin im Radio? Eingestellt. Das Gesellschaftsmagazin im Fernsehen? Abgesetzt. Als das Deutschschweizer Fernsehen und Radio im letzten Jahr aus Spargründen Sendungen strich, regte sich Widerstand. Forschende reichten eine Petition ein, Kulturschaffende zeigten sich besorgt. Der grösste Ärger entlud sich jedoch, als die SRG Ende 2024 frühzeitig aufhörte, über Ultrakurzwelle (UKW) zu senden, und ganz auf digital umstellte. Eine halbe Million Höredienste, schuf die SRG zur Primetime gemeinsame Erlebnisse. Dialekthörspiele und Nachrichtensendungen am Radio wie das seit 1945 ausgestrahlte «Echo der Zeit» leerten die Strassen. Samstagsabendshows und Schweizer Serien versammelten Familien vor dem Fernseher. Heute ist die Mediennutzung fragmentiert und individuell. «Sie verschiebt sich Richtung online, mobil und nichtlinear», sagt Ulla Autenrieth, Medienwissenschaftlerin an der Fachhochschule Graubünden. Initiative will Abgabe senken Trotzdem bleibt die SRG eine Institution, die Emotionen weckt. 2018 scheiterte an der Urne mit über 70 Prozent Nein-Stimmen eine Volksinitiative, welche die obligatorische Medienabgabe abschaffen wollte, mit der die Schweiz einen medialen Service public finanziert. Nun nehmen die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP), Teile der Freisinnigen (FDP) und der Gewerbeverband einen neuen Anlauf, um die SRG zurückzubinden. Ihre Initiative «200 Franken sind genug» will die Abgabe von derzeit 335 auf 200 Franken pro Haushalt senken. Unternehmen, die heute ab einer bestimmten Grösse zahlen, sollen ganz befreit werden. Medienwandel und Sparzwang: Der Schweizer Rundfunk steht unter Druck Veränderte Mediennutzung, Sparrunden, Stellenabbau: Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), das öffentlich finanzierte Medienhaus der Schweiz, steht vor grossen Herausforderungen. Am kommenden 8. März 2026 entscheidet das Stimmvolk über eine Initiative, die das SRG-Budget halbieren könnte. Welche Folgen hätte das für das viersprachige Land und die Fünfte Schweiz? rinnen und Hörer wandten sich ab, wechselten zu Privatradios und ausländischen Sendern. Später beschloss das Parlament in einer Kehrtwende, UKW länger zu erlauben als geplant – worauf die SRG ihre Rückkehr zur analogen Radiowelle bekanntgab. Mit ihren 17 Radio- und 7 Fernsehprogrammen erreicht die SRG immer noch täglich ein mehrfaches Millionenpublikum. Doch 95 Jahre nach ihrer Gründung ist sie nicht mehr so wie einst das «Lagerfeuer der Nation». Früher, ohne Internet und StreamingWie viel Sport kann und soll die SRG künftig noch live zeigen? Auch darüber wird vor der Abstimmung heftig diskutiert. Im Bild: Skiweltcuprennen in Wengen 2025. Foto Keystone Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 4 Schwerpunkt

wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und den ohnehin schon bedrängten Medienplatz Schweiz haben, argumentiert der Bundesrat. Dennoch kürzt er die Abgabe ab 2027 eigenmächtig: Haushalte zahlen künftig 300 Franken, 80 Prozent der Unternehmen nichts mehr. Medienminister Albert Rösti (SVP), einst Mitinitiant, sieht darin einen Mittelweg. Die Initiative gehe zu weit, der Einschnitt wäre «drastisch». Doch er habe «ein Gegenprojekt durchgebracht, das von der SRG wesentliche Einsparungen erfordert», sagte Rösti dem «Tages-Anzeiger». Die SRG müsse sich verändern, ohne private Anbieter zu verdrängen. Umbau unter neuer Leitung Seit November 2024 leitet Susanne Wille die SRG. Kurz nach Amtsantritt kündigte sie den grössten Umbau in der Geschichte des Unternehmens an. Eine Berner Familie sitzt 1957 gemeinsam vor dem TV-Apparat. Heute verteilt sich der Medienkonsum auf viele unterschiedliche Plattformen, Inhalte und Zeitpunkte. Foto Keystone «Enavant» nennt sie ihn, rätoromanisch für «vorwärts». Inzwischen sind mehr Details bekannt. Bis 2029 sollen 270 Millionen Franken eingespart werden. 900 von 5500 Stellen fallen weg, Verwaltungsstrukturen werden zentralisiert. Neben der gekürzten Abgabe belasten sinkende Werbeeinnahmen die SRG. Wie private Medienkonzerne spürt sie den Abfluss von Werbegeldern zu US-Techgiganten wie Google. Wie sich das Sparpaket auf das Programm auswirkt, blieb unklar. Für Wille, eine ehemalige TV-Kaderfrau, ist es ein Balanceakt: Sie muss sparen, ohne jene zu verprellen, die den öffentlichen Rundfunk unterstützen und Inhalte jenseits des Quotendrucks wünschen. Sie will die SRG digitalisieren, darf online aber private Medienhäuser nicht zu stark konkurrenzieren. Immerhin einigten sich SRG und Verlegerverbände letztes Jahr: Die SRG will ihre Die SRG, deren Betriebsertrag 2024 bei 1,56 Milliarden Franken lag, finanziert 80 Prozent ihres Budgets aus der Abgabe. Bei Annahme der Initiative rechnet sie mit einem Ertragsausfall von 800 Millionen, auch weil ein reduziertes Programm weniger Werbeeinnahmen brächte. Die Einnahmen würden sich halbieren. Die Gegnerinnen und Gegner der Initiative sprechen von einer «Halbierungsinitiative», während die Initiantinnen und Initianten die Berechnungen der SRG für zu pessimistisch halten. Private Lokalradios und -fernsehen, die ebenfalls Geld aus der Abgabe erhalten, verschont die Initiative. Bundesrat kürzt selbst Landesregierung, Parlament und Kantone lehnen die Initiative ab. Sie würde das Angebot spürbar reduzieren und negative Folgen für VolksSchweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 5

