Schweizer Revue 1/2026

STÉPHANE HERZOG Wie viele Züge verbinden Genf und das französische Chancy-Pougny? «18 pro Tag», lautet die blitzartige Antwort von Rudi Berli. Er sitzt am Tisch in seinem ansehnlichen, ländlichen Haus in Frankreich, 15 Gehminuten von der Grenze entfernt und ergänzt: «In der Schweiz hätten wir uns dies niemals leisten können.» Berli ist Zürcher und stammt aus Hausen am Albis (ZH). In seiner Kindheit habe die Busfahrt in die Grossstadt Zürich eine Stunde gedauert. Jetzt sei es nur noch halb so lang. Wie etliche andere Genfer Politiker auch ist Berli der Meinung, dass Genf insbesondere beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs mehr Beachtung verdient hätte. Rudi Berli kann nun solche Botschaften direkt in Bern vorbringen. Er ist für seinen zurückgetretenen Parteikollegen Nicolas Walder in den Nationalrat nachgerückt. Plötzlich stand die Türe offen Berli ist Gemüsebauer. Er ist bei der Genossenschaft «Jardins de Cocagne» angestellt und verkauft seine Bioprodukte in Genf. Im vergangenen Sommer begann er ernsthaft mit einer Rolle in der Bundespolitik zu liebäugeln: Nach dem Verzicht einer Parteikollegin lag er plötzlich auf dem ersten Nationalrats-Ersatzplatz der Grünen Partei. Und mit der Wahl von Nationalrat Nicolas Walder in die Genfer Kantonsregierung am 19. Oktober war es so weit: Walder trat als Nationalrat ab – und für Berli stand damit die Tür ins eidgenössische Parlament offen. Welche Anliegen wird Rudi Berli in Bern vertreten? Er will sich für seine Region, in der eine Million Menschen leben, stark machen. Dazu gehören Genf und die angrenzenden Gebiete im Kanton Waadt und in Frankreich. Und dazu gehört die Bedeutung der Grenzgängerinnen und Grenzgänger. Sein Dorf Pougny wirkt dabei wie ein Spiegel dieser Region: Am 14. Juli überqueren viele aus der Schweiz die Rhone, um an den Feierlichkeiten am französischen Nationalfeiertag teilzunehmen. Am 1. August hingegen machen viele aus Frankreich den kleinen Schritt rüber in die Schweiz: «Die Leute tanzen ganz einfach dort, wo es einen Anlass zum Tanzen gibt.» Gemüsebauer Rudi Berli: ein Grenzgänger im Nationalrat Der in Frankreich lebende Schweizer Gemüsebauer Rudi Berli rückt in den Nationalrat nach. Als Auslandschweizer ist er im Parlament eine Ausnahme. Berli verspricht, sich für die Region Grand Genève – das grenzüberschreitende Gebiet von Genf und Frankreich – einzusetzen. Rudi Berli sind zwei politische Anliegen wichtig: Er möchte die Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk der Region aufwerten. Hierzu verwendet er den Begriff der Relokalisierung. Auch der Schutz landwirtschaftlicher Erzeugnisse mittels Steuern ist ihm ein Anliegen. Seine Einschätzung dazu: «Diese Vorhaben lassen sich auch im Rahmen der Europäischen Union umsetzen.» Rudi Berli, wie er bis jetzt seine politischen Ansichten vertrat: Mit Megafon an bäuerlichen Protestveranstaltungen. Foto Keystone Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 26 Porträt

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