STÉPHANE HERZOG Von Erica Deuber Ziegler werden wir in ihrem gemütlichen Haus oberhalb des Genfer Dorfes Russin empfangen. Seit ihr Mann Jean Ziegler im Juni an der Parkinson-Krankheit verstarb, ist sie Witwe. Nach der Trauerfeier, die in der Genfer Kathedrale Saint-Pierre unter anderem zu den Klängen der «Internationale» stattfand, wird es nun Zeit, sich um sein Vermächtnis zu kümmern. Die Kunsthistorikerin und ehemalige Abgeordnete des Genfer Grossen Rates lernte den aus dem Kanton Bern stammenden Soziologen kennen, als sie die Korrekturfahnen seiner Werke abtippte. Im Moment ist sie dabei, Hunderte von Kartons zu sortieren. Ein Teil davon soll später dem Bundesarchiv übergeben werden. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Fotokopien von Nachrufen auf den ehemaligen Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, der sich für das weltweite Recht auf Nahrung einsetzte. «Eine Stimme gegen die globale Ungleichheit», titelte die «Vatican News». «Der Revolutionär im Massanzug» nannte ihn die «NZZ». In einem Korb stapeln sich über 300 Beileidsbekundungen, darunter auch eine Nachricht des ehemaligen SVP-Bundesrats Christoph Blocher. «Sie waren sich zwar so gut wie nie einig, aber es herrschte gegenseitige Wertschätzung», erzählt Erica Deuber Ziegler. Es heisst, der Autor von «Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaEr wagte es, heikle Themen im eigenen Land anzuprangern Der streitbare Soziologe Jean Ziegler verstarb kürzlich im Alter von 92 Jahren. Weltweit bekannt, wurde er in der Schweiz bewundert und kritisiert. Mit seiner Arbeit trug er zur Abschaffung des Bankgeheimnisses bei und rückte die Frage des Hungers als politische Waffe ins öffentliche Bewusstsein. ben» (1976) und «Die Schweiz wäscht weisser» (1990) habe sich nie von seinem Weg abbringen lassen. Auch sein letztes Wort gegenüber einem Pfleger, der ihn bat, etwas zu essen, war ein entschiedenes «Nein», erinnert sich seine Witwe. Welchen Einfluss aber hatte Jean Ziegler auf die Schweizer Politik? «Er spielte eine entscheidende Rolle – nicht in Bezug auf die Gesetzgebung, sondern indem er öffentlich Dinge zum Ausdruck brachte, die bis dahin niemand anzusprechen gewagt hatte», meint der Politikwissenschaftler Pascal Sciarini. Nazigold in der Schweiz, nachrichtenlose Vermögen, schmutziges Geld von Diktatoren, das unter dem Deckmantel des Bankgeheimnisses bei Schweizer Banken deponiert wurde – um nur einige zu nennen. Ein weiteres seiner grossen Lebensthemen war der «menschengemachte» Hunger. Der Genfer, der die ärmsten Regionen der Welt bereiste, wurde in der Heimat oft als «Nestbeschmutzer» beschimpft – etwa wenn er den Schweizer Wohlstand, den wir teilweise den Banken verdankten, anprangerte. «Seine provokanten Formulierungen, aber auch sein Hang zur Übertreibung machten ihn bei Gleichgesinnten beliebt und bei den von ihm kritisierten Kreisen zu einem Gegner, den man am liebsten zum Schweigen gebracht hätte», erklärt Sciarini. Er weist allerdings darauf hin, dass wiederholte Ungenauigkeiten Zieglers Aussagen zuweilen die Schlagkraft nahmen. Den Vater «töten» Jean Ziegler, geboren in Thun als Sohn eines calvinistischen Amtsrichters und Artillerie-Obersten, war sehr früh vom Thema Armut tief bewegt. Während des Zweiten Weltkriegs «er- «Rebellisch, wagemutig, kritikresistent»: Jean Ziegler (1934–2026). Foto Keystone Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 20 Porträt
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