Schweizer Revue 2/2026

41 Menschen verloren ihr Leben, mehr als 110 wurden meist schwer verletzt. Wie kommt es ausgerechnet in der Schweiz zu einer solchen Katastrophe? anderswo in der Schweiz passieren können. Auch im Ausland hat das Bild der zuverlässigen Schweiz gelitten. Besonders in Italien hat sich die Tonalität zunehmend verschärft. Sechs Jugendliche aus dem südlichen Nachbarland sind beim Brand ums Leben gekommen, über 10 teilweise schwer verletzt worden. Die Kritik richtet sich inzwischen stark gegen die Walliser Staatsanwaltschaft, der Fehler und ein amateurhaftes Vorgehen vorgeworfen werden. So sei das Betreiberehepaar nicht unmittelbar in Untersuchungshaft genommen, die Handys nicht beschlagnahmt oder ein bereits am 1. Januar 2026 ausgestellter Durchsuchungsbefehl erst spät umgesetzt worden. Versöhnliche Stimmen Manches daran mag scheinheilig wirken. Das Vertrauen der Italienerinnen und Italiener in die eigene Justiz gehört zu den niedrigsten in Europa. Zudem wird der Regierung von Giorgia Meloni vorgeworfen, sie instrumentalisiere das Schicksal der Opfer für innenpolitische Zwecke – im Hinblick auf ein Referendum über eine Justizreform im März 2026, die den Einfluss der Exekutive auf Ermittlungsbehörden und Gerichte ausdehnen würde. Meloni habe den Konflikt mit der Schweiz eskalieren lassen, um der eigenen Bevölkerung die Botschaft zu vermitteln: Wenn die Justiz unabhängig ist, hat das Folgen, wie wir sie gerade in der Schweiz erleben. Doch es gibt auch versöhnlichere Stimmen. Die italienische Zeitung «La Repubblica» schreibt: «Es ist nicht nur eine Tragödie, es ist eine kulturelle Niederlage. Eine Illusion, die an der brutalen Realität zerbricht: Selbst das zivilisierteste Land kann scheitern, wenn es in seiner Wachsamkeit nachlässt.» Hoffnung und Zuversicht. Die meisten Opfer sind junge Menschen, die nicht nur ein neues Jahr, sondern noch ihr Leben vor sich hatten. Unter den 41 Opfern sind 20 Minderjährige, einige waren erst 14 oder 15 Jahre alt. Für ihre Familien hat sich das Leben auf einen Schlag für immer verändert. Sechs Jahre keine Kontrollen Die Katastrophe hat die Schweiz erschüttert. Nach und nach kommen Erkenntnisse an den Tag, die nahelegen, dass das Unglück vermeidbar gewesen wäre. Es beginnt damit, dass Jacques Moretti, der die Bar zusammen mit seiner Frau betreibt, bei einem Umbau 2015 eine brennbare Schaumstoffdecke als akustische Isolation eingebaut hat. Bei der Abnahme des Lokals durch die Gemeinde fiel dies offenbar nicht weiter auf. Ab 2019 kontrollierte die Gemeinde die Bar gar nicht mehr. Und der Kanton, der eine Aufsichtspflicht hat, prüfte offenbar nicht, ob die Gemeinden den Brandschutz einhalten. Unter dem Eindruck der Katastrophe haben die Kantone eine für 2026 geplante Revision der Brandschutzvorschriften sistiert. Diese hätte weniger Kontrollen und mehr Eigenverantwortung der Betreiber vorgesehen. Wohin das führen kann, hat die Tragödie von Crans-Montana gezeigt. Das Bild der Schweiz hat gelitten Wie konnten derart viele Pannen geschehen in einem Land, das grossen Wert auf Perfektion und die Einhaltung von Regeln legt? In der weitverbreiteten Schweizer Wahrnehmung passieren solche Katastrophen «im Ausland». Verheerende Brände in Diskotheken gab es in Nordmazedonien oder Brasilien. Dort werden Regeln nonchalant ignoriert oder es gibt sie erst gar nicht. Aber doch nicht in der Schweiz. Diese Art von Selbstüberhöhung macht den Umgang mit der Katastrophe, deren Brutalität und Tragik alleine schon schwer zu verdauen sind, noch viel schwieriger. Vielleicht ist dies auch eine Erklärung dafür, weshalb einige schnell schon mit dem Finger auf das Wallis zeigten. Man wirft dem Kanton vor, Kontrollen zu vernachlässigen und Behörden nicht zu beaufsichtigen. Weil im Wallis praktisch jeder jeden kenne und man deshalb gerne ein Auge zudrücke. Und dann darüber schweige. Übersehen wird dabei, dass es eine ähnliche Nähe fast überall gibt in der kleinräumigen Schweiz, in der vieles auf Milizpolitik, Gemeindeautonomie und Subsidiarität beruht. Eine solche Katastrophe, bei der praktisch alles falsch lief, was falsch laufen konnte, hätte vermutlich auch Am 9. Januar 2026 gab es in der Schweiz einen nationalen Trauertag. Auch Feuerwehrleute aus Crans-Montana hielten um 14 Uhr eine Schweigeminute für die Opfer ab. Foto Laurent Gillieron, Keystone Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 21

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