Die Zeitschrift für Auslandschweizer:innen Unterwegs mit dem Gletscherforscher: Das Alpen-Eis schmilzt immer schneller Das Stimmvolk entscheidet: Wer bezahlt die 13. AHV-Rente? Pelziger Öko-Ingenieur: Biber fördern Schweizer Artenvielfalt OKTOBER 2026
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Wenn Sie diese Ausgabe der «Schweizer Revue» in den Händen halten oder online lesen, hat die Schweiz einen ungewöhnlich heissen und trockenen Sommer hinter sich. Er sorgte vielerorts für Rekordtemperaturen, liess das Grundwasser sinken, verknappte das Futter für Weidetiere, brachte Wälder in Trockenstress und trieb die hitzebedingten Krankheitsfälle in die Höhe. Auch die Gletscher litten unter dem Extremsommer. Doch sie schmelzen schon viel länger. Seit dem Jahr 2000 verloren die rund 1400 Schweizer Gletscher fast 40 Prozent ihres Volumens. Die ungebremste Klimaerwärmung beschleunigt die Schmelze weiter. Wie sieht es dort oben aus? Wie findet die Wissenschaft heraus, wie schnell und stark die Gletscher schmelzen? Und was würde es bedeuten, wenn die eisige Pracht vollständig verschwände? Gletscher prägen das Landschaftsbild der alpinen Schweiz. Sie sind Wasserspeicher, kulturelle Symbole und Touristenmagnete. Die «Schweizer Revue» wollte es genau wissen. Unsere Redaktorin und unser Fotograf schnallten Steigeisen an und begleiteten Forschende der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH) Zürich bei ihren Messungen auf dem Gletscher Scex Rouge in den Waadtländer Alpen (Seite 4). Das Ergebnis ist ernüchternd, wie der Schwerpunkt dieser Ausgabe zeigt. Erfahren Sie darin aber auch, warum ein führender Schweizer Gletscherforscher trotzdem den Mut nicht verliert. Der Hitzesommer 2026 bescherte dem Land zudem einen ruhigen Nationalfeiertag. Wegen der Brandgefahr war Feuerwerk fast überall verboten. Bald könnte das dauerhaft so sein. Am 29. November 2026 entscheidet das Stimmvolk über eine Volksinitiative, die das Abbrennen von Feuerwerk im ganzen Land stark einschränken will (Seite 10). Die Debatte wird emotional geführt, auch bei uns in der «Schweizer Revue». Drei weitere Vorlagen kommen ebenfalls zur Abstimmung, darunter die Finanzierung der 13. AHV-Rente (Seite 8). Das Volk hat sie 2024 beschlossen, Ende 2026 wird sie erstmals ausbezahlt. Doch die Politik tut sich schwer, eine Finanzierungslösung zu finden. Vorerst soll die Mehrwertsteuer steigen. Wir zeichnen die Debatte nach und erklären, wie Auslandschweizerinnen und -schweizer zur 13. Rente kommen. Die fast 80-jährige AHV, Feuerwerk am Nationalfeiertag, Gletscher: In diesen Themen erzählt die Schweiz sich selbst. Ein Stück weit können wir alle darauf Einfluss nehmen. Mit dem Stimmzettel – und mit klimafreundlichem Verhalten. FÜR DAS REDAKTIONSTEAM: NEMA BLIGGENSTORFER Schweizer Gletscher: Die eisige Pracht ist bedroht Titelbild: Glaziologe Janosch Beer misst Ende Juli 2026 auf dem Gletscher Scex Rouge, wie viel Eis abgeschmolzen ist. Ein Jahr zuvor reichte der Gletscher noch bis zum oberen Ende der Stange – in 20 bis 30 Jahren dürfte er ganz verschwunden sein. Foto Marco Zanoni Herausgeberin der «Schweizer Revue», des Informationsmagazins für die Fünfte Schweiz, ist die Auslandschweizer-Organisation. 4 Schwerpunkt Wie der Klimawandel die Gletscher schmelzen lässt – eine Reportage 10 Politik Tradition oder Belastung? Stimmvolk entscheidet über Feuerwerk 13 Politik Gelockerte Regeln für Waffenexporte: Das Volk hat das letzte Wort 14 Wirtschaft Warum Schweizer Banken ihr Gold in den Bergen versteckten 16 Gesehen Eine Ausstellung erinnert an das verschüttete Dorf Blatten Nachrichten aus Ihrer Region 20 Porträt Er war der bekannteste Intellektuelle der Schweiz: Jean Ziegler 22 Schweiz extrem Ein Tsunami auf dem Vierwaldstättersee und seine Folgen 30 Aus dem Bundeshaus Das Online-Portal der Schweizerischen Ausgleichskasse 34 SwissCommunity-News Jugendlager in der Schweiz brachten Erlebnisse und Freundschaften Foto Alain Amherd Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 3 Editorial Inhalt
Schweizer Gletscher schmelzen in Rekordzeit Der Hitzesommer 2026 hat den Gletschern in den Alpen erneut stark zugesetzt. Ihr dramatisches Schmelzen ist eine der deutlichsten Folgen des Klimawandels. Geht die Erwärmung ungebremst weiter, könnten die Gletscher bis Ende des Jahrhunderts ganz verschwinden. Die «Schweizer Revue» hat Forschende bei Messungen hoch oben begleitet. Die ETH-Forschenden Janosch Beer und Ariana David unterwegs zu Messpunkten auf dem Kleingletscher Scex Rouge im alpinen Grenzgebiet der Kantone Waadt und Wallis. Foto Marco Zanoni Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 4 Schwerpunkt
5 THEODORA PETER Vom Col du Pillon führt eine Luftseilbahn zur Bergstation «Glacier 3000» zwischen den Kantonen Waadt und Wallis. Von der Aussichtsterrasse auf knapp 3000 Metern über Meer lassen sich an diesem Montag Ende Juli in der Ferne die höchsten Gipfel der Alpen erkennen – darunter die von Neuschnee leicht angezuckerte Spitze des Matterhorns. Am Vortag haben Gewitter den Bergen ein paar Niederschläge gebracht. Doch sie vermögen die extreme Trockenheit dieses Sommers kaum zu lindern. Und bereits rollt die nächste Hitzewelle auf die Schweiz zu. An vielen Orten werden bisherige Höchsttemperaturen übertroffen. Auf 3000 Metern ist es mit 10 Grad Celsius ziemlich kühl, Wolkenschwaden treiben im Wind. Zu unseren Füssen breitet sich ein Hochplateau mit den relativ flachen Gletschern Scex Rouge und Zanfleuron aus. Bis vor wenigen Jahren waren die beiden Eisströme noch auf einer durchgehenden Fläche vereint. Seit 2022 trennt sie eine Landzunge, die aufgrund der starken Schmelze – Folge der menschengemachten Klimaerwärmung – an die Oberfläche trat. Zehn Jahre zuvor lag diese Stelle noch unter einer 15 Meter dicken Eisschicht verborgen. Nun ragt der Geröllrücken am Col de Zanfleuron immer höher aus den schrumpfenden Gletschern. Permanentes Plätschern Die «Schweizer Revue» ist unterwegs mit dem Glaziologen Janosch Beer. Der 31-jährige Doktorand der ETH Zürich führt heute auf dem Scex Rouge Messungen zu Oberflächenschmelze und Eistemperatur durch – begleitet von seiner Kollegin Ariana David, die ihn bei den Arbeiten auf dem Eis unterstützt. Wir besteigen den Sessellift, der im Sommer die Touristinnen und Touristen von der Bergstation hinunter zum 200 