Vom Wert des Schönen Die vergletscherten Alpen gehören zur kollektiven Identität der Schweiz. Die Schönheit des Firns, der im Morgenrot aufleuchtet, wird in der Nationalhymne besungen. Doch was, wenn dereinst in den Alpen nur noch graue Geröllhalden anzutreffen sind? Der Autor Marcel Hänggi, der sich seit über 20 Jahren als Fachjournalist mit der Klimakrise beschäftigt, geht dieser Frage im neuen Buch «Das Schöne, das verloren geht» nach. Angetrieben von der «Trauer über die Verheerungen, die menschliches Tun angerichtet hat», thematisiert er, was wir durch Umweltzerstörung verlieren, und warum Schönheit in der politischen und wissenschaftlichen Debatte kaum eine Rolle spielt. Kann Schönheit eine belastbare Grundlage von Entscheidungen sein? «Schwierig», räumt Hänggi ein. Doch relevant sei die Schönheit der Natur deshalb, «weil es ganz offensichtlich nicht gelingt, die Umwelt zu schützen, wenn wir nur ihren instrumentellen Wert sehen.» In seinem facettenreichen Essay lenkt der Autor den Blick über die Frage des blossen Nutzens von Natur hinaus: «Ohne das Schöne gibt es kein würdiges Leben.» (TP) DAS SCHÖNE, DAS VERLOREN GEHT. MARCEL HÄNGGI. ROTPUNKTVERLAG, 2026. «Den Verlust mit eigenen Augen zu sehen, kann zum Problembewusstsein beitragen, sagt der Glaziologe Matthias Huss. Er leitet das Gletschernetzwerk GLAMOS. Foto Keystone Die Klimaerwärmung trifft auch die grossen Gletscher: Der Rhonegletscher zieht sich immer weiter zurück und macht einem See aus Schmelzwasser Platz. Foto Keystone dunklere Flächen das Sonnenlicht und heizen sich auf. «Das führt zu noch schnellerem Abschmelzen.» Tragen die Luftmassen auch noch Saharastaub in die Alpen, verstärkt sich dieser Effekt zusätzlich. Doch auch schneereiche Winter können den Verlust nicht aufhalten. Das zeigte sich exemplarisch im Jahr 2024, als Huss im Juni auf 3000 Metern Höhe noch bis zu fünf Meter Schnee auf den Gletschern antraf. «Ich dachte damals, diese Schicht könne unmöglich abschmelzen bis im Herbst.» Dann folgten zwei heisse Sommermonate, und der Schnee war weg. Fazit: «Letztlich ist der Sommer der entscheidende Faktor für die Gletscherschmelze.» Auch die Grossen leiden Die Extremjahre treffen besonders die kleinen Gletscher, die in Einzelteile zerfallen und ganz verschwinden. Huss selber hat als Forscher das Sterben des Pizolgletschers im Kanton St. Gallen miterlebt, den er in den letzten 20 Jahren rund 50-mal für Messungen besuchte. «Seit 2022 trifft man dort nur noch auf eine Geröllhalde.» Bei den grössten Schweizer Alpengletschern – dem Aletschgletscher im Jungfraugebiet und dem Gornergletscher im Monte-Rosa-Massiv – ist ein mittlerer Verlust von zwei Metern Eisdicke pro Jahr kaum sichtbar. Diese Gletscherströme sind noch mehrere hundert Meter tief. «Steht man aber vor einer Gletscherzunge, sind von Jahr zu Jahr eindrückliche Veränderungen erkennbar», betont Huss. Das zeigt sich zum Beispiel auch am Ende des Rhonegletschers: «Dort hat sich das Eis weit zurückgezogen und einem See aus Schmelzwasser Platz gemacht.» Für das Überleben der hoch gelegenen Gletscher kommt es gemäss dem Glaziologen darauf an, «ob die Welt den Turnaround schafft». Gelinge es, die Klimaerwärmung weltweit auf 1,5 Grad Erwärmung zu stabilisieren, «dann können sich die Gletscher in die Höhe zurückziehen». Dieses Szenario wird aber immer unwahrscheinlicher: «Derzeit steuern wir auf eine Erderwärmung von 2,7 Grad zu – in den Alpen könnte es gemäss den Klimaszenarien gar 4 Grad wärmer werden.» Gehe es weiter wie in den letzten Extremjahren, «kann es durchaus sein, dass das Eis bis zum Ende des Jahrhunderts auch über 4000 Metern über Meer komplett verschwindet». Diese düsteren Aussichten demotivieren Matthias Huss nicht. Die grossen Veränderungen in den Alpen zu dokumentieren, sieht er vielmehr als Chance: «Wir können die Strahlkraft der Gletscher nutzen, um den Klimawandel zu illustrieren.» Viele Menschen hätten einen persönlichen Bezug zu den Gletschern – sei es aufgrund von Kindheitserinnerungen oder Ferienaufenthalten in den Bergen. «Den Verlust mit eigenen Augen zu sehen, kann zum Problembewusstsein beitragen.» Schweizerisches Gletschermessnetz (GLAMOS) www.glamos.ch Mehr Gletscherbilder: www.revue.link/gletscher Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 7
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