APRIL 2026 Die Zeitschrift für Auslandschweizer:innen Stolze Tradition: Eine Trachtenschneiderin zaubert die Heimat auf den Leib Wie viel Wachstum erträgt die Schweiz? Das Volk entscheidet über eine Bevölkerungsobergrenze Neuer Sound bei den Reformierten: Metal-Fans sind jetzt eine Kirchgemeinde
Bilaterale kündigen, Auslandschweizer:innen entrechten? Jetzt Mitglied der SP International werden! am 14. Juni Die Schweiz in der Tasche SwissInTouch.ch Die App für die Auslandschweizergemeinschaft swissintouch.ch Ausschliesslich hier erhältlich © Alisha Lubben Konsularische Dienstleistungen überall, komfortabel auf Ihren mobilen Geräten www.eda.admin.ch Santiago de Chile (2023) Days Save the date! 21. August 2026 - Seehotel Waldstätterhof 22. August 2026 - Auslandschweizerplatz Treffen Sie uns auf dem Auslandschweizerplatz in Brunnen zu einem inspirierenden Austausch über Themen, die uns alle verbinden. Unsere Partner
Die Schweiz wächst – und zwar schneller, als vielen lieb ist. Alle sechs Minuten und vierundfünfzig Sekunden kommt ein weiterer Mensch dazu. Das klingt nach einer Randnotiz aus dem Bundesamt für Statistik, deutet aber auf eine der grossen Debatten unserer Zeit. Über neun Millionen Menschen leben heute in der Schweiz. In einigen Jahrzehnten könnten es über zehn sein. Für viele ein Zeichen des wirtschaftlichen Erfolgs. Für andere ein Grund zur Sorge. Die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», über die am 14. Juni 2026 abgestimmt wird, will eine Obergrenze der Bevölkerung setzen und die Zuwanderung rigoros eindämmen. Ohne Zuwanderung würde vieles im Alltag nicht funktionieren. In Spitälern, auf Baustellen, in Restaurants oder Forschungszentren arbeiten Menschen aus der ganzen Welt. Sie tragen zum wirtschaftlichen Erfolg bei und helfen, die Folgen der alternden Gesellschaft abzufedern. Gleichzeitig zeigt sich in den Städten und Agglomerationen, dass Wachstum seinen Preis hat: Wohnungen werden knapp, Pendlerzüge voller, der Druck auf die Landschaft und Infrastruktur steigt. Wer will, findet Dichte an den ungewöhnlichsten Orten. In der Schweiz sind fast 100000 Privatboote registriert (Seite 16). Einen Liegeplatz in Genf zu finden, ist genauso schwierig wie eine Wohnung in Zürich. Die Wartelisten sind lang, die Plätze knapp. Man könnte zugespitzt fragen: Wenn eine Obergrenze für Menschen diskutiert wird, bräuchte es auch eine für Boote? Weniger zum Scherzen ist die Initiative für über 530000 Schweizer:innen im europäischen Ausland. Die heute geltende Personenfreizügigkeit macht es leicht, in einem EU-Staat zu wohnen, zu arbeiten oder ein Unternehmen zu gründen. Würde sie wegfallen, könnte sich der Alltag und Aufenthaltsstatus vieler Auslandschweizer:innen ändern. Eine fixierte Obergrenze hätte in letzter Konsequenz das Ende der Personenfreizügigkeit zur Folge. Deshalb ist der 14. Juni 2026 auch ein Stimmungstest für das Verhältnis der Schweiz zu Europa. Die Debatte zeugt von einem Land, dessen Erfolgsmodell auf dem Prüfstand steht. Die Schweiz erzählt aber noch andere Geschichten. Zum Beispiel von einer Trachtenschneiderin, die ein Stück Heimat auf die Haut zaubert (Seite 12), und von Kuriositäten wie der Tatsache, dass Metal-Fans als offizielle Kirchgemeinde anerkannt sind (Seite 26). Vielleicht ist die Mischung aus Tradition und Veränderung das Erfolgsrezept der Schweiz. Und vielleicht lohnt es sich, in Zeiten grosser Zahlen genau hinzuschauen – auf die Geschichten, die sich dahinter verbergen. WALTER SCHMID, CHEFREDAKTOR 4 Schwerpunkt Wie viel Zuwanderung erträgt die Schweiz? 