Höhenmeter tiefer gelegenen Gletscherplateau bringt. Dort können sie auf einem abgesteckten Weg einen gefahrenlosen «Glacier Walk» absolvieren. Neben dem Lift lagern langgezogene und mit weissen Planen abgedeckte Schneedepots. Viele Bergbahnen nutzen dieses «Snowfarming», um den vom letzten Winter verbliebenen Schnee in die nächste Skisaison zu retten. Am Rand des schneefreien Gletschers angekommen, schnallen wir uns Steigeisen unter die Bergschuhe. Sie bieten auf dem rutschigen Grund den nötigen Halt. Über die leicht abschüssige Eisfläche fliessen überall Rinnsale und kleine Bäche – zu hören ist ein permanentes Plätschern. «So nass habe ich den Gletscher noch nie angetroffen», konstatiert Beer, der seit mehreren Jahren jeden Sommer hierherkommt. Das Schmelzwasser sammelt sich am tiefsten Punkt in einem kleinen See, der sich über eine Felskante in einen Wasserfall entleert. Ungefähr in der Mitte der Gletscherfläche stossen wir auf eine von Weitem sichtbare Aluminiumstange. Daran messen die Glaziologen die Höhe des Eisverlustes. Vor einem Jahr hat Beer die sogenannte Ablationsstange vier Meter tief im Gletscher versenkt. Nun ragt das obere Ende fast drei Meter über die Eisfläche hinaus. «Und der Sommer ist noch nicht vorbei», gibt der Forscher zu bedenken. Die zweite Messung am unteren Ende des Gletschers vervollständigt die Daten: An der Gletscheroberfläche des Scex Rouge sind in dieser Saison rund 2,4 bis 2,9 Meter reines Eis abgeschmolzen. Das entspricht gemäss Beer den Werten der Vorjahre, die bereits als hoch bis extrem eingestuft worden waren. Ohnehin sind die Tage des Scex Rouge gezählt: Der noch rund 40 Meter tiefe Gletscher dürfte in 20 bis 30 Jahren ganz verschwunden sein. Zum Sterben verurteilt ist er, weil er sich nicht in ein höher gelegenes Nährgebiet zurückziehen kann, wo auch im Sommer Schnee fällt und neues Gletschereis entstehen kann. Schwierige Messungen Nebst der Eisdicke erfasst der junge Wissenschaftler auch die Eistemperatur in verschiedenen Tiefen. Dazu versenkte er beim Start seines ForschungsVon der Bergstation «Glacier 3000» führt ein Sessellift hinunter zu den Gletschern Scex Rouge (links) und Zanfleuron (rechts), die bis 2022 noch vereint waren. In dem mit weissen Planen vor der Sonne geschützten Depot wird Restschnee vom Winter übersommert. Foto Marco Zanoni Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4
projektes Sensoren im Gletscher, die durch ein langes Kabel mit der Oberfläche verbunden sind. Daran schliesst Beer nun seinen Laptop an und lädt im Nu die aufgezeichneten Daten herunter. In seiner Dissertation untersucht er unter anderem die Frage, wie sich eine fehlende Schneedecke auf die Temperaturen im Gletscherinnern auswirkt. Die Erkenntnisse sollen zum Schutz vor Naturgefahren beitragen. Welch verheerende Folgen kollabierende Gletscher für darunterliegende Siedlungen haben können, zeigte sich 2025 bei der Katastrophe von Blatten (siehe Seiten 16–17 und «Revue» 4/2025). Sobald alle Messungen abgeschlossen sind, holt Beer die Bohrmaschine aus dem Rucksack. Die Aluminiumstangen müssen erneut vier Meter tief im Gletscher platziert werden. Dafür werden neue Löcher ins Eis gebohrt. Den ersten Versuch bricht Beer nach einem Meter Tiefe ab, weil von unten zu viel Schmelzwasser ins Bohrloch drückt. «Das ist mir hier noch nie passiert», konstatiert der Forscher. Nach ein paar Anläufen an neuen Bohrstellen gelingt das Vorhaben schliesslich. Seine Arbeit auf dem Scex Rouge ist für dieses Jahr beendet. In den Folgetagen setzt Beer seine Forschungen auf Gletschern im Wallis fort. Eine Woche später teilt er uns seine Beobachtungen per Mail mit. Er habe grundsätzlich überall eine sehr Natürliches Wasserreservoir bedroht Der Rückgang der Gletscher hat grosse Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Wasser. «Nicht von ungefähr gelten die Alpen als Wasserschloss Europas», sagt Glaziologe Matthias Huss. Hier entspringen die grossen Flüsse, die unter anderem durch die Schnee- und Gletscherschmelze gespiesen werden – darunter Rhein, Rhone und Po. «Die Gletscher wirken wie ein natürliches Wasserreservoir, und sie tragen zu stabilen Wasserabflüssen bei – insbesondere dann, wenn es heiss und trocken ist.» Dies machten sich die Bewohnerinnen und Bewohner der Alpentäler schon vor Jahrhunderten zunutze, indem sie Wasserleitungen bauten, um das Schmelzwasser der Gletscher auf die trockenen Wiesen und Felder zu leiten. Diese Suonen sind im Wallis zum Teil bis heute in Betrieb. Schrumpft der Wasserspeicher, dürfte gemäss Huss langfristig auch die Stromproduktion durch Wasserkraft betroffen sein. Zwar führe das Abschmelzen der Gletscher derzeit noch zu vollen Stauseen. «Dieser Effekt verpufft aber, wenn dieses natürliche Wasserreservoir aufgebraucht sein wird.» (TP) starke Schmelze angetroffen, schreibt der Glaziologe. «Zum Teil ragten die Stangen über drei Meter aus dem Eis. Diese Pegel konnten wir gerade noch ablesen. Andere waren völlig ausgeschmolzen, und wir haben diese Messungen deshalb verloren.» Aufgefallen ist ihm auch, wie viel nacktes Eis in Höhen über 4000 Metern zu sehen war. «Diese Regionen waren früher ganzjährig mit Schnee bedeckt.» Ein Extremjahr folgt dem anderen Alle erhobenen Daten zum Gletschervolumen fliessen ins Schweizerische Gletschermessnetz GLAMOS (Glacier Monitoring Switzerland) ein, das über Messstandorte auf insgesamt 176 Gletschern verfügt. Die Gesamtbilanz, welche jeweils zum Ende des hydrologischen Jahres im September gezogen wird, lag bei Redaktionsschluss dieser «Revue» noch nicht vor. Doch für GLAMOS-Leiter Matthias Huss zeichnete sich bereits im Juli aufgrund der vorliegenden Messungen ab, dass 2026 zu einem Extremjahr werden dürfte. «Den Gletschern in der Schweiz geht es sehr, sehr schlecht», konstatiert der 46-jährige Glaziologe in einem Videocall. Der Gletscherrückgang – seit 1990 ohne Unterbruch im Gang – habe sich in den letzten Jahren nochmals stark beschleunigt. Das bisherige Rekordjahr 2022 war gemäss Huss «ein eigentlicher Kipppunkt: Seither folgt ein Extremjahr nach dem anderen». Die massive Gletscherschmelze dieses Jahres ist nebst der Hitze auf einen schneearmen Winter zurückzuführen. «Fällt im Winter genügend Schnee, wirkt dieser bis weit in den Sommer hinein als Schutzschicht.» Ausgeaperte Gletscher hingegen absorbieren als Die Forschenden ziehen das Bohrgestänge aus einem neu gebohrten Loch. Dort wird die Messstange (rechts am Boden) wieder vier Meter tief im Gletscher versenkt. Foto Marco Zanoni Glaziologe Janosch Beer lädt Temperaturdaten auf seinen Laptop. Das Kabel ist mit Sensoren verbunden, die er vor Jahren tief im Eis versenkt hat. Foto Marco Zanoni Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 6 Schwerpunkt