Online-Textbeiträge beschränken und sich auf audiovisuelle Inhalte konzentrieren. SRG und Private wollen enger zusammenarbeiten, etwa technologisch. Ob alles umgesetzt werden kann, ist jedoch fraglich. Die Wettbewerbskommission meldete Vorbehalte an. Nötig oder gefährlich? Die Abstimmung über die 200-Franken-Initiative erhöht den Druck auf die SRG. Die Befürworter argumentieren, die Gebühren seien die höchsten in Europa. Der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter sprach im Parlament von einer «SRG-Zwangssteuer», die besonders die Jungen treffe. Sie nutzten kaum noch Fernsehen und Radio. Für die Unternehmen sei die Abgabe eine «unsinnige Belastung». Die SRG solle sich auf einen «Kernauftrag» beschränken. Wie dieser aussähe, wenn 800 Millionen fehlen, bleibt offen. Der Initiativtext erwähnt nur «Radio- und Fernsehprogramme, die einen unerlässlichen Dienst für die Allgemeinheit erbringen». Heute verlangt der Verfassungsauftrag von der SRG nebst Information auch Kultur-, Bildungs- und Unterhaltungsangebote. Die Gegner der Initiative – ein breites Bündnis aus Politikerinnen und Politikern der Mitte, der FDP, der Grünliberalen, der SP und der Grünen sowie Vertreterinnen und Vertretern der Kultur, des Sports und der Zivilgesellschaft – warnen vor weitreichenden Folgen. In Zeiten zunehmender Desinformation auf ausländischen Plattformen eine unabhängige Nachrichtenquelle zu schwächen, gefährde die Sicherheit der Schweiz. Kultur und Sport verlören eine Plattform. Und vor allem: Mit halbiertem Budget könnte die SRG ihre föderale Struktur und Viersprachigkeit nicht halten, sagte der Bündner Mitte-Nationalrat Martin Candinas Stimmen aus dem Parlament «Lassen Sie uns die personell, finanziell und machtmässig ungesund aufgeblähte SRG endlich auf ein vernünftiges Mass zurückführen.» Thomas Matter, ZH, Nationalrat SVP «Die Initiative würde der SRG 800 Millionen Franken entziehen. Das ist keine Kürzung, das ist ein Kahlschlag. Er würde sich in den ländlichen Regionen zeigen.» Josef Dittli, UR, Ständerat FDP «Schwer zu glauben, dass trotz der technologischen Fortschritte 850 Millionen nicht ausreichen, um einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einem Land mit 9 Millionen Einwohnern zu produzieren.» Lorenzo Quadri, TI, Nationalrat Lega «Die lokale Berichterstattung bis in die kleinsten Täler der Schweiz rechnet sich wirtschaftlich längst nicht mehr. Viele Redaktionen sind aus dem ländlichen Raum und den Bergregionen verschwunden. Wir brauchen die SRG als regional verankertes, viersprachiges Medienhaus.» Christine Badertscher, BE, Nationalrätin Grüne «Es stimmt, die SRG ist in jenen Sprachregionen wichtig, die nicht so viele Möglichkeiten für private Medien haben. Aber weshalb muss sie dann in der Deutschschweiz ein so üppiges Unterhaltungsangebot finanzieren?» Christian Wasserfallen, BE, Nationalrat FDP «Die Haushalte geben heute weniger als 1 Franken pro Tag aus, um Radio und Fernsehen zu nutzen. Das ist das Minimum für hochwertige Inhalte.» Valérie Piller Carrard, FR, Nationalrätin SP im Parlament. Wegen der Mehrsprachigkeit der Schweiz lasse sich die Medienabgabe nicht international vergleichen, betonen die Gegner. Umverteilung zu Sprachminderheiten Die SRG produziert mit SRF (deutsch), RTS (französisch), RSI (italienisch) und RTR (rätoromanisch) Inhalte für die vier Sprachregionen, und mit Swissinfo (SWI) auch für das Ausland (siehe Zweittext). Ein interner Finanzausgleich sichert die Versorgung der sprachlichen Minderheiten: 2024 flossen von den 930 Millionen Franken, die der Deutschschweizer Unternehmensbereich aus der Medienabgabe einnahm, 235 Millionen ins Tessin, 115 Millionen in die Romandie und 20 Millionen zu den Rätoromanen. Mit halbem Budget müsste die SRG die meisten ihrer Regionalstudios schliessen, schreibt die Medienstelle. Heute betreibt sie 7 Haupt- und 17 Regionalstudios. Die Berichterstattung würde stärker aus den Zentren heraus erfolgen: «Es gäbe deutlich weniger Regionaljournalismus.» Werden die News Bundesrat Paul Chaudet (1955-1966) vor dem Mikrofon eines Journalisten von Schweizer Radio International. Foto Archiv Swissinfo/zvg Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 6 Schwerpunkt

Auslandsangebot Swissinfo vor ungewisser Zukunft Karin Keller-Sutter. Der Nationalrat, die grosse Kammer, entscheidet in der Session vom 2. bis 20. März 2026. Am 8. März stimmt zudem das Volk über die SRG-Initiative der SVP ab, die die Medienabgabe – die zweite Finanzierungsquelle von Swissinfo – stark kürzen will (siehe Haupttext). Im Initiativkomitee sitzt der Walliser SVP-National Jean-Luc Addor, Mitglied der «Parlamentarischen Gruppe Auslandschweizer:innen». Für ihn gehört das Auslandsmandat zum «Grundauftrag» der SRG. Schon vor einem Jahr sagte er der «Schweizer Revue»: «Hände weg von Swissinfo.» Eine Sprecherin bestätigte auf Anfrage, dass dies die Haltung des Komitees sei: «Das Angebot ist Teil des Service-public-Auftrags der SRG. Das soll so bleiben.» Die Gegner warnen aber, mit der Initiative bliebe nur noch ein «amputierter» Service public übrig. Auch die ASO befürchtet negative Folgen für die Information der Fünften Schweiz. Für Swissinfo-Direktorin Larissa Bieler ist das Auslandsmandat «seit 1935 eine unverzichtbare Brücke für Auslandschweizerinnen und -schweizer zur Heimat». Ohne dieses Angebot verliere die Schweiz international an Sichtbarkeit und Verständnis. Aufhorchen liess im November die Meldung, dass Bieler Ende März 2026 aus der SRG-Geschäftsleitung ausscheidet. Die SRG begründete diesen Schritt mit einer im Zuge der Sparmassnahmen verkleinerten Geschäftsleitung. (SWE) Wenn politische Entscheide der SRG Gelder entziehen, trifft das auch ihre internationalen Angebote: Swissinfo, tvsvizzera.it und Partnerschaften mit Sendern wie TV5MONDE für die französischsprachige Welt oder 3sat im deutschsprachigen Raum. Swissinfo berichtet online in zehn Sprachen über die Schweiz und trat 2001 die Nachfolge des legendären Schweizer Radio International an. Die Plattform richtet sich – wie die von der Auslandschweizer-Organisation (ASO) herausgegebene «Schweizer Revue» – an die über 826000 im Ausland lebenden Schweizerinnen und Schweizer. Swissinfo versteht sich überdies als «Stimme der Schweiz in der Welt». Doch die Landesregierung plant, im Rahmen eines Sparpakets den jährlichen Bundesbeitrag von knapp 19 Millionen Franken für das Auslandsmandat zu streichen. Bisher teilen sich SRG und Bund die Kosten, ab 2027 will der Bund aussteigen. Damit wird Swissinfo in der jetzigen Form gefährdet. Verschiedene Organisationen, darunter die ASO, fordern das Parlament in einer Petition auf, die Bundesmittel zu sichern. Swissinfo sei eine ausgewogene, mehrsprachige Informationsquelle für Auslandschweizer und stärke deren politische Rechte. Der Ständerat, die kleine Parlamentskammer, widersetzte sich in der Wintersession 2025 der Regierung und sprach sich für den Erhalt des Bundesbeitrags aus. Die Schweiz könne es sich nicht leisten, auf dieses «Schaufenster» in