12 Gesellschaft Trachtenschneiderin Monika Bögli bewahrt mit Nadel und Faden die Tradition 15 Schweizer Zahlen Ein ordnungsliebendes Land mit vielen Hühnern 16 Reportage Was treibt die Schweizerinnen und Schweizer aufs Wasser? Nachrichten aus Ihrer Region 20 Nachrichten Das Unglück von Crans-Montana beschäftigt die Schweiz noch lange 22 Politik Das Stimmvolk stellt sich hinter den öffentlichen Rundfunk Der Zivildienst steht vor höheren Hürden 26 Gesellschaft Heavy Metal dröhnt durch die Kirche 28 Porträt Louis Jucker verwandelt Sorgen in Musik 28 Aus dem Bundeshaus Hilfsgesellschaften im Ausland lindern die Not 32 SwissCommunity Zwischen Erfolg und Enge Titelbild: Die Innerrhoder Festtagstracht zeichnet sich aus durch ihren Detailreichtum und ihre äusserst kunstvolle Verarbeitung. Foto Silvan Bucher, Agentur syn, Stans Herausgeberin der «Schweizer Revue», des Informationsmagazins für die Fünfte Schweiz, ist die Auslandschweizer-Organisation. Foto Stéphane Herzog Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 3 Editorial Inhalt
THEODORA PETER UND SUSANNE WENGER Mehr als 9 Millionen Menschen leben derzeit in der Schweiz. Das sind dreimal so viele wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In den Nachkriegsjahren sorgte eine hohe Geburtenrate für ein rasches Bevölkerungswachstum, seit der Jahrtausendwende ist es eine starke Zuwanderung. Seit 2002 können Arbeitnehmende aus dem europäischen Wirtschaftsraum in der Schweiz eine Stelle antreten und ihre Familie nachziehen. Die Einführung der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union (EU) ermöglichte es im Gegenzug den Schweizerinnen und Schweizern, sich im EU-Raum niederzulassen und dort zu arbeiten. Inzwischen leben mehr als 530000 Auslandschweizerinnen und -schweizer in einem europäischen Land. Die Öffnung des Arbeitsmarktes führte zu einer starken Zuwanderung in die Schweiz. Seit Anfang der Nullerjahre wuchs die Bevölkerungszahl insgesamt um zwei Millionen auf aktuell über 9 Millionen Menschen. InsWie viel Zuwanderung erträgt die Schweiz? Noch nie lebten so viele Menschen in der Schweiz. Die florierende Wirtschaft sorgt für eine starke Zuwanderung. Das sichert den Wohlstand, birgt aber auch Probleme. Ist die kleine Schweiz bald zu voll? gesamt leben heute 2,4 Millionen Menschen ohne roten Pass in der Schweiz, das entspricht rund 26 Prozent der Gesamtbevölkerung. Zwei Drittel der Ausländerinnen und Ausländer stammen aus einem europäischen Land – allen voran aus Italien, Deutschland, Portugal und Frankeich. 10 Millionen bis 2040 erwartet Gemäss Prognosen des Bundesamtes für Statistik (BFS) dürfte die Wohnbevölkerung in der Schweiz bis 2040 auf 10 Millionen und bis 2055 auf 10,5 Millionen Menschen anwachsen. Dieses Referenzszenario geht davon aus, dass die Zuwanderung wie bisher weitergeht. Die Wirtschaft ruft nach frischen Arbeitskräften: In der Schweiz werden in den nächsten Jahren mehr Leute pensioniert, als neu auf den Arbeitsmarkt nachrücken. Die Zuwanderung bremst die demografische Alterung der Gesellschaft, kann diese aber nicht aufhalten. Die über 65-Jährigen machen heute rund 20 Prozent der gesamten Bevölkerung aus, im Jahr 2055 wird ihr Anteil auf 25 Prozent angestiegen sein. Eingewanderte Arbeitskräfte halten die Wirtschaft am Laufen, zahlen Steuern und tragen zur Finanzierung der Altersvorsorge bei. Trotzdem sorgt das rasche Bevölkerungswachstum für Unbehagen – gar von «Dichtestress» ist die Rede. Spürbar sind die Wachstumsfolgen vor allem in den Ballungszentren, wo der Wohnraum zunehmend knapp wird (mehr zum Thema auf Seiten 9 –10). Im dichtbesiedelten Mittelland zwischen Genfer- und Bodensee leben bereits heute rund zwei Drittel der gesamten Bevölkerung. Dort stehen die Pendlerinnen und Pendler zu Stosszeiten im Stau oder