Vom Wert des Schönen Die vergletscherten Alpen gehören zur kollektiven Identität der Schweiz. Die Schönheit des Firns, der im Morgenrot aufleuchtet, wird in der Nationalhymne besungen. Doch was, wenn dereinst in den Alpen nur noch graue Geröllhalden anzutreffen sind? Der Autor Marcel Hänggi, der sich seit über 20 Jahren als Fachjournalist mit der Klimakrise beschäftigt, geht dieser Frage im neuen Buch «Das Schöne, das verloren geht» nach. Angetrieben von der «Trauer über die Verheerungen, die menschliches Tun angerichtet hat», thematisiert er, was wir durch Umweltzerstörung verlieren, und warum Schönheit in der politischen und wissenschaftlichen Debatte kaum eine Rolle spielt. Kann Schönheit eine belastbare Grundlage von Entscheidungen sein? «Schwierig», räumt Hänggi ein. Doch relevant sei die Schönheit der Natur deshalb, «weil es ganz offensichtlich nicht gelingt, die Umwelt zu schützen, wenn wir nur ihren instrumentellen Wert sehen.» In seinem facettenreichen Essay lenkt der Autor den Blick über die Frage des blossen Nutzens von Natur hinaus: «Ohne das Schöne gibt es kein würdiges Leben.» (TP) DAS SCHÖNE, DAS VERLOREN GEHT. MARCEL HÄNGGI. ROTPUNKTVERLAG, 2026. «Den Verlust mit eigenen Augen zu sehen, kann zum Problembewusstsein beitragen, sagt der Glaziologe Matthias Huss. Er leitet das Gletschernetzwerk GLAMOS. Foto Keystone Die Klimaerwärmung trifft auch die grossen Gletscher: Der Rhonegletscher zieht sich immer weiter zurück und macht einem See aus Schmelzwasser Platz. Foto Keystone dunklere Flächen das Sonnenlicht und heizen sich auf. «Das führt zu noch schnellerem Abschmelzen.» Tragen die Luftmassen auch noch Saharastaub in die Alpen, verstärkt sich dieser Effekt zusätzlich. Doch auch schneereiche Winter können den Verlust nicht aufhalten. Das zeigte sich exemplarisch im Jahr 2024, als Huss im Juni auf 3000 Metern Höhe noch bis zu fünf Meter Schnee auf den Gletschern antraf. «Ich dachte damals, diese Schicht könne unmöglich abschmelzen bis im Herbst.» Dann folgten zwei heisse Sommermonate, und der Schnee war weg. Fazit: «Letztlich ist der Sommer der entscheidende Faktor für die Gletscherschmelze.» Auch die Grossen leiden Die Extremjahre treffen besonders die kleinen Gletscher, die in Einzelteile zerfallen und ganz verschwinden. Huss selber hat als Forscher das Sterben des Pizolgletschers im Kanton St. Gallen miterlebt, den er in den letzten 20 Jahren rund 50-mal für Messungen besuchte. «Seit 2022 trifft man dort nur noch auf eine Geröllhalde.» Bei den grössten Schweizer Alpengletschern – dem Aletschgletscher im Jungfraugebiet und dem Gornergletscher im Monte-Rosa-Massiv – ist ein mittlerer Verlust von zwei Metern Eisdicke pro Jahr kaum sichtbar. Diese Gletscherströme sind noch mehrere hundert Meter tief. «Steht man aber vor einer Gletscherzunge, sind von Jahr zu Jahr eindrückliche Veränderungen erkennbar», betont Huss. Das zeigt sich zum Beispiel auch am Ende des Rhonegletschers: «Dort hat sich das Eis weit zurückgezogen und einem See aus Schmelzwasser Platz gemacht.» Für das Überleben der hoch gelegenen Gletscher kommt es gemäss dem Glaziologen darauf an, «ob die Welt den Turnaround schafft». Gelinge es, die Klimaerwärmung weltweit auf 1,5 Grad Erwärmung zu stabilisieren, «dann können sich die Gletscher in die Höhe zurückziehen». Dieses Szenario wird aber immer unwahrscheinlicher: «Derzeit steuern wir auf eine Erderwärmung von 2,7 Grad zu – in den Alpen könnte es gemäss den Klimaszenarien gar 4 Grad wärmer werden.» Gehe es weiter wie in den letzten Extremjahren, «kann es durchaus sein, dass das Eis bis zum Ende des Jahrhunderts auch über 4000 Metern über Meer komplett verschwindet». Diese düsteren Aussichten demotivieren Matthias Huss nicht. Die grossen Veränderungen in den Alpen zu dokumentieren, sieht er vielmehr als Chance: «Wir können die Strahlkraft der Gletscher nutzen, um den Klimawandel zu illustrieren.» Viele Menschen hätten einen persönlichen Bezug zu den Gletschern – sei es aufgrund von Kindheitserinnerungen oder Ferienaufenthalten in den Bergen. «Den Verlust mit eigenen Augen zu sehen, kann zum Problembewusstsein beitragen.» Schweizerisches Gletschermessnetz (GLAMOS) www.glamos.ch Mehr Gletscherbilder: www.revue.link/gletscher Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 7
EVELINE RUTZ Im Dezember erhalten Pensionierte im In- und Ausland erstmals eine 13. AHV-Rente. Die «Dreizehnte» wird insgesamt rund 4,2 Milliarden Franken kosten. Bis 2040 dürfte dieser Betrag auf gegen 5,4 Milliarden Franken steigen. Grund dafür ist der demographische Wandel: Die Zahl der Rentner:innen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ende 2025 haben 2 635 200 Personen – von diesen lebte rund ein Drittel im Ausland – Leistungen der AHV bezogen. In zehn Jahren dürften es rund 3 Millionen sein. Die Kosten steigen auch deshalb, weil Altersrenten regelmässig der Preis- und Lohnentwicklung angepasst werden. Wie der Leistungsausbau finanziert werden soll, ist allerdings noch offen. Die Initiative «Für ein besseres Leben im Alter», mit der die Gewerkschaften 2024 einen historischen Abstimmungserfolg feierten («Revue» 3/2024), macht dazu keine Vorgaben. Entsprechend langwierig und kontrovers verliefen Konsum verteuern zugunsten der AHV? Das Volk entscheidet Um die 13. AHV-Rente – zumindest teilweise – zu finanzieren, soll die Mehrwertsteuer dauerhaft auf 8,5 Prozent erhöht werden. Die erwerbstätige Bevölkerung wird hingegen nicht zusätzlich zur Kasse gebeten. Nach hitzigen Diskussionen im Parlament hat am 29. November 2026 das Stimmvolk das letzte Wort. die Debatten im Parlament. Gestritten wurde über mögliche Geldquellen. Zur Diskussion standen zusätzliche Abgaben sowie Steuern und die Umlenkung von bestehenden Finanzflüssen. Einig waren sich die Parlamentarier:innen aus allen Lagern, dass der Volkswille rasch umzusetzen sei. Das Volk habe sich eine 13. AHV «gegönnt», stellten bürgerliche Politiker:innen lakonisch fest. Dafür werde es jetzt zur Kasse gebeten. Mitte-Nationalrat Thomas Rechsteiner formulierte es so: «Wenn man zur 13. AHVRente Ja sagt, dann muss man sich auch bewusst sein, dass das etwas kostet.» Viel zu reden gab zudem die Frage, ob es für die Finanzierung befristete oder dauerhafte Massnahmen Ende 2025 bezogen rund 2,6 Millionen Personen Leistungen der AHV. In zehn Jahren dürften es 3 Millionen sein. Einkaufen soll teurer werden. Alle Bevölkerungsgruppen sollen so zur Finanzierung der 13. AHV beitragen. Foto Alexander Faé, Unsplash Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 8 Politik