der Welt zu verzichten, befand die knappe Mehrheit. Die Befürworter der Streichung argumentierten, Informationen über die Schweiz seien heute auch anderweitig verfügbar. Wolle die SRG das heutige Auslandsangebot erhalten, müsse sie Mittel «umschichten», sagte Finanzministerin fürs Tessin also bald in Zürich gemacht? Die Initianten halten diese Warnungen für übertrieben. Die mediale Grundversorgung der Minderheiten sei nicht gefährdet, der Finanzausgleich bleibe gemäss Initiative erhalten, schreibt das Ja-Komitee. Es seien weiterhin «gleich- und hochwertige» Sendungen möglich. «Gemeinsamer medialer Raum» Doch Medienwissenschaftlerin Ulla Autenrieth sieht die «strukturelle Realität»: In der Schweiz entstehen Service-public-Inhalte nicht für einen homogenen nationalen Markt, sondern für mehrere sprachlich, kulturell und regional differenzierte Öffentlichkeiten: «Was in anderen Ländern als Skaleneffekt wirkt, muss bei uns mehrfach produziert werden.» Mit so viel weniger Geld müsste die SRG ihr Angebot zwangsläufig reduzieren. «Die Idee eines gemeinsamen medialen Raums lebt jedoch von der Vielfalt», sagt sie. Trotz fragmentierter Mediennutzung bleibt das Bedürfnis nach gemeinsamen Orientierungspunkten, so Autenrieth. Jüngere – und auch Eltern für ihre Kinder – wollen verlässliche Inhalte, das zeige die Forschung. Hier könne der öffentliche Rundfunk seine Kernstärke ausspielen, wenn er dorthin gehe, wo die Aufmerksamkeit sei: «Viele Junge nutzen SRG-Inhalte über Play-Plattformen, Social Media oder Podcasts.» Ein zeitgemässer Service public müsse digital und flexibel sein. Gemeinsame Medienerlebnisse entstünden heute nicht mehr an einem einzigen «Lagerfeuer», sondern in vielen Formen – von Live-Events wie der Fussball-EM der Frauen letztes Jahr bis zu Mitmach-Formaten. Wenn die SRG diese Logik ernst nehme, könne sie weiterhin verbindend wirken. Der Beitrag gibt den Stand der Dinge bei Redaktionsschluss – 18. Dezember 2025 – wieder. Weitere historische Bilder zur SRG sind in unserer Online-Ausgabe zu finden: www.revue.ch Swissinfo berichtet heute in zehn Sprachen, darunter Spanisch. Ob das so bleibt, hängt stark von politischen Entscheiden ab. Foto Roman Häfliger Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 7

Guy Parmelin präsidiert 2026 den Bundesrat Wirtschaftsminister Guy Parmelin (SVP) präsidiert 2026 den Bundesrat. Parmelin erhielt bereits vor seiner Wahl viel Applaus, denn es glückte ihm im November 2025, mit den USA eine Senkung der exorbitanten Warenzölle auszuhandeln. Bei der Wahl vom 10. Dezember 2025 durch die vereinigte Bundesversammlung erhielt Parmelin 203 von 210 gültigen Stimmen. Das Spitzenergebnis bedeutet auch, dass der rechtsbürgerliche Waadtländer auch bei den Parteien des linken Spektrums viel Rückhalt geniesst. Parmelin präsidiert den Bundesrat zum zweiten Mal. Er hatte dieses höchste Amt bereits 2021 inne. (MUL) US-Zölle: Jetzt 15 statt 39 Prozent Die Schweizer Exportindustrie wirkte nach dem Entscheid der Administration Trump, Schweizer Exporte in die USA mit 39 Prozent Zoll zu belasten, paralysiert. Nach intensiven Verhandlungen erwirkte die Schweiz im November 2025 die Senkung dieser Strafzölle auf 15 Prozent. Was als «grosse Erleichterung» beklatscht wurde, lässt etwas vergessen, dass sich auch die nun tieferen Strafzölle negativ auf den Schweizer Aussenhandel und die Konsument:innen in den USA auswirken. Eine Episode gibt zudem zu reden: Schweizer Wirtschaftsvertreter hatten Donald Trump bei einer Audienz – nebst anderem – einen Goldbarren im Wert von über 100 000 Franken überreicht. Dies sei ein unwürdiges, unterwürfiges und an Korruption grenzendes Verhalten, lautet die schweizweit geäusserte Kritik. (MUL) Schweiz lockert Waffenexporte Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine pochte die Schweiz auf ihre strengen Exportregeln für Kriegsgüter: Auch bereits vor Jahren nach Deutschland exportiertes Kriegsgerät durfte von dort nicht an die Ukraine weitergereicht werden. In der Dezembersession 2025 hat das Parlament nun aber eine Lockerung der Exportbestimmungen beschlossen: Schweizer Rüstungsbetriebe sollen künftig selbst während bewaffneten Konflikten Kriegsmaterial an ausgewählte westliche Länder liefern dürfen. Der Entscheid stützt primär die Schweizer Rüstungsindustrie. Exporte in die Ukraine werden durch die Lockerung nicht ermöglicht. Vermutlich wird sich das Volk zur Sache äussern können: Eine breite Allianz linker Parteien hat ein Referendum angekündigt. (MUL) Femizid-Entscheid löst wuchtigen Protest aus In der Schweiz ist die Zahl der Gewaltverbrechen gegen Frauen hoch, auch in internationalem Vergleich. Die Bundesbehörde spricht von einer «alarmierenden Anzahl Femizide in der Schweiz». Gleichwohl entschied sich im Dezember der Nationalrat zunächst gegen mehr Geld zur Prävention von Gewalt an Frauen. Die Reaktion der Bevölkerung war wuchtig: Innert 24 Stunden unterzeichneten über 250 000 Menschen eine Onlinepetition und eine E-MailFlut führte im Bundeshaus zu grösseren IT-Problemen. Der Ständerat hiess daraufhin den Zusatzkredit gut . Und auch der Nationalrat stimmte im zweiten Anlauf zu. (MUL) Peter Lyner Die Arbeit in einer Bäckerei sei eng getaktet, sagt Peter Lyner, der in Winterthur einen Familienbetrieb führt: «Man kann Brote nicht einfach etwas länger im Ofen lassen.» Das nächste Blech müsse jeweils rechtzeitig bereit sein; die Produktionsräume gelte es optimal auszulasten. Aber als Bäcker sei man den Umgang mit Druck gewohnt, sagt der 60-Jährige: «In Krisen laufen wir zu Hochform auf.» Peter Lyner betreibt die gleichnamige Bäckerei und Konditorei in vierter Generation. Einen anderen Beruf zog er nie in Betracht: «Es ist schön und spannend, ein Grundnahrungsmittel herzustellen.» Zudem arbeite er gerne mit Menschen zusammen und schätze es, unternehmerisch tätig zu sein: «Man muss Zusammenhänge verstehen und vorausschauend handeln.» Nach der Pandemie, hohen Stromkosten sowie Engpässen auf dem Getreidemarkt sehen sich Bäcker:innen mit der Tiefpreisschlacht der Discounter konfrontiert. Aldi bietet ein «Pfünderli» zurzeit für 99 Rappen an. «Das deckt die reellen Kosten kaum», kritisiert Peter Lyner. Der Preis sei vielmehr ein «MarketingGag, um die Leute in die Läden zu locken». Er selbst passt das Geschäft seiner Vorfahren laufend den sich ändernden Bedingungen an. Er hat es um drei zusätzliche Standorte erweitert und betreibt seit 2020 auch ein Café. Aktuell beschäftigt er 53 Mitarbeitende sowie 13 Lernende. Aber noch immer gilt: «Wir machen alles von Hand.» Anders als die Grossverteiler mit ihren industriell gefertigten Billigbroten, verfolge er eine langfristige Strategie. Er setze auf Qualität – und die habe ihren Preis. Ein «Eschenbergbrot» geht bei ihm für 4.90 über den Ladentisch, ein Gipfeli kostet 1.60. «Man muss seine Preise kennen und durchsetzen», sagt Lyner und kommt zum Schluss: Nur Bäckereien mit einem klaren Konzept überlebten. EVELINE RUTZ Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 8 Herausgepickt Nachrichten