drängen sich in volle Züge, Busse und Trams. Die Politik bleibt nicht untätig: Der Bundesrat plant bis 2045 Investitionen von insgesamt über 40 Milliarden Franken in das Verkehrsnetz. SVP-Initiative fordert Obergrenze Der Schweizerischen Volkspartei (SVP) geht das «unkontrollierte» Bevölkerungswachstum zu weit. Am 14. Juni 2026 kommt ihre Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» zur Abstimmung. Konkret will die SVP in die Verfassung schreiben, dass die ständige Wohnbevölkerung die Zahl von 10 Millionen Menschen nicht vor dem Spürbar sind die Wachstumsfolgen vor allem in den Ballungszentren. Immer mehr Menschen pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort. Im Bild der Bahnhof Luzern. Foto Keystone Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 4 Schwerpunkt
Jahr 2050 überschreiten darf. Sobald ein Grenzwert von 9,5 Millionen erreicht ist, müssten die Behörden Massnahmen ergreifen, um die Migration stark zu drosseln. Gemäss den BFS-Prognosen könnte dieses Szenario bereits in den nächsten 5 bis 10 Jahren eintreffen. Die SVP zielt mit der Initiative letztlich auf eine Kündigung des Abkommens zur Personenfreizügigkeit mit der EU – sofern nach einer Überschreitung des Grenzwertes «keine Ausnahme- oder Schutzklauseln ausgehandelt oder angerufen werden konnten». Vor sechs Jahren stellten sich die Schweizerinnen und Schweizer an der Urne klar gegen einen Ausstieg aus der Personenfreizügigkeit: Mit rund 57 Prozent Neinstimmen lehnten sie 2020 die SVP-Initiative «Für eine massvolle Zuwanderung» ab. 2014 hingegen hatte die migrationskritische Partei an der Urne noch einen Erfolg verzeichnet: Damals nahm das Volk die Initiative «Gegen Masseneinwanderung» Mit der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» zielt die SVP auf eine Kündigung der Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU. Die Abstimmung vom 14. Juni 2026 ist ein folgenreicher Stimmungstest für den bilateralen Weg. mit 50,3 Prozent knapp an. Umgesetzt wurde die Forderung nach Höchstzahlen aber letztlich nicht, weil Regierung und Parlament keinen Bruch mit der EU riskieren wollten. Stattdessen sollte das inländische Potenzial an Arbeitskräften besser genutzt werden. Weichenstellung für Europapolitik Auch mit der jüngsten SVP-Initiative gegen eine «10-Millionen-Schweiz» sehen die Behörden den bilateralen Weg in Gefahr: Mit der Kündigung des Abkommens zur Personenfreizügigkeit wären auch die übrigen Verträge hinfällig. Negative Konsequenzen drohen auch den im EU-Raum lebenden Schweizern und Schweizerinnen, sofern ihr Aufenthaltsrecht an die Personenfreizügigkeit geknüpft ist. Der Bundesrat, die Mehrheit des Parlamentes sowie Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften stellen sich gegen die «radikale» Initiative, die aus Sicht der Gegner Arbeitsplätze und den Wohlstand in der Schweiz aufs Spiel setzt. Die Regierung räumt ein, dass die Zuwanderung und das Bevölkerungswachstum für die Schweiz mit «Herausforderungen» verbunden sind – etwa auf dem Wohnungsmarkt. So sollen mehr öffentliche Gelder in den Bau preisgünstiger Wohnungen fliessen. Die Abstimmung vom 14. Juni 2026 erfolgt europapolitisch in einem heiklen Moment. Im März setzten der Bundesrat und die EU-Kommission die Unterschrift unter ein neues Vertragspaket, auf das sich beide Seiten nach langen Verhandlungen geeinigt hatten («Revue» 2/2025). Es erneuert und erweitert die bisherigen bilateralen Abkommen. Enthalten ist auch eine sogenannte «Schutzklausel». Demnach dürfte die Schweiz die Zuwanderung bei «schwerwiegenden wirtschaftlichen oder sozialen Problemen» einschränken. Wann und wie dieser Mechanismus greifen soll, ist im Detail noch offen und dürfte noch viel zu reden geben. Nach dem Parlament, das die Verträge noch ratifizieren muss, wird voraussichtlich im Jahr 2028 das Stimmvolk das letzte Wort haben. Derzeit leben mehr als 9 Millionen Menschen in der Schweiz. Zwei Drittel wohnen im dichtbesiedelten Mittelland. Rechts im Bild ein Blick vom Uetliberg auf Zürich. Foto Keystone Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 5