«Wenn man zur 13. AHV-Rente Ja sagt, dann muss man sich auch bewusst sein, dass das etwas kostet.» Mitte-Nationalrat Thomas Rechsteiner 13. AHV-Rente kommt automatisch Die zusätzliche AHV-Rente wird im Dezember ausbezahlt – zum gleichen Zeitpunkt wie die übliche Monatsrente. AHV-Beziehende werden im Vorfeld entsprechend informiert. Personen, die ab dem 1. Januar 2026 Anspruch auf eine Altersrente haben, finden die Informationen direkt in der Rentenverfügung. AHV-Rentner:innen, die im Ausland wohnhaft sind, müssen nichts unternehmen. Die «Dreizehnte» entspricht einem Zwölftel der jährlichen Altersrente einer versicherten Person. Wieviel jede Rentnerin und jeder Rentner erhält, hängt von der persönlichen Beitrags- und Einkommenssituation ab. Einzelpersonen erhalten maximal 2520 Franken, Ehepaare höchstens 3780 Franken. Die 13. AHV-Rente hat keinen Einfluss auf Ergänzungsleistungen. Sie wird bei deren Berechnung nicht berücksichtigt. Keine zusätzliche Rente gibt es für Witwen, Witwer und Waisen. Auch Invalidenrenten werden weiterhin nur zwölfmal pro Jahr ausbezahlt. (ERU) Bedarfs, wie Lebensmittel, Medikamente, Bücher und Zeitungen, gälte nach wie vor ein reduzierter Prozentsatz von 2,6 Prozent. Der Sondersatz für die Hotellerie soll hingegen von 3,8 auf 4 Prozent erhöht werden. Die höhere Mehrwertsteuer dürfte jährlich Einnahmen von rund 1,5 Milliarden Franken bringen. Damit wäre nicht einmal die Hälfte des Leistungsausbaus der AHV finanziert. Richtig zufrieden ist mit der Vorlage kein politisches Lager. Deren Vorstellungen, wie das Sozialwerk gesichert werden soll, gehen weit auseinander. Kompromisse sind schwierig. Das zeigt sich auch an den Reaktionen auf das Reformpaket «AHV 2030». Der Bundesrat will unter anderem Anreize schaffen, damit Menschen nach 65 weiterarbeiten. Von einem höheren Rentenalter sieht er aber ab. Bald wird sich das Parlament mit der Zukunft AHV beschäftigen. Das Ringen um die Altersvorsorge geht also weiter. braucht. Eine zeitlich begrenzte Lösung hätte die Dringlichkeit verstärkt, strukturelle Reformen umzusetzen. Knappe Entscheide Konfliktlinien zeigten sich nicht nur zwischen den Polen des politischen Spektrums, sondern auch innerhalb der Parteien. Parlamentarier:innen mit potenziell abweichenden Haltungen gerieten in ihren Fraktionen unter Druck. Immer wieder kam es auf wenige Stimmen an. Nach zähem Ringen einigten sich die zerstrittenen Lager in der Sommersession auf einen ersten Schritt: Sie wollen die Mehrwertsteuer ab 2028 dauerhaft um 0,4 Prozentpunkte anheben, um zumindest einen Teil des Leistungsausbaus zu finanzieren. Weil dafür die Bundesverfassung geändert werden muss, wird das Geschäft nun Volk und Ständen vorgelegt. Der Bundesrat hatte ursprünglich vorgeschlagen, die Mehrwertsteuer bis 2030 um 0,7 Prozentpunkte zu erhöhen. Die eidgenössischen Räte entwickelten jedoch eigene Finanzierungsmodelle. Im Ständerat gab eine Allianz von Mitte und SP die Richtung vor. Sie wollte die Mehrwertsteuer erst um bis zu 1 Prozentpunkt anheben. Nach heftiger Kritik im Nationalrat krebste die kleine Kammer zurück: Sie beschränkte sich auf eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,4 Prozentpunkte und sprach sich ergänzend für zusätzliche Lohnbeiträge aus. Die Mehrwertsteuer an sich sei nicht sozial, argumentierte eine Mehrheit im Ständerat. Menschen mit tiefen Einkommen würden – relativ gesehen – stärker belastet als Gutverdienende. Setze man bei den Lohnabzügen an, müssten höhere Einkommen mehr zur Finanzierung beitragen. Mit einem Mix werde die 13. AHV breit abgestützt und langfristig gesichert. Im Nationalrat stiess dieses Modell aber auf Widerstand. SVP, FDP und GLP wehrten sich entschieden gegen höhere Lohnbeiträge. Es müsse attraktiv bleiben zu arbeiten, betonten sie. Auf den Erwerbstätigen laste heute schon sehr viel. «Wir wollen keine weitere Umverteilung von Jung zu Alt, sie verletzt die Generationengerechtigkeit», sagte GLP-Nationalrat Patrick Hässig. Die Mehrwertsteuer zu erhöhen, sei das kleinere Übel. Damit würden auch Personen ohne Erwerbseinkommen – darunter AHV-Beziehende und Tourist:innen – für den Ausbau der AHV bezahlen. GLP und Bürgerliche wollten die Massnahme aber nur befristet zulassen. Es gelte, die Renten langfristig zu sichern, sagten sie. Dafür brauche es zeitnah strukturelle Reformen – etwa Anreize, um länger erwerbstätig zu bleiben, oder automatische Stabilisierungsmassnahmen, die der demografischen Entwicklung Rechnung tragen. Einen Absturz der Zusatzfinanzierung wollten die Grünliberalen aber nicht riskieren. Im letzten Moment schwenkten sie um und stimmten zähneknirschend einer unbefristeten Steuererhöhung zu. Höhere Preise ab 2028 Sagt nun auch das Volk Ja, erhalten die Unternehmen zwei Jahre Zeit, um ihre Preise anzupassen. Ab 2028 müssten die Konsumierenden tiefer ins Portemonnaie greifen. Die Mehrwertsteuer würde von 8,1 auf 8,5 Prozent steigen. Für Güter des täglichen Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 9