STÉPHANE HERZOG In der Schweiz ist das Städtchen Renens als Eisenbahnknotenpunkt weithin bekannt. Doch wer kennt Chavannes-près-Renens? Diese Gemeinde liegt in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs von Renens – und hat die schweizweit jüngste Bevölkerung. Beim Besuch vor Ort fällt als Allererstes die Bahnhofskapelle auf. Dort soll bald auch eine Buchhandlung und ein Literaturcafé entstehen, erklärt Gemeindepräsidentin Loubna Laabar. Unweit davon sieht man die «Citadelle», ein Mehrfamilienhaus aus den 1960er-Jahren. Einer seiner Eingänge und etlicher Wohnungen liegen bereits in der Nachbargemeinde Ecublens, wo auch die Hochschule EPFL situiert ist. Kontinuierliches Wachstum In Chavannes leben Menschen zahlreicher Nationalitäten. Im Jahr 2000 zählte die Gemeinde 6000 Einwohnende und 2025 erlangte sie mit bereits 10 000 Einwohnenden den Status als Stadt. Die Zuwanderinnen und Zuwanderer stammen überwiegend aus Europa. Inzwischen leben hier Menschen aus über 110 Nationen. 56 Prozent der Bevölkerung stammen aus dem Ausland. 40 Prozent sind zwischen 20 und 39 Jahre alt. Für das Wachstum gibt es zwei Gründe: Einer davon ist das Wohnraumangebot für Studierende. Im «Vortex», einem runden Gebäude unweit der EPFL, wohnen mehr als 1000 der rund 2000 dort Studierenden. Der andere Grund ist die erwähnte Zuwanderung. «Zwischen 2015 und 2035 dürften 40 000 Menschen in den Westen von Lausanne ziehen. Das entspräche einem Bevölkerungszuwachs von 50 Prozent, für die Schweiz ein enormer Wert», sagt Benoît Biéler, Direktor von SDOL (Stratégie et développement de l’Ouest lausannois). Und wer nach Chavannes zieht, ist oft im Lebensabschnitt der FamiliengrünDie jüngste Gemeinde der Schweiz ist ein sehr urbaner Vorort von Lausanne Mit einem Durchschnittsalter von 34,4 Jahren ist Chavannes-près-Renens (VD) unweit von Lausanne die Schweizer Gemeinde mit der jüngsten Bevölkerung. Sie zieht Menschen aus aller Welt an. Und das Thema Lebensqualität ist ihr zentrales Anliegen. dung. Entsprechend hoch die Geburtenrate: «Sie haben immer noch den Mut, Kinder zu bekommen», sagt die Gemeindepräsidentin. Eine Stadt ohne Zentrum Ein klar erkennbares Zentrum ist in Chavannes nicht zu finden. Der Ort erstreckt sich über ein Gebiet, das von Verkehrsachsen, einer U-Bahn-Linie und einer Autobahn durchzogen ist. Es gibt aber auch kleine Wälder und ein riesiges Sportgelände, das der Stadt Lausanne gehört. Die Entwicklung von Chavannes ist letztlich das Resultat der wachsenden Bedeutung des Eisenbahnknotens Renens: Die Gemeinde steckte stets in der Kluft zwischen dem Eisenbahn- und Industriegebiet im Norden und den Gemüseanbaugebieten im Süden. «Früher prügelten sich die Hinterwäldler aus dem Süden mit den Halbstarken aus dem Norden», schrieb Christian Vernez, ein Lehrer aus der Gegend. Aus Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: die Schweizer Gemeinde mit dem niedrigsten Durchschnittsalter. Das Stundentenwohnheim «Vortex» ist ein Grund für das sehr tiefe Durchschnittsalter in der Gemeinde: Hier leben 1000 Studierende. Foto Keystone Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 9 Reportage

Chavannes-près-Renens ist die Schweizer Gemeinde mit dem niedrigsten Durchschnittsalter, nämlich 34,4 Jahre. Auch das weitere Umfeld ist jung. Im Bezirk West-Lausanne liegt der Durchschnitt bei 38,5 Jahren, im Kanton Waadt bei 40,6 Jahren. eine echte Herausforderung für eine so kleine Gemeinde mit ihrer recht tiefen Zahl an Steuerzahlenden: In Chavannes leben viele Studierende, aber kaum wohlhabende Steuerzahlende. Allerdings schwächt der gemeindeübergreifende Finanzausgleich das finanzielle Ungleichgewicht etwas diesem Werk über Chavannes zitiert auch der heutige Stadtrat Eduardo Camacho-Hübner gerne. Der französisch-bolivianische Ingenieur kam 1993 als Student an die EPFL und liess sich dann in der Region nieder. Von seiner früheren Wohnung aus blickte er auf ein wichtiges Gebäude aus der industriellen Vergangenheit der Gemeinde: die 1925 eröffnete Perrier-Fabrik, die lange für die «Têtes de nègre Perrier» (Mohrenköpfe) genannten Süssigkeiten bekannt war – eine Bezeichnung, die inzwischen tabu ist. Im Gegensatz zu anderen Industriegebieten im Westen von Lausanne, die dem Gewerbe oder Wohnimmobilien weichen mussten, wurde die Perrier-Fabrik in ein Handwerks- und Kulturzentrum umgewandelt. Eine wachsende internationale Bevölkerung In Chavannes wird wie wild gebaut. Ein besonders gewagtes Projekt ist das 36-stöckige, begrünte Hochhaus im Stadtteil Les Cèdres. Dereinst sollen hier 1700 Menschen Wohnraum finden. Andernorts in der Gemeinde ist zudem ein Gesundheitscampus geplant, der 4000 Studierende beherbergen soll. Die möglichen Erklärungen für die Beliebtheit von Chavannes als Wohnort: Die Gemeinde ist sehr gut angebunden; sie liegt unweit von Lausanne und nahe am Genfersee – und bietet trotzdem bezahlbaren Wohnraum. Der Bauboom in Chavannes folgt letztlich den Zielen des Bundesgesetzes über die Raumplanung. Dieses will, dass die urbane Entwicklung vor allem entlang bestehenden Verkehrsachsen erfolgt. «Der vorgegebene hohe Ausnützungskoeffizient setzt uns stark unter Druck», sagt Gemeindepräsidentin Loubna Laabar. Die starke bauliche Entwicklung der Gemeinde ziehe den Ausbau der Infrastruktur nach sich, zum Beispiel bei der Wasserversorgung, dem Verkehrsnetz, den Schulen