Zugewanderte spielen im Schweizer Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle: Sie bauen Strassen und Häuser, versorgen Patientinnen und Patienten in Spitälern, programmieren Informatik oder entwickeln neue Produkte. Ende 2025 arbeiteten rund 1,9 Millionen ausländische Fachkräfte in der Schweiz – sie machen mittlerweile 35 Prozent aller Erwerbstätigen im Lande aus; vor 20 Jahren lag der Ausländeranteil im Arbeitsmarkt noch bei 25 Prozent. Im Gegenzug schrumpft die inländische Erwerbsbevölkerung: Die Generation der Babyboomer (geboren 1946–1964) ist oder geht in Rente, und wegen tiefer Geburtenraten fehlt es an Nachwuchs. 80 Prozent der ausländischen Arbeitskräfte stammen aus Ländern des europäischen Wirtschaftsraums. Rund eine Million Beschäftigte kam seit der Einführung der Personenfreizügigkeit in die Schweiz. Die 2002 in Kraft getretenen bilateralen Verträge mit der Europäischen Union (EU) ermöglichen Schweizer Unternehmen den hürdenfreien Zugang zum europäischen Binnenmarkt – und die unMehr als die Hälfte der Zugewanderten kommt wegen einer Stelle in die Schweiz. Sie tragen zum Wirtschaftswachstum bei und halten die Gesundheitsversorgung am Laufen. Gemäss einer Nationalbank-Studie fehlen der Schweiz bis in zehn Jahren 400 000 Fachkräfte. in der Maschinenindustrie wie auch im Gastgewerbe bleiben jährlich Tausende Lehrstellen unbesetzt. Ausbildungsoffensive reicht nicht Die Nachfrage nach Fachkräften hält auch im wachsenden Gesundheitssektor an. Dort entstanden zwischen 2010 und 2020 188000 neue Stellen, wie aus einem Bericht des Observatoriums zum Freizügigkeitsabkommen hervorgeht. Rund ein Drittel dieser Stellen wurden durch Arbeitnehmende aus EU/EFTA-Ländern besetzt. Im Tessin und in der Genferseeregion liegt der Anteil auswärtiger Fachkräfte deutlich höher. Dort pendeln täglich zahlreiche Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus Italien und Frankreich in Schweizer Gesundheitseinrichtungen. Von den derzeit praktizierenden Ärztinnen und Ärzte stammen mehr als 40 Prozent aus dem Ausland – die Hälfte von ihnen aus Deutschland. Um diese Abhängigkeit zu reduzieren, erhöhten Bund und Kantone in den letzten Jahren die Zahl der Studienplätze für Humanmedizin an den Schweizer Universitäten. Diese Ausbildungsoffensive deckt aber den Bedarf nur teilweise, wie Zahlen von 2024 zeigen: Während rund 1400 angehende Ärztinnen und Ärzte das eidgenössische Diplom erhielten, wurden im gleichen komplizierte Rekrutierung von Fachleuten aus EU/EFTA-Ländern. Die meisten Ausländerinnen und Ausländer arbeiten in Wirtschaftssektoren mit hohem Personalbedarf – so zum Beispiel in der Gastronomie oder dem Baugewerbe. In Berufen wie Maurer oder Bodenleger verfügen gar 60 Prozent der Beschäftigten über keinen Schweizer Pass. In der boomenden Baubranche ist der Bedarf an Fachleuten derzeit besonders gross: Die Auftragsbücher sind voll, und die Umsätze steigen. Es werden mehr Wohnungen gebaut, und die öffentliche Hand investiert in den Ausbau der Infrastruktur. Der Baumeisterverband geht davon aus, dass der Bedarf an Arbeitskräften weiter zunimmt. Dies auch, weil es in Handwerksberufen an Auszubildenden fehlt. Im Bau, Zugewanderte spielen im Schweizer Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle. Die meisten arbeiten in Wirtschaftssektoren mit hohem Personalbedarf. Zum Beispiel – wie links oder in der Mitte im Bild – in Restaurants und Hotels. Fotos Keystone Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 6