SUSANNE WENGER In der Schweiz können Bürgerinnen und Bürger politische Anliegen auf die Agenda setzen, indem sie eine Volksinitiative starten. Dafür müssen sie mindestens 100000 Unterschriften sammeln. So kommen mitunter Themen zur Abstimmung, die im Ausland für Verwunderung sorgen. 2018 ging es etwa um Kuhhörner, aktuell steht Feuerwerk im Fokus. Die 2023 eingereichte Initiative «Für eine Einschränkung von Feuerwerk» will Privaten verbieten, lärmiges Feuerwerk zu kaufen und zu verwenden («Revue» 3/2025). Die Initiantinnen und Initianten um den Aargauer Ex-Journalisten und Hundetrainer Roman Huber sowie die St. Galler Informatikerin und Tierhalterin Corinne Meister betonen, dass sie kein komplettes Verbot verlangen. Leises Feuerwerk wie Vulkane soll erlaubt bleiben. Das gilt auch für öffentliche Feuerwerke an Feiertagen wie dem 1. August, mit kantonaler Bewilligung. Mitgetragen wird die Initiative von drei Tierschutzorganisationen, darunter dem mitgliederstarken Schweizer Tierschutz STS. Die Initianten wollen Haus-, Nutz- und Wildtiere vor Angst und Störungen schützen, die die Knall- und Lichteffekte von Raketen und Knallkörpern auslösen. Sie argumentieren, der Lärm belaste auch Menschen. Der Feinstaub aus Feuerwerk gefährde die Gesundheit, Schadstoffe gelangten in Böden und Gewässer. Zudem verweisen die Initianten auf jährlich mehr als 200 Unfälle beim Umgang mit Feuerwerk. Die Landesregierung lehnt die Initiative ab. Auch das Parlament stellte sich mehrheitlich dagegen. Das Hauptargument lautet: Das Volksbegehren führe zu Überregulierung. Kantone und Gemeinden könnten Feuerwerk schon heute einschränken, wie dieses Jahr am 1. August wegen Brandgefahr durch Trockenheit. Etliche Gemeinden in der Schweiz haben bereits dauerhafte Einschränkungen oder Verbote erlassen. Vorreiter waren die Bündner Tourismus- und Bergregionen. Die Gegner der Initiative betonen, Feuerwerk gehöre zur Tradition am Nationalfeiertag und zunehmend auch an Silvester. Sie warnen vor den Folgen eines landesweiten Verbots für das betroffene Gewerbe und plädieren für Toleranz und Eigenverantwortung. Um die Anliegen der Initianten dennoch in abgeschwächter Form aufzugreifen, sprachen sich zunächst beide Parlamentskammern für einen Gegenvorschlag aus. Dabei wären insbesondere Knallkörper ohne optischen Effekt verboten worden. Doch der Nationalrat verwarf die eigene Gesetzesreform überraschend in der Schlussabstimmung der Sommersession. Damit ist sie vom Tisch. Der Grund war eine ungewöhnliche Allianz aus Rechts und Links. Den bürgerlichen Parteien SVP und FDP ging der Gegenvorschlag zu weit, den Grünen war er zu lasch. Nun kommt die Feuerwerksinitiative allein zur Abstimmung. Schluss mit lautem Feuerwerk für Private? In der ganzen Schweiz sollen Privatpersonen kein lärmiges Feuerwerk mehr zünden dürfen. Das fordert eine Initiative aus Tier- und Umweltschutzkreisen. Am 29. November 2026 entscheiden Volk und Stände darüber – ein Gegenvorschlag scheiterte im letzten Moment im Parlament. Umstrittenes Vergnügen: Eine Volksinitiative will Feuerwerk in der Schweiz einschränken. Im Bild eine Szene von der Bundesfeier 2022 in Lausanne. Foto Keystone 10 Politik Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4
Feuerwerk: Was für ein Spass Ich gebe zu, ich bin einer dieser Hobbyfeuerwerker, die «völlig sinnlos» Raketen und Petarden zünden. Ich weiss, wie lärmig, umweltschädlich und gefährlich dies ist, für die Gesundheit oder gar für das Leben. Dennoch liebe ich es, obwohl ich die Luft mit giftigen Gasen belaste und unschuldige Tiere stresse. Seit 50 Jahren ist mir das Feuerwerk am 1. August ein Ritual, das Leben zu feiern. So lernte ich als Kind sogar sparen: Nur wenn ich monatelang Taschengeld äufnete, konnte ich in der Papeterie genügend Munition fassen, um mit einer selbstgebastelten Kartonrohr-Kanone stundenlang Serienfeuer zu schiessen. Fing die Kanone Feuer, löschte mein Vater, dabei eine Luftschutzsirene imitierend. Er war ein ernster Mensch, aber am 1. August wurde auch er zum Kindskopf, feierte mit mir Bubenträume. So wie später ich es als Vater genoss, mein Kind im Manne auszuleben, angefeuert von der Tochter: «Papa, du rockst die Bude!» Volksbelustigung – darum geht es beim Feuerwerk, seit dieses gut 200 Jahre v. Chr. in China entdeckt wurde und im 14. Jahrhundert Europa erreichte. Feste nutzten den Feuerzauber als kraftvolles Zeichen. So wie heute Hobbyfeuerwerker ihr eigenes starkes Symbol zelebrieren. Kleiner Mann will auch mal zur grossen Geste ausholen. Indes, es steht nicht gut um diese Freude. Hobbyfeuerwerker ausgrenzen liegt im Trend. Vernunftbegabte Bedenkenträger befeuern das Pyro-Bashing, erst recht, seit Krieg wieder blutige Realität ist in Europa. Und ach, ich denke, sie werden gewinnen, auch ohne Initiative. Nicht nur haben sie gesündere Argumente, auch der Zeitgeist ist ängstlich: Wenn Kinder auf Spielplätzen Schutzhelme tragen, ist es wohl bald vorbei damit, etwas Brenzliges wie Feuerwerk zu dulden. So schliesse ich nicht kämpferisch, rufe ich nicht zum freien Feuerwerken auf. Ich will nicht hadern, wenn «meine» Zeit offenkundig endet, und mich stattdessen freuen, dass ich sie erleben durfte. So schadstoffverpestet und lärmverseucht die Hohe Zeit des Feuerwerks gewesen sein mag, so lebensfroh und vergnügt war sie. Und so herrlich sinnlos. Was für ein Spass! Rudolf Gafner, freier Journalist in Burgdorf (BE) Feuerwerk: Was für ein Lärm Auch ich wuchs mit der Begeisterung für Feuerwerk auf, die jedes Jahr am 1. August in Schweizer Vorgärten und auf Quartierstrassen aufflammte. Mich zog das Spektakel weder besonders an, noch störte es mich. Lustig fand ich die zischende Sonne, die mein Vater an einen Telefonmast nagelte. Immer schneller drehte sie sich, immer weiter sprühten die Funken. Auch an das grosse Feuerwerk beim Seenachtsfest erinnere ich mich gern. Bunte Lichter tauchten die Alpenkulisse in Glanz – das war schön. Lichterglanz? Das war einmal. Heute dominiert endloses Knallen und Lärmen. Nicht nur ist das Sortiment gewachsen, auch die Feuerkraft hat leider zugenommen. Früher zündete man Raketen einzeln, fast rührend handwerklich, aus leeren Mineralwasserflaschen. Heute lässt der meist sehr wettbewerbsorientierte Hobbyfeuerwerker mit vormontierten Batterien 49 Schuss in 40 Sekunden los: der Quartierplatz als Schlachtfeld aus Papphülsen. Je grösser das Budget, desto öfter, lauter, länger – am Geld mangelt es in der Schweiz zuletzt. Die Folgen der Masslosigkeit: entnervte Nachbarn, zitternde Hunde, panische Kühe, gestörte Brutvögel. Feinstaub. Abfall. Unfälle. Feuerwerk sei Tradition und Lebensfreude, höre ich. Nur: Wie rücksichtslos darf Lebensfreude sein? Und was hat die mehrheitlich aus China importierte Schwarzpulver-Ware mit Schweizer Tradition zu tun? Echte Schweizer Tradition hingegen ist die direkte Demokratie. Deshalb handeln wir jetzt an der Urne aus, ob das Privatvergnügen einer Minderheit weiterhin das gestiegene Bewusstsein für Tier- und Umweltschutz torpedieren soll. Nur 13 Prozent der Bevölkerung kaufen laut einer 2024 durchgeführten Umfrage Feuerwerk. Der Wertewandel ist da, der Spass muss nicht enden. Erfreuen wir uns an zauberhaften Vulkanen aus einheimischer Produktion. Sie brauchen keinen Mordskrach, um zu wirken. Und hin und wieder an einem öffentlichen, professionell ausgerichteten Feuerwerk. Nur sie sind doch wirklich prächtig. Gemeinschaftserlebnis statt Selbstinszenierung! Susanne Wenger, Redaktorin «Schweizer Revue» Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 11