und öffentlichen Einrichtungen. Laabar sagt, das sei Die Lebensqualität in der von Wachstum geprägten Gemeinde erhalten: Das ist eines der Hauptanliegen von Gemeindepräsidentin Loubna Laabar. Foto Stéphane Herzog Oft zieht es Studierende in die Gemeinde (wie hier, in dieses «Vortex»-Studio). Der bezahlbare Wohnraum zieht aber ganz generell neue Bürgerinnen und Bürger an. Foto Keystone ab. Was die Gemeindepräsidentin der Herausforderungen zum Trotz sagt: Die Gemeinde wolle auf jeden Fall die Lebensqualität vor Ort erhalten. Eine Autobahn – mit Tempo 60 km/h So will die Gemeinde etwa das Tempo auf sechs ihrer Strassen auf 30 km/h beschränken. Bei vier davon wurden diese Pläne bereits umgesetzt. Kürzlich beschloss sie zudem, eine Vereinbarung mit dem Bundesamt für Strassen und dem Kanton Waadt über den Bau einer Autobahnauffahrt in Chavannes aufzulösen. Es stellte sich nämlich heraus, dass es auf dieser Strecke weniger Verkehr hat als erwartet. Die Gemeinde machte daraufhin den Vorschlag, auf den Autobahnanschluss zu verzichten, die Fahrspuren zu redimensionieren und die Geschwindigkeit auf 60 km/h zu reduzieren. «Der geplante Autobahnanschluss Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 10 Reportage

war unsinnig, denn Chavannes ist kein Verkehrsknotenpunkt und hat die niedrigste Motorisierungsrate im ganzen Kanton Waadt», sagt die Gemeindepräsidentin. Gleichzeitig weist sie auf die damit einhergehende Lärmbelästigung hin, von der viele Quartiere betroffen sind. Doch wie lebt es sich in dieser Gemeinde? Lisa Bonard betreibt das «Café de Chavannes» im Herzen des ehemaligen Dorfes. Sie träumt von festlichen Veranstaltungen, neuen Bars, einem Kino und einem zentralen Platz. «Es werden überall grosse Käsesauce und Pickles. All dies zieht Gäste aus der ganzen Region an. Der Wunsch nach einem öffentlichen Treffpunkt Die Gemeinde ist sich dieses Bedarfs durchaus bewusst. Deshalb bietet sie den Einwohnerinnen und Einwohnern verschiedene Aktivitäten an: zum Beispiel einwöchige Ferienlager für nur 100 Franken, an denen jedes Mal etwa hundert Kinder teilnehmen. Doch die Gemeinde bemüht sich auch weiterhin um neue stadtplanerische LösunDie flächenmässig recht kleine Gemeinde Chavannes-prés-­ Renens liegt im Grossraum Lausanne, der als ganzer von starkem Wachstum geprägt ist. swisstopo Er kam als Student, blieb hier hängen und politisiert heute im Stadtrat mit: Eduardo Camacho-Hübner. Foto Stéphane Herzog Die Chavannes grenzt urbane Dichte direkt an die weite Landschaft am Genferseebecken. Im Hintergrund die Alpenkette. Foto Keystone gen. So hat Chavannes bereits 10 Millionen Franken in den Bau einer Velo- und Fussgängerbrücke investiert, die über die Autobahn führt und den Bahnhofplatz mit dem Quartier Les Cèdres verbindet. «Damit rücken die Gebiete zwischen dem nördlichen und dem südlichen Ortsteil wieder näher zueinander», sagt Loubna Laabar. Die Gemeinde beabsichtigt zudem, beim geplanten turmartigen Hochhaus einen grossen, öffentlichen Platz anzulegen und so die Lebensqualität weiter zu heben. «Chavannes ist ein Ort mit besonderem Charakter, an dem es sich wirklich gut leben lässt»: So lautet das Fazit der SP-Politikerin, die ursprünglich aus Marokko stammt und 2008 hierherzog. Mehrfamilienhäuser gebaut, aber in Wirklichkeit lebt die Bevölkerung ihr Leben ganz woanders», sagt sie. Tatsächlich dient ihr Restaurant ein wenig als öffentlicher Treffpunkt. Eine bunte Mischung aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen kommt hierher: Studierende, Lehrkräfte und Arbeitskräfte. Die Lausannerin ist sehr engagiert: Sie hat einen Kunst- und Kreativmarkt ins Leben gerufen. Zudem hat sie die Degustation von Naturweinen und kreative Menüs im Angebot. Zu entdecken gibt es zum Beispiel ein hausgemachtes Cordon bleu mit Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 11

CHRISTOF FORSTER Mitte Februar 2022 hat der Bundesrat die letzten CoronaMassnahmen aufgehoben. Nur gut eine Woche später ist die Regierung erneut stark gefordert. Allerdings tut sich der Bundesrat anfänglich schwer, gleich wieder in den Krisenmodus zu wechseln. Bundespräsident Ignazio Cassis redet nach dem russischen Angriff auf die Ukraine vor den Medien von einem «traurigen Tag» und spricht vage von Sanktionen. Tags darauf tritt die Regierung wieder auf, dieses Mal zu dritt und erneut ist noch keine klare Linie erkennbar. Derweil beschäftigen die erschütternden Bilder aus der Ukraine die Menschen in der Schweiz, an verschiedenen Orten gibt es Proteste gegen den Krieg. In Europa nach dem Kalten Krieg und den Verwerfungen auf dem Balkan in den 1990er-Jahren hat man sich an den Frieden gewöhnt. Seit 2014 gab es zwar Kämpfe im Osten der Ukraine. Dass Konflikte auch mit Waffen ausgetragen werden können, gelangt aber erst mit dem gross angelegten russischen Angriff auf Kiew ins Bewusstsein der Menschen in der Schweiz. Handfest sind die Folgen in Was der Krieg in der Ukraine mit der Schweiz macht Der Krieg in der Ukraine lässt die Schweiz auch nach vier Jahren nicht unberührt. Es wird intensiv gestritten über Aufrüstung und Neutralität, die Armee geniesst wieder mehr Rückhalt und der Flüchtlingsstrom aus dem Kriegsland hat zu einer Verhärtung der Schweizer Asylpolitik geführt. Form eines grossen Flüchtlingsstroms aus der Ukraine, der auch die Schweiz erreicht. Bald sind vermehrt Autos mit dem Kennzeichen UA auf hiesigen Strassen unterwegs und gelb-blaue UkraineFahnen an Fassaden zu sehen. Die Bevölkerung zeigt sich solidarisch, das Militär erhält mehr Geld und das Parlament diskutiert, ob es den Soldaten wieder eine Packung Munition mit nach Hause geben soll – auch das eine Folge der durch den Krieg veränderten Sicherheitslage in Europa. Epische Diskussion über die Neutralität Mit der Übernahme der EU-Sanktionen gegen Russland eröffnet der Bundesrat eine epische Diskussion über die Neutralität der Schweiz, die bis heute anhält. Bald schon kündigt alt Bundesrat Christoph Blocher (SVP) eine Volksinitiative an. Wirtschaftssanktionen bezeichnet er als Kriegsmittel. Einem Aggressor in die Hände zu spielen, sei nicht neutral, entgegnet Cassis. Die Initiative will eine strikte Auslegung der Neutralität. Zudem soll die Schweiz Im Schweizer Alltag sind die geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer meist weitgehend unsichtbar – mit Ausnahmen, wie hier an einem Protest gegen die russische Invasion in Zürich. Archivbild Keystone, Februar 2025 Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 12 Gesellschaft