Bild rechts: Herausfordernde Schicht- arbeit. Auch der wachsende Gesundheitssektor ist auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Fotos Keystone Die Journalistin Anne-Careen Stoltze (48) wanderte 2006 aus Deutschland in die Schweiz ein. 13 Jahre später kehrte sie mit ihrer Familie in die alte Heimat zurück. «Ich bin der Liebe wegen in die Schweiz gezogen. Als ich 2004 meinen künftigen Mann kennenlernte, lebte ich in Bremen, wo ich als Stagiaire bei einer Zeitung arbeitete. Matthias, der aus Hamburg stammt, arbeitete zu dieser Zeit bereits in Bern. Damals warben Schweizer Spitäler in Deutschland gezielt Medizinstudierende für Praktika und Assistenzstellen an. Nach zweijährigem Pendeln im Nachtzug zwischen Bern und Bremen verlegten wir unseren Lebensmittelpunkt in die Schweiz. Während Matthias die Ausbildung zum Facharzt vorantrieb, konnte ich im Journalismus Fuss fassen. Dann erreichte die Medienkrise die Schweiz, und ich verlor meinen Job – ausgerechnet dann, als ich schwanger war. Zwar erhielt ich eine Abfindung, doch wurde mir erstmals bewusst, wie wenig Mütter geschützt und Eltern unterstützt werden. In der Schweiz ist es nach wie vor schwierig, Familie und Beruf zu verEinsichten einer Zu- und Abgewanderten einbaren. Unsere beiden Kinder besuchten Kindertagesstätten, was mit hohen Kosten verbunden ist. Viele Mütter – und zunehmend auch Väter – reduzieren ihr Pensum, um sich um die Familienarbeit zu kümmern. Angesichts des Fachkräftemangels müsste die Schweiz bessere Rahmenbedingungen schaffen, um das Potenzial der Frauen im Arbeitsmarkt besser auszuschöpfen. Nachvollziehen kann ich die Debatte um Zuwanderung und Dichtestress. Als Lokaljournalistin verfolgte ich, wie in der Agglomeration gebaut wurde. Nach dem Abschied vom Journalismus bildete ich mich in der Wissenschaftskommunikation weiter und arbeitete mehrere Jahre für die Berner Fachhochschule. Die Schweiz ist für unsere Familie zum zweiten Zuhause geworden. Unsere Kinder, die in Bern zur Welt kamen, sehen sich als Schweizer:innen. Trotzdem fühlte ich mich nie ganz zugehörig. Das liegt einerseits daran, dass ich wegen der Sprache stets als Deutsche wahrgenommen wurde. Andererseits vermisste ich die Möglichkeit, als Bürgerin mitbestimmen und mitgestalten zu können. Wir steckten mitten im Einbürgerungsprozedere, als die Eltern und Schwiegereltern in Deutschland erkrankten. Das verschob unsere Prioritäten: Wollten wir noch Zeit mit unseren Eltern verbringen, war der Zeitpunkt für eine Rückkehr gekommen. Auch wollte ich mich in meiner alten Heimat politisch und zivilgesellschaftlich engagieren. 2019 zogen wir nach Brandenburg, wo wir das Haus meiner Grosseltern renoviert hatten. Mein Mann behielt seine Facharztpraxis in Bern, wo er drei Tage die Woche arbeitet – nun als Wochenaufenthalter. Ich selber arbeite seit 2025 in meinem Landkreis als Beauftragte für internationale Beziehungen und bringe Menschen über die deutsch-polnische Grenze zusammen.» Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 7