THEODORA PETER Eigentlich haben die Schweizerinnen und Schweizer am 8. März 2026 an der Urne bereits ein klares Verdikt gefällt: Ehemann und Ehefrau sollen künftig getrennte Steuererklärungen ausfüllen. Eine Mehrheit von 54 Prozent sagte im Frühling Ja zur Einführung einer Individualbesteuerung. Damit wird die steuerliche Benachteiligung verheirateter Paare – die sogenannte «Heiratsstrafe» – bei Bund und Kantonen ausgemerzt. Bisher wurden Ehepaare gemeinsam veranlagt, was bei zwei addierten Einkommen zu höheren Steuern führte. Mit dem Systemwechsel wird neu jede Person einzeln besteuert – ob verheiratet oder nicht. Gemäss einer Nachbefragung des Politik- und Meinungsforschungsinstitutes gfs Bern war für eine grosse Mehrheit der Ja-Stimmenden ausschlaggebend, dass die Gleichstellung nun auch im Steuersystem Eingang findet. Doch ob der Volksentscheid vom Frühling vollumfänglich umgesetzt werden kann, ist offen. Die Mitte-Partei hielt nämlich daran fest, dass ihre 2024 eingereichte Initiative «Ja zu fairen Bundessteuern auch für Ehepaare – Diskriminierung der Ehe endlich abschaffen!» dem Volk vorgelegt wird. Die «Fairness-Initiative» verlangt, dass Ehepaare weiterhin eine gemeinsame Steuererklärung ausfüllen. Der Bund soll jedoch sicherstellen, dass Verheiratete bei der Steuerberechnung nicht benachteiligt werden. Die Krux: Die Initiative steht in klarem Widerspruch zur gerade erst beschlossenen Reform, die für jede Person eine individuelle Besteuerung vorsieht. Die Mitte-Partei räumt zwar ein, dass das Volk am 8. März 2026 «im Grundsatz» die Abschaffung der störenden «Heiratsstrafe» besiegelt habe. Doch solle die Stimmbevölkerung dennoch das Recht haben, sich nun auch zum Vorschlag der Initianten zu äussern. Ihr Modell käme Ehepaaren mit traditioneller Rollenverteilung zugute. Unterstützt wird die Mitte dabei einzig von der SVP. Initiativgegner sprechen von «Zwängerei» FDP, SP, Grüne und Grünliberale sprechen hingegen von einer «Zwängerei». Schliesslich sei das Hauptziel der Initianten – keine steuerliche Benachteiligung von Verheirateten – bereits erfüllt, betonen diese Parteien. Sie hatten der Individualbesteuerung in einer überparteilichen und von Frauen angeführten Allianz zum Durchbruch verholfen – zuerst im Parlament, und am 8. März 2026 in der Volksabstimmung. Auch der Bundesrat stellt sich gegen die Initiative. Finanzministerin Karin Keller-Sutter (FDP) verwies im Parlament ihrerseits auf den Widerspruch, der sich bei einer Annahme der Initiative ergeben würde. Sie betrifft nämlich einzig die vom Bund erhobenen Steuern. «In den Kantonen bliebe das Gesetz über die IndividualSeilziehen um «faire Steuern» für Ehepaare geht weiter Wie sollen Ehepaare in der Schweiz besteuert werden? Nur acht Monate nach der Abstimmung zur Individualbesteuerung müssen die Stimmberechtigten am 29. November 2026 erneut über diese Frage entscheiden. Dann kommt die «Fairness-Initiative» vors Volk. besteuerung relevant», gab Keller-Sutter zu bedenken. Mit komplizierten Folgen: Ehepaare würden lediglich für die Bundessteuer gemeinsam besteuert, in den Kantonen und Gemeinden hingegen getrennt veranlagt. Wolle man dieses Auseinanderklaffen verhindern, müsste das Parlament Gesetze anpassen, sagte die Finanzministerin. «Das Parlament müsste faktisch versuchen, den einen Volksentscheid wieder ausser Kraft zu setzen.» Mitte-Präsident Philipp Matthias Bregy wehrte sich in Medieninterviews gegen den Vorwurf, das Steuersystem in ein Chaos stürzen zu wollen. «Bei jeder Initiative muss man nachher Gesetze anpassen», sagte Bregy dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Das Parlament werde dafür sorgen müssen, dass dies «einheitlich und vernünftig geregelt wird». Ob es so weit kommt, entscheiden Volk und Stände am 29. November 2026. Finanzministerin Karin Keller-Sutter warnte im Parlament vor den komplizierten Folgen der Mitte-Initiative. Foto Keystone Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 12 Politik
CHRISTOF FORSTER Der Export von Schweizer Rüstungsgütern ist ein hochemotionales Thema. Für die bürgerlichen Befürworter der vom Parlament beschlossenen Lockerungen geht es darum, eine eigene Rüstungsindustrie aufrecht zu erhalten. Dafür sei der inländische Markt alleine zu klein. Und eine eigene Rüstungsbasis sei zentral für die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz. Befeuert wurde die Diskussion in den vergangenen Jahren durch die Kritik aus dem Ausland am restriktiven Ausfuhrregime der Schweiz. In Deutschland etwa stiess auf grossen Unmut, dass der Bundesrat 2022 die Weitergabe von Schweizer Gepard-Munition an die Ukraine untersagt hatte. Ein Vertreter einer Rüstungsfirma sagte in der «NZZ», dass sie von einigen Staaten deutlich zu hören bekämen: «No Chinese, no Swiss». Da würde die Schweiz mittlerweile auf eine Stufe gestellt. Nach jahrelangen Diskussionen hat das Parlament Ende 2025 eine Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes beschlossen. Die Vorlage sieht vor, dass Schweizer Rüstungsfirmen 25 westliche Staaten auch dann beliefern können, wenn diese in einen bewaffneten Konflikt involviert sind. Diese Staaten haben gleichwertige Kontrollsysteme bei Kriegsmaterialexporten wie die Schweiz. Vetorecht des Bundesrats Der Bundesrat kann den Export verbieten, falls er aussen-, neutralitäts- oder sicherheitspolitische Interessen der Schweiz gefährdet sieht. Verboten bleiben Lieferungen an Länder, die Menschenrechte schwerwiegend und systematisch verletzen oder bei denen ein hohes Risiko besteht, dass Waffen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden. Damit soll primär europäischen Nato-Staaten signalisiert werden, dass die Schweiz ein zuverlässiger Partner sei. Zudem wird die Wiederausfuhr von Rüstungsgütern erlaubt. Heute müssen die StaaSollen Schweizer Rüstungsfirmen einfacher exportieren dürfen? Das