den ehemaligen Grünen-Nationalrat und Friedensaktivisten Jo Lang sind das Nebelpetarden. Waffenlieferungen via Drittstaaten seien rechtlich unmöglich und militärisch völlig marginal. «Vielmehr sollte die Schweiz darüber diskutieren, wie sie via Rohstofffirmen Putins Kriegskasse gefüllt und mit der Lieferung von Spezialmaschinen zur Waffenproduktion beigetragen hat.» Weil Russland die Ukraine mit vielen Geldern und dank wichtigen Gütern aus der Schweiz zerstöre, sei die Schweiz besonders verpflichtet, der Ukraine finanziell zu helfen. Doch hier gehört die Schweiz – gemessen an der Wirtschaftskraft – zu den Schlusslichtern in Europa. Es sind bürgerliche Parlamentarier, die den Ukraine- Krieg zum Anlass nehmen, um mehr Geld für die Armee zu fordern – und sie haben damit Erfolg. Das Parlament erhöht das Budget für das Militär und kürzt die Mittel für die internationale Zusammenarbeit. Die Linke wirft den Bürgerlichen vor, den Krieg für innenpolitische Militärpropaganda zu missbrauchen. Um die Aufrüstung mit Milliardenbeträgen zu finanzieren, will nun das Verteidigungsdepartement laut Medienberichten offenbar die Mehrwertsteuer erhöhen. Es sollen längerfristig bedeutend mehr Mittel in die Armee fliessen – auch das eine Folge des Ukraine-Kriegs. Erfolgreiche Integration Fernab der Politik zeigt sich die Schweizer Bevölkerung solidarisch und engagiert gegenüber den in die Schweiz geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern. Man hilft mit Deutschkursen, Behördengängen und der Bereitstellung von Wohnraum. In den ersten drei Monaten sind 80 Prozent der Geflüchteten privat untergebracht. Die Schweiz habe den starken Anstieg gut bewältigt, sagt Miriam Behrens, Direktorin der Schweizer Flüchtlingshilfe, im Rückblick. Statt 20000 hatte das System nun plötzlich 100000 Schutzsuchende zu bewältigen. Es laufe stabil, komme aber an seine Grenze. Das drückt sich laut Behrens über kritische Äusserungen von Behördenvertretern aus, die dann von der Politik übernommen würden und den öffentlichen Diskurs prägten. «Dies hat den Boden bereitet für zahlreiche Verschärfungen, nicht nur beim Schutzstatus S, sondern auch im Asylwesen», sagt Behrens und beklagt: «‹Anything goes› ist derzeit das Motto.» Stolz könne die Schweiz jedoch darauf sein, dass die Erwerbsquote von jenen Menschen, die 2022 in die Schweiz kamen, 45 Prozent betrage, sagt Behrens. Die Schweiz könne sich das nicht genug hoch anrechnen. Ungeachtet der Spuren, die der Ukraine-Krieg in der Schweiz hinterlassen hat, sind die Ukrainerinnen und Ukrainer im Alltag weitgehend unsichtbar. nicht mehr Sanktionen gegen kriegführende Staaten verhängen können – die einzige Ausnahme wären UNO-Sanktionen. Und wie hat der Ukraine-Krieg die Einstellung der Schweizer Bevölkerung zu Neutralität und Armee verändert? Die Neutralität stösst im Grundsatz weiterhin auf grosse Akzeptanz, wie aus der jährlichen Sicherheitsstudie der ETH Zürich hervorgeht. Rund 90 Prozent befürworten deren Beibehaltung. Gleichzeitig sind 28 Prozent der Befragten der Ansicht, dass die Schweiz – trotz Neutralität – auch bei militärischen Konflikten klar Stellung beziehen sollte. Diese Zustimmung liegt nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs deutlich über dem Mittel der Jahre zuvor. Und 70 Prozent finden es richtig, dass die Schweiz die Sanktionen gegen Russland mitträgt. Hubert Annen arbeitet seit rund 30 Jahren an der Militärakademie der ETH Zürich als Dozent für Militärpsychologie. Seine Tätigkeit habe in seinem privaten Umfeld lange Skepsis bis Ablehnung ausgelöst, sagt Annen. Oft habe er sich erklären oder gar rechtfertigen müssen. Mit dem Ukraine-Krieg hat sich dies geändert. «Dass es eine Armee braucht und auch Fachleute, die sich um die mentale Gesundheit von Soldaten kümmern, ist nun für die meisten unbestritten», sagt Annen. Die ETH misst auch den Einfluss des Krieges auf die Stimmung in der Bevölkerung. Als grösste Bedrohung werden nun Kriege und Konflikte gesehen. Noch nie in den vergangenen 35 Jahren sind derart viele Stimmberechtigte der Meinung, dass die Schweiz für die Verteidigung zu wenig Geld ausgibt. Mit 82 Prozent befürworten deutlich mehr der Befragten die Notwendigkeit der Armee. Und noch etwas hat sich verändert: Wie bei früheren Konflikten ist auch jetzt die Bereitschaft in der Bevölkerung erhöht, sich der Nato anzunähern. Eine knappe Mehrheit ist dafür, wie die jährlich durchgeführten Umfragen der ETH zur Sicherheit zeigen. Das grössere Verständnis für die Armee kontrastiert aber laut Annen mit einem weitgehend ausbleibenden Tatbeweis. Die grosse Mehrheit sei nicht bereit, den Preis in Form von beispielsweise höheren Steuern oder einem zusätzlichen Engagement zu bezahlen. Kritik aus dem Ausland Druck von aussen auf die Schweiz und den Bundesrat kommt vor allem von europäischen Staaten, die gerne ihre von Schweizer Firmen gekauften Waffen und Munition an die Ukraine weiterliefern wollen und vom Bundesrat daran gehindert werden. Sie kritisieren die strikte Auslegung der Neutralitätspolitik und drohen, künftig nicht mehr bei Schweizer Rüstungsfirmen einzukaufen. Dies wiederum ruft die Politik auf den Plan. Das Parlament will die kurz vor Ausbruch des Ukraine-Kriegs beschlossenen Verschärfungen beim Kriegsmaterialexport bereits wieder lockern. Für Ukraine-Schwerpunkt der «Revue» vom Juli 2022: www.revue.link/ukraine2022 Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 13