Bild oben links: In der boomenden Baubranche ist der Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland derzeit besonders gross. Foto Keystone Bild oben: Aus Protest gegen die herrschende Wohnungsknappheit bezieht ein Student eine symbolische Wohnung mitten in Lausanne. Foto Keystone Jahr mehr als 3200 ausländische Diplome anerkannt. Auch in der Pflege können bei weitem nicht alle offenen Stellen durch inländisches Personal besetzt werden. Seit der Corona-Pandemie, welche Spitäler und Mitarbeitende an ihre Grenzen brachte, hat sich der Fachkräftemangel verschärft. Waren vor der Pandemie rund 11000 Stellen offen, stieg die Zahl Anfang 2025 auf über 14000 Stellen. Gemäss den Berufsverbänden steigt ein Drittel der Pflegenden demotiviert aus dem Beruf aus. Schätzungen gehen davon aus, dass der Schweiz bis 2030 rund 30500 Pflegefachkräfte fehlen – in Spitälern, in Altersheimen wie auch der Betreuung Pflegebedürftiger in deren Zuhause (Spitex). Die vom Stimmvolk 2021 angenommene Pflegeinitiative verlangt nebst einer Ausbildungsoffensive auch bessere Lohnbedingungen, zum Beispiel bei den Zuschlägen für Nacht- und Wochenendarbeit. Die Umsetzung durch das Parlament harzt jedoch – weil die Reform zu Mehrkosten führt. Zuwanderung rückläufig In anderen Wirtschaftssektoren – etwa in der Informatik, der Finanzbranche oder im kaufmännischen Bereich – hat sich der Mangel an Fachkräften seit 2024 entspannt, wie aus dem jüngsten Index des Personaldienstleisters Adecco hervorgeht. Gründe für diese «Normalisierung» sind laut Adecco die weltweite Abkühlung der Konjunktur und wirtschaftliche Unsicherheiten. Die jeweilige Wirtschaftslage spiegelt sich auch in den Zuwanderungszahlen: Noch im Rekordjahr 2023 kamen fast 100000 Menschen mehr in die Schweiz, als diese verliessen. Seither geht die Nettozuwanderung zurück: 2024 sank die Zahl um 15 Prozent auf 83000 und 2025 um 10 Prozent auf 75000 Personen. Das bedeutet: Der Arbeitsmarkt zieht nach wie vor viele Zuwanderer an, doch nicht alle bleiben für immer in der Schweiz. Jobverlust, hohe Lebenshaltungskosten, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Schwierigkeiten bei der Integration sind mögliche Auslöser für eine Rückkehr in die alte Heimat. Weiter können familiäre Gründe ausschlaggebend sein, wie das Beispiel der Journalistin Anne-Careen Stoltze zeigt, die 2006 aus Deutschland zugewandert war und die Schweiz 13 Jahre später wieder verlassen hat (siehe Seite 7). Für die Wirtschaft ist klar, dass die Schweiz auch in Zukunft auf zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Ansonsten schrumpft die Zahl der sogenannten «Erwerbsfähigen», weil in den nächsten Jahren mehr Menschen in Rente gehen als neu auf den Arbeitsmarkt kommen. Diese demografische Lücke dürfte gemäss einer Studie der Nationalbank in den nächsten zehn Jahren auf 400 000 Beschäftigte anwachsen. Wirtschaft pocht auf Wachstum Ohne die Zuwanderung «dringend benötigter» Arbeitskräfte drohe der Wegzug von Firmen und eine schlechtere Versorgung der Bevölkerung, schreiben der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und der Arbeitgeberverband in einem Positionspapier zur SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», die am 14. Juni 2026 zur Abstimmung gelangt. Befürchtet wird auch ein Rückgang des Wirtschaftswachstums, das sich am Bruttoinlandsprodukt (BIP) orientiert. Seit 2002 ist das BIP pro Kopf in der Schweiz um 23 Prozent gestiegen – und damit auch der Wohlstand. Wieviel die Zuwanderung zum Wirtschaftswachstum beigetragen hat, lässt sich nicht exakt beziffern. Unbestritten ist, dass die Personenfreizügigkeit die Wertschöpfung steigert. Für Diskussionen sorgt hingegen, wie sich die vom Arbeitsmarkt getriebene Zuwanderung auf Umwelt und Gesellschaft auswirkt. Welches Wachstum die Schweiz braucht, um die Lebensqualität zu erhalten, ist politisch umstritten. Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 8
