Schweizer Revue 1/2026

Smartphones stören im Klassenzimmer. Aber sie sind auch Teil der Lebensrealität der Kinder. Selbst die Fahrkarte für den Bus befindet sich oft auf dem Smartphone. nicht verständlich, warum dies nicht für Programme gelte, die genauso süchtig machten wie Alkohol und Tabak. Kein Instagram und kein TikTok mehr für die Kids? Das weltweit erste Gesetz dieser Art gilt seit Dezember 2025 in Australien, das den Zugang zu Social Media für unter 16-Jährige verboten hat. Der Facebook- und Instagram-Konzern Meta muss in der Folge die Konten von jungen Nutzerinnen und Nutzern deaktivieren. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich für eine Altersgrenze ausgesprochen, mehrere EU-Staaten prüfen einen Social-Media-Ausschluss. Die Forderung könnte auch die Schweizer Polibot an der Schule aus. Auf nationaler Ebene ist die Schweiz vorderhand noch weit von einem Gesetz entfernt. Allerdings muss sich der Bund auf Verlangen des eidgenössischen Parlaments mit der Thematik auseinandersetzen. Dieses hat zwei fast gleichlautende Vorstösse von grünen Ständerätinnen gutgeheissen, die vom Bund einen Bericht verlangen. Dieser soll aufzeigen, wie der Staat Kinder und Jugendliche vor übermässigem und schädlichem Konsum von Social Media schützen kann, und was er von einem Smartphone-Verbot an Schulen hält. Begründet werden die Vorstösse notabene mit dem Hinweis auf die eingangs erwähnten Studien. Kompetenzen fördern Doch was halten Schweizer Lehrkräfte, Schulleitungen und Experten für Jugendfragen von einem Handyverbot an Schulen? In einem Wort: wenig. Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) wies 2024 darauf hin, dass die Studien zum Thema ein uneinheitliches Bild zeigten. Der Erfolg von SmartphoneVerboten in Schulen hänge stark von der Umsetzung und den begleitenden pädagogischen Massnahmen ab. Zwischen Kontrolle und der Förderung digitaler Kompetenzen im Umgang mit Smartphones und anderen digitalen Geräten an Schulen müsse sorgfältig abgewogen werden. Smartphones könnten zwar potenziell zu Ablenkungen, Suchtverhalten und Risiken wie Cybermobbing führen, böten aber auch wichtige Lernmöglichkeiten, argumentiert der LCH. Ein generelles Verbot sei nicht nachhaltig. Die Schweizer Stiftung für Kinder und Jugendliche, Pro Juventute, spricht sich ebenfalls für bedarfsgerechte Lösungen aus; Schulen sollten ihre pädagogischen Gestaltungsmöglichkeiten behalten können. Vor allem aber plädiert Pro Juventute dafür, dass die Betroffenen selbst um ihre Meinung gefragt werden. Blieben Kinder und Jugendliche bei der Entscheidungsfindung aussen vor, sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass Verbote umgangen werden: «Schülerinnen und Schüler nehmen zum Beispiel ein zweites Gerät mit in die Schule oder benutzen das Gerät heimlich.» Auch die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen seien ernst zu nehmen, betont Pro Juventute. Viele brauchten ihr Gerät auf dem Weg zur Schule oder unmittelbar vor oder nach dem Unterricht. Zum Beispiel, weil sich darauf die Fahrkarte für den öffentlichen Verkehr befindet, oder damit sie mit ihren Eltern kommunizieren können. Ein pauschales Verbot ignoriere die Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen und erschwere ihnen die selbstbestimmte Organisation ihres Alltags. Für die Stiftung ist klar: Ein Verbot allein ersetzt keine Medienbildung. Vielmehr sei die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler im Umgang mit digitalen Medien zu fördern. Jugendschutz für Social Media Diese Haltung vertritt auch der Dachverband der Schweizer Schulleitungen. Allerdings erwartet dessen Präsident, Thomas Minder, sehr wohl ein Eingreifen der Politik. Minderjährigen sei der Zugang zu Social Media zu verbieten, sagte Minder in Schweizer Medien. Schliesslich dürften Jugendliche in der Schweiz per Gesetz erst mit 18 Jahren abstimmen und ihr eigenes Geld verwalten. Es sei daher Minderjährigen sei der Zugang zu sozialen Medien zu ver bieten, sagt Thomas Minder vom Dachverband der Schweizer Schulleitungen. Foto ZVG Zur Sotomo-Studie (nur in Deutsch): www.revue.link/handy Elternbewegung «Smartphone free» (nur in Englisch): www.revue.link/phonefree tik beschäftigen. Die beiden Parlamentsvorstösse wollen vom Bundesrat nämlich nicht nur wissen, wie er zu einem Handyverbot an Schulen steht, sondern auch, was er von einem Zugangsverbot für Jugendliche zu Medienplattformen hält. Bis ein Bericht vorliegt, wird wohl noch heftig weiter debattiert: In Australien haben zwei Schüler kurz vor Inkrafttreten des neuen Gesetzes vor Gericht gegen das Social-Media-Verbot geklagt. Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 15

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