DENISE LACHAT Smartphones wurden nicht für Kinder entwickelt – aber sie haben das Wesen der Kindheit innert kürzester Zeit verändert: So lautet die Feststellung der internationalen Elternbewegung «Smartphone Free Childhood». Darin haben sich Eltern zusammengeschlossen mit dem Ziel, das Smartphone möglichst lange von Kindern fernzuhalten. Ihr Argument: Kinder würden in eine digitale Welt hineingezogen, die darauf ausgelegt sei, sie süchtig zu machen. Dass diese Sucht tiefgreifende Auswirkungen auf die Entwicklung, die psychische Gesundheit und die Beziehungen unter den Kindern hat, beschreiben diverse Studien. Insbesondere die amerikanischen Forscher Jonathan Haidt und Jean Marie Twenge stellen fest, dass seit der Einführung von Smartphones die Raten von Depressionen, Angstzuständen und Selbstmordgedanken bei Jugendlichen deutlich angestiegen seien, während gleichzeitig die Konzentrations- und Lernfähigkeit von Kindern massiv abgenommen habe. Verbote im Trend Verschiedene Länder reagieren mit Verboten. Italien und Frankreich haben das Smartphone bereits vor Jahren aus der Schule verbannt, Anfang 2024 handelten auch die Niederlande. Und im Herbst 2025 zog das am stärksten digitalisierte Land Europas nach: Dänemark, wo die Kinder bereits bei Schuleintritt Tablets erhalten, verbietet Schülerinnen und Schülern, ihr Smartphone in die Schule mitzubringen. Das Argument ist überall dasselbe. Während Computer und Tablets für den Unterricht eingesetzt werden können und sollen, stören private Smartphones die Konzentration und die Ruhe im Klassenzimmer und schaden dem Gemeinschaftsgefühl. In der föderalen Schweiz, in der die Bildungshoheit nicht beim Bund, sondern bei den Kantonen liegt, gleicht die Situation einem Flickenteppich. Der politische Trend geht aber ebenfalls in Richtung Verbot. Die Waadt und das Tessin haben Handys, wie man die Geräte in der Deutschschweiz oft nennt, an Schulen schon vor längerer Zeit verboten. Seit diesem Schuljahr gehören auch Nidwalden, Wallis, Aargau und Neuenburg dazu. Vergleichbare Vorstösse gibt es in Zug und im Thurgau, in anderen Kantonen wird ein Verbot teilweise nur mit dem Hinweis auf die Zuständigkeit der einzelnen Gemeinden abSoll das Smartphone zu Hause bleiben? Klare Regeln oder gar ein generelles Verbot von Smartphones in Schulen: Diese politische Forderung wird auch in der Schweiz immer öfters gestellt. Gleichzeitig wird die Frage nach einem Social-Media-Verbot für Minderjährige gestellt. gelehnt. Viele Schulen kennen Regelungen, aber oft, ohne explizit zu verbieten, ihr Handy mit in die Schule zu nehmen. So müssen Schülerinnen und Schüler die Handys beispielsweise vor Unterrichtsbeginn an einem sicheren Ort deponieren. Je nachdem bleiben diese auch während der Pausen dort. Sicher ist: Verbote werden unabhängig von der politischen Couleur gefordert. Zudem wissen deren Verfechter eine klare Mehrheit der Schweizer Bevölkerung hinter sich. Gemäss einer Studie des Schweizer Forschungsinstituts Sotomo sprechen sich rund 80 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer für ein HandyverIm Wallis sind Mobiltelefone im Schulzimmer bereits Vergangenheit: Schülerinnen deponieren in der Schule ihr Gerät in der «Handy-Garage». Foto Keystone Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 14 Gesellschaft

Smartphones stören im Klassenzimmer. Aber sie sind auch Teil der Lebensrealität der Kinder. Selbst die Fahrkarte für den Bus befindet sich oft auf dem Smartphone. nicht verständlich, warum dies nicht für Programme gelte, die genauso süchtig machten wie Alkohol und Tabak. Kein Instagram und kein TikTok mehr für die Kids? Das weltweit erste Gesetz dieser Art gilt seit Dezember 2025 in Australien, das den Zugang zu Social Media für unter 16-Jährige verboten hat. Der Facebook- und Instagram-Konzern Meta muss in der Folge die Konten von jungen Nutzerinnen und Nutzern deaktivieren. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich für eine Altersgrenze ausgesprochen, mehrere EU-Staaten prüfen einen Social-Media-Ausschluss. Die Forderung könnte auch die Schweizer Polibot an der Schule aus. Auf nationaler Ebene ist die Schweiz vorderhand noch weit von einem Gesetz entfernt. Allerdings muss sich der Bund auf Verlangen des eidgenössischen Parlaments mit der Thematik auseinandersetzen. Dieses hat zwei fast gleichlautende Vorstösse von grünen Ständerätinnen gutgeheissen, die vom Bund einen Bericht verlangen. Dieser soll aufzeigen, wie der Staat Kinder und Jugendliche vor übermässigem und schädlichem Konsum von Social Media schützen kann, und was er von einem Smartphone-Verbot an Schulen hält. Begründet werden die Vorstösse notabene mit dem Hinweis auf die eingangs erwähnten Studien. Kompetenzen fördern Doch was halten Schweizer Lehrkräfte, Schulleitungen und Experten für Jugendfragen von einem Handyverbot an Schulen? In einem Wort: wenig. Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) wies 2024 darauf hin, dass die Studien zum Thema ein uneinheitliches Bild zeigten. Der Erfolg von SmartphoneVerboten in Schulen hänge stark von der Umsetzung und den begleitenden pädagogischen Massnahmen ab. Zwischen Kontrolle und der Förderung digitaler Kompetenzen im Umgang mit Smartphones und anderen digitalen Geräten an Schulen müsse sorgfältig abgewogen werden. Smartphones könnten zwar potenziell zu Ablenkungen, Suchtverhalten und Risiken wie Cybermobbing führen, böten aber auch wichtige Lernmöglichkeiten, argumentiert der LCH. Ein generelles Verbot sei nicht nachhaltig. Die Schweizer Stiftung für Kinder und Jugendliche, Pro Juventute, spricht sich ebenfalls für bedarfsgerechte Lösungen aus; Schulen sollten ihre pädagogischen Gestaltungsmöglichkeiten behalten können. Vor allem aber plädiert Pro Juventute dafür, dass die Betroffenen selbst um ihre Meinung gefragt werden. Blieben Kinder und Jugendliche bei der Entscheidungsfindung aussen vor, sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass Verbote umgangen werden: «Schülerinnen und Schüler nehmen zum Beispiel ein zweites Gerät mit in die Schule oder benutzen das Gerät heimlich.» Auch die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen seien ernst zu nehmen, betont Pro Juventute. Viele brauchten ihr Gerät auf dem Weg zur Schule oder unmittelbar vor oder nach dem Unterricht. Zum Beispiel, weil sich darauf die Fahrkarte für den öffentlichen Verkehr befindet, oder damit sie mit ihren Eltern kommunizieren können. Ein pauschales Verbot ignoriere die Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen und erschwere ihnen die selbstbestimmte Organisation ihres Alltags. Für die Stiftung ist klar: Ein Verbot allein ersetzt