In Zürich, der grössten Stadt des Landes, spitzt sich die helvetische Wohnungskrise zwischen Boom und Engpass besonders zu. Wird dort eine günstige Mietwohnung ausgeschrieben, drängen sich Hunderte bei Besichtigungen. Bilder von langen Warteschlangen kursieren in den sozialen Medien, Wohnungssuchende resignieren angesichts der Konkurrenz. Diese Szenen sind zum Sinnbild eines Problems geworden, das die Schweiz zunehmend beschäftigt. Zürich, mit seinen vielen Arbeitsplätzen in Banken, Versicherungen, Tech- und Dienstleistungsbranchen, verzeichnet eine rekordtiefe Leerstandsquote: Nur eine von tausend Wohnungen ist verfügbar, meist im hochpreisigen Segment. Landesweit liegt die Quote bei einer von hundert Wohnungen – ein klares Zeichen für einen angespannten Markt. Das knappe Angebot erschwert nicht nur die Suche, sondern treibt auch die Preise in die Höhe. Regionale Unterschiede, soziale Folgen Die Wohnungsknappheit trifft vor allem städtische Zentren wie Zürich, Genf und Basel. Mit ihren zentralen Wohnlagen sind sie auch bei Zuwandernden aus der EU besonders beliebt. Doch kleinere Städte und touristische Bergdörfer spüren den Druck ebenfalls, wie ein Bericht der Landesregierung zeigt. In manchen Alpenregionen finden Einheimische und auswärtige Fachkräfte kaum noch Wohnraum – auch wegen Zweitwohnungen und Airbnb-Kurzzeitvermietungen. Die Mieten steigen seit über 20 Jahren. Besonders Neumieten klettern – seit 2022 je nach Region jährlich um zwei bis sechs Prozent. Wer neu auf den Wohnungsmarkt kommt oder umzieht, zahlt deutlich mehr als langjährige Mietende. Ein Land, in dem fast 60 Prozent der Haushalte zur Miete Die Kehrseite von Wachstum und Zuwanderung zeigt sich deutlich auf dem Schweizer Wohnungsmarkt: Wohnraum wird knapp, die Mieten steigen. Über Lösungen wird gestritten. wohnen, reagiert sensibel auf solche Entwicklungen – zumal Folgen spürbar sind: Eine ETH-Studie von 2025 zeigt, dass in den fünf grössten Agglomerationen einkommensschwächere Haushalte verdrängt werden. Doch auch der Mittelstand leidet, wenn die Wohnkosten einen immer grösseren Teil des Budgets verschlingen. Zuwanderung, Regulierung, Spekulation? Kein Wunder, dass die Wohnungsfrage vor der Abstimmung über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» der SVP heiss debattiert wird. Die politischen Lager liefern unterschiedliche Erklärungen und Lösungen. Für die SVP liegt das Problem in der «masslosen» Zuwanderung. Trotz mehr Wohnungsbau in den letzten 25 Jahren reiche das Angebot nicht aus. Zudem werde die Schweiz zubetoniert. «Es wird nicht zu wenig gebaut, sondern zu viel eingewandert», so das Fazit der Partei. Die Freisinnigen (FDP) sehen hingegen die Regulierung als Hemmschuh. Auflagen und Einsprachen verzögern Bauprojekte, kritisieren sie, und fordern schnellere Verfahren sowie gelockerte Lärmschutzvorschriften. Für die Sozialdemokratische Partei (SP) verursacht renditegetriebene Immobilienspekulation die steigenden Bild rechts: Auf dem Koch-Areal in Zürich entstehen rund 360 Genossenschaftswohnungen für 900 Menschen. Der Bund will den gemeinnützigen Wohnungsbau fördern. Foto Keystone «Es wird nicht zu wenig gebaut, sondern zu viel eingewandert.» Fazit der SVP Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 9
Mieten. Sie sammelt Unterschriften für eine Initiative, die die Mietpreise kontrollieren will, und fordert mehr gemeinnützigen Wohnungsbau. Eine Volksinitiative, die einen fixen Anteil an gemeinnützigen Wohnungen vorschreiben wollte, scheiterte jedoch 2020 an der Urne. Vielschichtige Ursachen Studien und Marktanalysen zeigen, dass die Zuwanderung den Wohnungsmarkt belastet, aber nicht allein verantwortlich ist. Zwischen 2014 und 2023 trug der Zuzug laut Bundeszahlen massgeblich zur steigenden Haushaltszahl bei und heizte die Nachfrage an. Doch auch die wachsende Wohnfläche pro Kopf spielt