Parlament will das Kriegsmaterialgesetz lockern. Dies stärke die Rüstungsindustrie und sei wichtig für die Sicherheit der Schweiz, argumentieren die Befürworter. Weil dagegen das Referendum ergriffen wurde, kommt es am 29. November 2026 zur Volksabstimmung. Gegen die Pläne des Parlamentes wehrt sich eine linksgrüne Allianz – hier bei der Einreichung der Referendumsunterschriften. Am Megafon spricht SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf (ZH). Foto Keystone ten in Bern nach Erlaubnis fragen. Auch hier hat der Bundesrat ein Vetorecht. Direkte Exporte oder Wiederausfuhren in die Ukraine bleiben aufgrund des völkerrechtlichen Gleichbehandlungsgebots auch mit der Revision ausgeschlossen. Linke Parteien und Nichtregierungsorganisationen haben gegen die Revision das Referendum ergriffen. Es gehe gar nicht um die Ukraine, wie die Befürworter der Lockerung anfänglich argumentiert hätten, sondern darum, die Schweizer Rüstungsindustrie maximal von der globalen Aufrüstung profitieren zu lassen. Mit der Lockerung der Ausfuhrbestimmungen verliere die Schweiz die Kontrolle über die Waffenexporte. Damit steige das Risiko, dass Schweizer Waffen an Länder wie Saudi-Arabien gelangten. 2025 exportierten Schweizer Rüstungsfirmen Güter im Wert von 948 Millionen Franken. Dabei handelt es sich vor allem um Munition, gepanzerte Radfahrzeuge und Handfeuerwaffen. Diese Ausfuhren entsprechen einem Anteil von 0,21 Prozent des gesamten Warenexportes der Schweiz. Die Exporte haben im vergangenen Jahr um 43 Prozent zugenommen. Zu den fünf wichtigsten Abnehmerländern gehören Deutschland, die USA, Ungarn, Italien und Luxemburg. Fast die Hälfte der exportierten Güter waren Munition und Munitionsbestandteile, ein Viertel gepanzerte Fahrzeuge und deren Bestandteile und 10 Prozent Waffen jeglichen Kalibers. Laut dem Bund sind rund 14 000 Vollzeitstellen mit der Schweizer Rüstungsindustrie verbunden, wenn man die Zulieferer miteinbezieht. Der Rückblick auf die Abstimmungen vom 27. September folgt in der nächsten «Schweizer Revue». 2025 nahmen die Schweizer Rüstungsexporte um 43 Prozent zu. Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 13 Politik
CHRISTOF FORSTER Geschichte kann sehr anschaulich erzählt werden. Das zeigt Ludo Groen in seinem auf Englisch publizierten Buch «Mountains of Gold». Es ist das Resultat von fünf Jahren Forschung an der ETH Zürich. Mit vielen Details beschreibt der Autor die nächtlichen Goldtransporte vom Bunker der Nationalbank (SNB) unter dem Bundesplatz in Bern ins Fort Bühl der Schweizer Armee bei Andermatt im Kanton Uri. Der Zug umfasste bis zu 20 Wagen und wurde von bewaffneten SNB-Mitarbeitern überwacht. Auf Lastwagen wurden die Goldbarren zuerst nach Ostermundigen bei Bern transportiert und dort auf Güterzüge umgeladen, die via Luzern nach Göschenen fuhren. Anschliessend wurde die wertvolle Fracht abermals auf Lastwagen umgeladen, die sie die Schöllenenschlucht hinauf nach Andermatt brachten. Um möglichst präzise beschreiben zu können, recherchierte Groen sogar Wetterdaten bei Meteo Schweiz. Die Transporte erwiesen sich als sehr anspruchsvoll. Beim ersten Transport im April 1938 wurden die Mitarbeiter bei minus 11 Grad von einem heftigen Schneesturm überrascht und konnten die Festung nicht auf dem normalen Weg verlassen. Golddepot in Bern war gefährdet Während des Zweiten Weltkriegs war die Schweiz ein wichtiges Drehkreuz für den Goldhandel. Die SNB kaufte Die geheimen Golddepots der Banken in den Alpen Eine neue ETH-Recherche zeigt, wo Schweizer Banken im Zweiten Weltkrieg ihr Gold versteckten. Und wie dies dazu beigetragen hat, den Ruf der Schweiz als sicheren Finanzplatz zu prägen. Auch James Bond spielte dabei eine Rolle. zwischen 1939 und 1945 Gold im damaligen Wert von 1,2 Milliarden Franken von Nazi-Deutschland. Darunter befand sich Gold von KZ-Opfern. Auch mit den Alliierten handelte die Schweiz Gold. Groen wirft einen neuen Blick auf die Geschichte des Goldes in der Schweiz. «Ich wollte als Architekt die Geschichte des Bankengolds anders untersuchen, als das bisher gemacht wurde», sagt er – nicht nur über Zahlen, sondern über Räume, Gebäude und Landschaften. Groen zeigt erstmals auf, wie in den 1930er- und 1940er-Jahren eine Infrastruktur des Bankenwesens im Alpenraum und damit ausserhalb der urbanen Zentren im Mittelland entstand. So stiess er auf die geheimen Golddepots in den Alpen. Ausgangspunkt war die Sorge des für die Verteidigung Berns zuständigen Kommandanten, dass bei einem Luftangriff die Bundesstadt zerstört werden könnte und damit auch die Goldreserven der Schweiz, die zu grossen Teilen in Bern lagerten. ArPostkarte mit dem alten Fort Bühl im Gotthardmassiv, wohin die Nationalbank ab 1938 Goldreserven brachte. Foto ZVG/Bibliothek am Guisanplatz, Bern Auch Kavernen im Eiger bei der Bahnstation Eismeer auf 3160 Metern Höhe wurden der Nationalbank als Goldversteck angeboten, aber aus Kostengründen verworfen. Foto ZVG/ ETH-Bibliothek Zürich Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 14 Wirtschaft
habt habe: Umweltverschmutzung, gesundheitliche Schäden und Ausbeutung der Minenarbeiter, besonders unter dem Apartheid-Regime. Schweizer Banken hätten eine Rolle gespielt, indem sie Kredite für Minen vergeben hätten. Die Schweiz wurde zu einem zentralen Umschlagplatz für Gold aus Südafrika. Alpen als symbolischer Schutzraum Groens These führt damit über den Zweiten Weltkrieg hinaus. Er argumentiert, dass das Bild der Alpen als sicherer Ort im Kontext der Landesverteidigung entstand. Nach dem Krieg sei es von den Banken übernommen worden, um Sicherheit zu vermarkten: die Alpen als symbolischer Schutzraum, der Vertrauen und Sicherheit ausstrahlt. Illustriert wird dies mit einem Werbeplakat der Credit Suisse aus dem Jahr 1982, das ein Bild der schneebedeckten Schweizer Berge zeigt. Die beiden in den 60er-Jahren in der Schweiz gedrehten Bond-Filme «Goldfinger» und «Im Geheimdienst ihrer Majestät» hätten das Bild der Schweiz als sicherer Ort verstärkt. Groen: «Wie die Schweiz darin einem weltweiten Publikum präsentiert wurde, zeigt, wie wichtig die kulturelle Konstruktion des Alpenlandes war.» mee und Nationalbank prüften deshalb verschiedene Möglichkeiten, die Goldbestände in sichere Alpenstandorte zu verlegen. Als Vorbild diente auch Fort Knox in den USA, das 1936 eröffnet