keine Medienbildung. Vielmehr sei die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler im Umgang mit digitalen Medien zu fördern. Jugendschutz für Social Media Diese Haltung vertritt auch der Dachverband der Schweizer Schulleitungen. Allerdings erwartet dessen Präsident, Thomas Minder, sehr wohl ein Eingreifen der Politik. Minderjährigen sei der Zugang zu Social Media zu verbieten, sagte Minder in Schweizer Medien. Schliesslich dürften Jugendliche in der Schweiz per Gesetz erst mit 18 Jahren abstimmen und ihr eigenes Geld verwalten. Es sei daher Minderjährigen sei der Zugang zu sozialen Medien zu ver bieten, sagt Thomas Minder vom Dachverband der Schweizer Schulleitungen. Foto ZVG Zur Sotomo-Studie (nur in Deutsch): www.revue.link/handy Elternbewegung «Smartphone free» (nur in Englisch): www.revue.link/phonefree tik beschäftigen. Die beiden Parlamentsvorstösse wollen vom Bundesrat nämlich nicht nur wissen, wie er zu einem Handyverbot an Schulen steht, sondern auch, was er von einem Zugangsverbot für Jugendliche zu Medienplattformen hält. Bis ein Bericht vorliegt, wird wohl noch heftig weiter debattiert: In Australien haben zwei Schüler kurz vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes vor Gericht gegen das Social-Media-Verbot geklagt. Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 15

Die Erde ging durch unzählige Klimakatastrophen. Durch Fernrohre blickt man im Museum Milliarden Jahre zurück, als die Erde eine Wüste war. Ein Video am Eingang verdichtet die Erdgeschichte auf eine Minute. Der Mensch taucht erst in den letzten Sekunden auf. Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 16 Gesehen

Klima-Ausstellung ohne Mahnfinger Eine Ausstellung, die sich über die nächsten zehn, zwanzig Jahre weiterentwickeln wird? Das Naturhistorische Museum in Bern wagt genau dies – und präsentiert eine sehenswerte Ausstellung zum Klimawandel. Es gelingt ihr sogar, Hoffnung zu vermitteln. ten Fakten, die dem Thema zugrunde liegen. Aber die oft in den Hintergrund geraten sind.» Sie fasst das Grundproblem in einem lapidaren Satz zusammen: «Das fossile Feuer brennt weiter.» Nach wie vor stammen 70 Prozent des globalen CO₂-Ausstosses aus der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas: «Der Klimawandel», so Strahm, «ist nicht Politik. Sondern Physik.» Die Berner Ausstellungsmacher:innen greifen weit zurück in die Vergangenheit, stellen aber immer einen Link zur Gegenwart her. «Unser Anspruch ist es, dass die Ausstellung auch Menschen abholt, die absolut keine naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse haben», sagt Kuratorin Strahm. Die Dinos unter uns Neue Erkenntnisse nimmt allerdings auch mit, wer Vorkenntnisse hat. Zum Beispiel aus dem Kubus, der ein Ereignis thematisiert, das 66 Millionen Jahre zurückliegt: der Einschlag eines Meteoriten mit einem Umfang von 14 Kilometern im Süden des heutigen Mexiko. Es regnete plötzlich Schwefel, die Erde wurde innert Sekunden zu einem lebensfeindlichen Ort, von dem die Dinosaurier weggefegt wurden. Trotzdem verschwand das Leben nicht: Einige Vögel zum Beispiel, die nicht auf Bäumen, sondern am Boden lebten, überstanden die Katastrophe – laut Forschenden vermutlich, weil sie weniger auf Bäume angewiesen waren, die abstarben. Diese Vögel sind die Dinosaurier, die heute noch unter uns sind. Unüblich an der neuen Ausstellung ist ihre geplante Dauer. Sie ist angelegt darauf, 10 bis 20 Jahre im Einsatz zu bleiben. Deshalb wird sie laufend weiterentwickelt. Zum Beispiel bei den zwölf Testimonials aus verschiedenen Berufs- und Lebenssituationen, die in der Ausstellung in kurzen Videosequenzen ihre aktuelle Wahrnehmung des Klimawandels schildern. Jedes Jahr, in dem «Mensch, Erde!» läuft, werden dieselben Personen ein neues Statement abgeben. Der Mensch kann. Oder könnte Sichtbar werden auch Fort- oder Rückschritte bei den Massnahmen gegen den Klimawandel. JÜRG STEINER Es sabbert, quakt und plätschert. Man steht inmitten einer triefenden Sumpflandschaft, durch die eine monströse Libelle fliegt. Neben einem vermodernden Baumstrunk schiebt sich ein weisses, augenloses Wesen, das Wurm oder Raupe sein könnte, mit ausgestreckten Fühlern über den Boden. Unwillkürlich kommt der Blick zum Boden. Man will sich vergewissern, ob die eigenen Füsse nicht gleich im Morast versinken. Diese sumpfige Tropenwald-Inszenierung ist Teil der neuen Ausstellung «Mensch, Erde! – Das Klima im Wandel» im Naturhistorischen Museum Bern. Der tropische Sumpf befindet sich in einem Holzkubus, in dem die Welt dargestellt wird, wie sie vor 300 Millionen Jahren aussah. Lange, bevor der Mensch auftauchte. Hinweise darauf, dass der heutige Bergkanton Bern einst eine heisse Feuchtzone war, fanden Mineure vor 20 Jahren, als sie den Eisenbahn-Basistunnel durch den Lötschberg bohrten. Sie stiessen nicht nur auf Granit, sondern auch auf eine Gesteinsschicht, die verkohlte Pflanzenreste aus dieser Zeit enthielt. Was hat das mit dem Klimawandel zu tun, der uns heute beschäftigt? Die Kohlereste sind eine versteinerte Erinnerung daran, wie unendlich viel Kohlenstoff intakte Feuchtgebiete über Jahrhunderte absorbierten. Diesen gebundenen Kohlenstoff setzt die moderne Zivilisation nun mit dem Verbrennen von Kohle und Öl innert einiger Jahrzehnte frei und treibt den Klimawandel an. Das fossile Feuer So funktioniert die bildliche Sprache, die das Team des Naturhistorischen Museums wirkungsvoll einsetzt. Sie macht deutlich: Klimawandel und Katastrophen sind in der Erdgeschichte Konstanten. Der Mensch, der die Erde relativ gesehen erst seit Kurzem bevölkert, setzt allerdings gerade riesige Hebel in Bewegung. Er kann (oder könnte) aber, im Unterschied zu erdgeschichtlichen Meteoriteneinschlägen oder Vulkanausbrüchen, immer noch einiges tun, um die Katastrophe abzuwenden. Dora Strahm, Kuratorin der Ausstellung, verdeutlicht den niederschwelligen Zugang: «Wir wollen zurück zu den gar nicht so komplizierVor 300 Millionen Jahren war die Schweiz eine Sumpflandschaft, wo fossile Ressourcen entstanden, die wir heute verbrennen. Fotos Danielle Liniger Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 17

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