Die Fünfte Schweiz im Bundeshaus Im Ausland lebende Politikerinnen und Politiker sind in Bern eine Ausnahme. In der Schweiz gab es bisher drei davon: Nationalrätin Stéphanie Baumann (SP, BE/Frankreich, 2001 – 2003) sowie die Nationalräte Ruedi Baumann (Grüne, BE/Frankreich, 2001 – 2003) und Tim Guldimann (SP, ZH/ Deutschland, 2015 – 2018). Rudi Berli nahm an den Parlamentswahlen 2023 teil. Zwar wurde er nicht gewählt, aber er erhielt fast 12 000 Stimmen. Damit schaffte er es auf den zweiten Ersatzplatz. Er ist der vierte Auslandschweizer, der im Nationalrat Einsitz nimmt. (SH) gehen dürfen. Diese Massnahme, die 2500 Kinder betreffen wird, hat über die Grenze hinweg die Spannungen angeheizt. Auch Rudi Berli ist verärgert, denn eines seiner Kinder ist von der Umstellung betroffen: «Es ist eine diskriminierende und willkürliche Entscheidung.» Aus diesem Grund beteiligt er sich auch an einer Sammelklage von Schweizer Grenzgängerinnen und Grenzgängern gegen den Kanton Genf. Als Nationalrat wird Rudi Berli eine Entschädigung von rund 6000 Franken pro Monat erhalten und über Mittel für eine parlamentarische Assistenzstelle verfügen: «Das ist notwendig, damit ich effizient arbeiten kann.» Sein Wunsch ist es, «die Westschweizer Bevölkerung zu vereinen». Welche Sprache wird Berli verwenden, um seine Kolleginnen und Kollegen von seinen Anliegen zu überzeugen? «Ich vertrete Genf, daher werde ich Französisch sprechen.» Ihm wurde aber auch schon geraten, dieses Prinzip nicht allzu strikte zu verfolgen. Die Schlussfrage: Versteht sich Berli sich selbst als Auslandschweizer? Seine Antwort: «Ich bin ein in Europa lebender Schweizer Staatsbürger.» 1985 zog Berli ausbildungshalber nach Genf, erwarb Diplome in Obstbau, Gemüsebau und Landschaftsgestaltung. Er sagt, die Landwirtschaft stehe heute unter grossem Druck: «Es ist ein Berufsfeld, das vom Lohn her gesehen zwischen schlecht und sehr schlecht angesiedelt ist.» Er kenne Milchproduzenten, die bloss 10 Franken die Stunde verdienen. Der hohe Arbeitsaufwand, die Schulden und die psychische Belastung seien oft so hoch, dass Schweizer Landwirtschaftsbetriebe reihenweise aufgegeben würden, sagt Berli, der sich als Gewerkschafter von Uniterre mit der Situation befasst hatte. Für den neo-Nationalrat ist es ein Paradox: Die Gesellschaft fordert den Schutz der Umwelt, wolle aber den Preis dafür nicht bezahlen. Selbst für die «Jardins de Cocagne» ist es zuweilen keine Selbstverständlichkeit, auf die 420 Gemüse-Abos zu kommen, die es als Minimum braucht. Rudi Berli hat sich irgendwann in die Westschweiz verliebt: «Hier isst man besser als in der Deutschschweiz, und in Genf nehmen sich die Menschen mehr Zeit.» Die Lösung für die missliche Situation der Landwirtschaft sieht er in einer intelligenten Verbindung von Mischkultur und Viehzucht: «Das Ziel sollte sein, lokal hochwertige Lebensmittel anzubieten. Dieses Modell ist angesichts der klimatischen Herausforderungen widerstandsfähiger und damit sinnvoller. Damit würde ein in sich geschlossener landwirtschaftlicher Mikrokosmos geschaffen, der nicht von fossilen und chemischen Hilfsstoffen abhängig ist.» Berli macht den Bäuerinnen und Bauern keine Vorwürfe «Niemand will unbedingt Chemikalien einsetzen. Alle streben schlicht und einfach nach ausreichenden Erträgen.» Genfer Ackerland überbauen? Wie schätzt Berli die bauliche Entwicklung Genfs ein? Sein Parteikollege, der ehemalige Staatsrat Antonio Hodgers, hatte diese stark vorangetrieben. Unter anderem machte sich Hodgers für den Bau von 175 Meter hohen Hochhaustürmen im aufstrebenden Stadtteil Praille-Acacias-Vernets stark. Berli: «In einem Hochhaus leben? Warum nicht? Dort hat man eine schöne Aussicht.» Sollte Genf, das einen Teil seines Wohnraumbedarfs an Frankreich auslagert, seiner Meinung nach stattdessen sein eigenes Ackerland dafür opfern? Für Berli ist das ein absolutes No-Go. Doch wo genau soll in Zukunft gebaut werden? Rudi Berli verweist auf das System der Freihandelszonen, das es Schweizer Landwirtschaftsbetrieben ermöglicht, im benachbarten Frankreich unter Schweizer Bedingungen zu produzieren. Seiner Meinung nach sollte dasselbe mit dem Wohnungsbau geschehen. Er schlägt vor, dass Pensionskassen in Grenzregionen bauen. Für ihn ist auch vorstellbar, dass die Schweiz in Infrastrukturen in Frankreich investiert, insbesondere in medizinische Einrichtungen. Dadurch würde das regionale Ungleichgewicht verringert. Genf hingegen sollte seiner Ansicht nach das Villenviertel verdichten und dafür sorgen, dass auch die reichsten Genfer Gemeinden über Sozialwohnungen verfügen. Vom Thema Wohnen ist es nicht weit zum Thema Schule: Die Genfer Regierung beschloss, dass Kinder von Grenzgängerinnen und Grenzgängern aus Frankreich ab diesem Jahr nicht mehr in der Schweiz zur Schule Am 1. Dezember 2025 legte Rudi Berli, der derzeit einzige AuslandschweizerNationalrat, in Bern sein Gelübde ab. Foto Keystone Schweizer Revue / Februar 2026 / Nr.1 27
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