wurde und grosse Mengen des US-Goldes in einer stark befestigten Militäranlage lagerte. Eines der ersten Golddepots wurde mitten im militärischen Réduit – den Verteidigungsanlagen in den Alpen, mit denen die Schweizer Armee potenzielle Angreifer abschrecken wollte – im besagten Fort Bühl direkt über dem Gotthard-Tunnel errichtet. Das war laut dem Autor logistisch sinnvoll, aber auch symbolisch: «Der Gotthard ist ein stark aufgeladener Ort der Schweizer Geschichte.» Gold wurde Teil der Landesverteidigung. Kurz nach Ausbruch des Krieges störte sich General Henri Guisan daran, dass die SNB nur über ein Depot in den Alpen verfügte. Der Generalstab der Armee schlug daraufhin eines der Munitions-Depots in Interlaken im Berner Oberland vor, das kurzfristig für die Lagerung von Gold verfügbar gemacht werden könnte. Schliesslich wurde auch hier während des Krieges Gold gelagert. Und auch zu diesem Depot zeichnet der Autor die Transporte minutiös nach – beispielsweise mit Spesenabrechnungen, die genaue Details wie Kosten für Mittagessen inklusiv Trinkgeld enthielten. Groen hat diese Belege abgeglichen – etwa mit dem Bericht der Bergier-Kommission, die die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchte, oder wirtschaftshistorischen Studien. Dabei zeigte sich: Die Transporte fallen zeitlich mit bekannten Goldlieferungen aus dem Ausland zusammen. So entsteht ein Muster: Gold kam in der Schweiz an und wurde kurz darauf in die Alpen weitertransportiert. Strategische Kehrtwende der Schweiz Im Laufe des Krieges änderte sich der Zweck der Golddepots. 1940 machte die Schweiz eine strategische Kehrtwende, wie Groen ausführt – weg von militärischer Verteidigung, hin zu wirtschaftlicher Kooperation. Fortan ermöglichten die Golddepots durch den Handel mit geraubtem Gold eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland. Die Depots in Interlaken und am Gotthard waren laut Groen nicht länger Evakuierungsorte, die von Bombern getarnt werden mussten. Vielmehr wurden sie zu effizienten logistischen Drehkreuzen. Auch Geschäftsbanken wie die Schweizerische Kreditanstalt und die Schweizerische Bankgesellschaft planten, ihre Banknoten, Wertpapiere und Gold in die Alpen zu verlegen. Leere Grandhotels in Interlaken oder Gstaad sollten als Ausweichstandorte dienen. Laut Groen wurden Pläne zur Sanierung der in die Jahre gekommenen Hotels und zum Einbau von Tresorräumen im Keller vorbereitet, aber nie vollständig umgesetzt. Das Buch endet nicht mit dem Krieg, sondern zeigt die globale Dimension des Goldhandels. Hinter dem Gold stehe eine Lieferkette, sagt Groen. In Südafrika werde deutlich, welche Folgen der Abbau von Gold ge- «Mountains of Gold» Ludo Groen. Gta-Verlag, 2026. Die Alpen als sicherer Ort: Nach dem Krieg vermarkteten Banken dieses Bild, sagt der Architekturhistoriker Ludo Groen. Foto ZVG/ ETH, Michel Büchel Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 15
Am 28. Mai 2025 donnerten zehn Millionen Kubikmeter Fels und Eis ins Walliser Lötschental und begruben das zuvor evakuierte Dorf Blatten unter sich. Die Bilder des Bergsturzes gingen um die Welt. Die Ausstellung «Erinnerungen an Blatten», die im Sommer im Lötschentaler Museum in Kippel weiter vorne im Tal eröffnet wurde, verzichtet bewusst auf diese Bilder. «Wir wollten keine Katastrophenausstellung machen», sagt Co-Leiterin Rita Kalbermatten. Stattdessen geht es um die Erfahrung des Verlustes. 130 Häuser, persönliche Gegenstände, Kulturgüter und die Kirche verschwanden unter dem Schuttkegel oder versanken im See, der sich nach dem Bergsturz bildete. Geblieben sind die Erinnerungen. Sie stehen im Zentrum dieser sorgfältigen, leisen Ausstellung. Zu sehen sind Dinge, die aus Schlamm und Schutt gerettet wurden: ein Hochzeitskleid, eine Kuhglocke, die handgewobene Decke der Grossmutter. Menschen aus Blatten brachten sie von sich aus ins Museum und halfen später beim Einrichten der Ausstellung, so Kalbermatten. Einige erzählen in Videos von der biografischen Bedeutung der Gegenstände. Zu hören ist Orgelmusik aus der zerstörten Kirche, zu sehen sind Gemälde und Fotos aus dem Museumsarchiv. All das zeugt von einem verschwundenen Dorf, steht aber auch für eine Zukunft: Blatten wird bis 2030 wieder aufgebaut. Rita Kalbermatten stammt selbst von dort. Sie sagt: «Das Herz bleibt in Blatten, immer und ewig.» SUSANNE WENGER Die Sonderausstellung «Erinnerungen an Blatten» ist bis Ende März 2027 im Lötschentaler Museum in Kippel zu sehen. Fotos Alain Amherd Erinnerungen an Blatten: Was von dem verschwundenen Dorf bleibt 1962 malte Alfred Nyfeler das Bietschhorn. Unter dem Gipfel hielt er in der linken Bildhälfte die spätere Bergsturzregion fest. Im Mai 2025 verschwand Blatten unter einem riesigen Schuttkegel. Eine Ausstellung im Lötschentaler Museum zeigt jetzt Erinnerungen an das Dorf. Vom verschütteten Gemeindehaus blieb ein alter Schlüssel übrig. Für den Gemeindepräsidenten symbolisiert er den Wiederaufbau des Dorfs. Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 16 Gesehen
Die Maske überstand den Bergsturz beschädigt. Sie war jahrelang beim typischen Lötschentaler Fasnachtsbrauch im Einsatz. Das Hochzeitskleid von 2003 trieb auf dem See. Die Besitzerin liess es reinigen und stellte es dem Museum zur Verfügung. Gerettete Uniformen und ein beschädigtes Instrument der Musikgesellschaft «Fafleralp» aus Blatten. Kurz nach dem Bergsturz spielte sie wieder. Vom 1868 eröffneten Hotel Nest- und Bietschhorn sind erste Gästebücher erhalten. Das älteste Hotel im Tal wurde beim Bergsturz vollständig zerstört. Ein Einwohner von Blatten erhielt diese eigens angefertigte Schelle von seiner Patin und seinem Paten zum 20. Geburtstag. Sie kam im Schutt wieder zum Vorschein. «Keine Katastrophenausstellung»: Rita Kalbermatten und Thomas Antonietti leiten das Museum. Bildband über den Bergsturz Der Walliser Fotograf Alain Amherd, von dem die Fotos auf diesen Seiten stammen, hat kürzlich einen Bildband über den Bergsturz von Blatten veröffentlicht. Er begleitete die Ereignisse eng. In dem Band mit dem Titel «Und dann war alles still» zeigt er in eindrücklichen Bildern, was die Naturkatastrophe angerichtet hat und wie die Menschen damit umgehen. www.revue.link/blatten Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 17
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