eine Rolle: Sie stieg innerhalb von zehn Jahren von durchschnittlich 45 auf 46,6 Quadratmeter. Die Einführung der Personenfreizügigkeit durch das Abkommen mit der EU 2002 trieb Mieten und Preise für Wohneigentum bis 2016 in die Höhe, wie eine Studie der Universität Freiburg von 2023 ergab. Der Effekt liess nach, da der Markt reagierte und neue Wohnungen entstanden – wenn auch nicht genug. Expertinnen und Experten betonen, dass der Wohnungsmarkt ein komplexes Gefüge aus Nachfrage, Angebot, Baurecht und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist. Ab 2018 sank die Bautätigkeit unter anderem wegen hoher Baukosten und knappem Bauland. Verdichtung: Schrecken und Chance Knappes Bauland ist nicht nur der Schweizer Topografie geschuldet, sondern politisch gewollt. 2013 stimmte die Bevölkerung einem Raumplanungsgesetz zu, das die Überbauung von Grünflächen begrenzt und die Siedlungsentwicklung nach innen lenkt. Eine Studie des Forschungsinstituts Sotomo von 2025 zeigt, dass Wohnraum für zwei Millionen Menschen entstehen könnte, ohne neues Bauland zu erschliessen. Doch Verdichtungsprojekte stossen lokal oft auf Widerstand. Bürgerinnen und Bürger fürchten Verdrängung oder eine sinkende Lebensqualität. Innovative Konzepte versuchen, diese Ängste zu entkräften. Sie zeigen, wie man dichter und höher bauen und gleichzeitig Grünflächen schaffen kann. In urbanen Regionen sollen «10-Minuten-Nachbarschaften» entstehen, in denen Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants auf kurzen Wegen erreichbar sind. Dieses Konzept, entwickelt von der ETH und finanziert vom Nationalfonds, soll Kantonen und Gemeinden helfen, das Raumplanungsgesetz umzusetzen. Keine schnelle Entspannung In den letzten Jahren entstanden in der Schweiz jährlich 40000 bis 45000 neue Wohnungen. Schätzungen zufolge müssten es 30 bis 50 Prozent mehr sein, um Angebot und Nachfrage auszugleichen. Obwohl die Zahl der Baugesuche zuletzt leicht stieg, sieht die Landesregierung keine schnelle Entspannung. Gemeinsam mit Kantonen, Gemeinden sowie der Immobilien- und Bauwirtschaft hat sie einen Aktionsplan mit 30 Massnahmen erstellt. Diese reichen von effizienteren Bewilligungsverfahren bis zur besseren Nutzung von Bauland. Doch das sind vorerst nur Empfehlungen. Konkreter ist ein Vorschlag des Bundesrats ans Parlament: Ein Fonds, der gemeinnützigen Wohnbauträgern Darlehen erteilt, soll zwischen 2030 und 2034 um 150 Millionen Franken aufgestockt werden. Damit will der Bund den Bau günstiger Wohnungen fördern. Das Parlament entscheidet dieses Jahr darüber. Mehr bezahlbare Wohnungen und ein Aktionsplan gegen Wohnungsmangel: So will die Regierung der SVP-Initiative zur 10-Millionen-Schweiz den Wind aus den Segeln nehmen. Ob dies die Stimmbevölkerung überzeugt, zeigt sich am 14. Juni. Verdichtung ist ein möglicher Ansatz der Raumplanung. Moderne Siedlungen – wie hier in Schlieren ZH – setzen auf kurze Wege und Grünraum. Foto Keystone 10 Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2
Tourismus auf Rekordhoch Die Schweizer Hotellerie verzeichnete 2025 insgesamt 43,9 Millionen Logiernächte und übertraf den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2024. Besonders stark wuchs die Zahl der ausländischen Gäste. Die meisten kamen aus Deutschland, den USA, dem Vereinigten Königreich und Frankreich. Die Kantone mit den höchsten Übernachtungszahlen waren Zürich, Bern, Graubünden und das Wallis. (WS) Steigender Aussenhandel Trotz der amerikanischen Zölle konnte der Schweizer Aussenhandel 2025 wachsen. Die Exporte stiegen um 1,4 Prozent auf den Rekordwert von 287 Milliarden Franken. Auch die Importe legten um 4,5 Prozent zu und erreichten mit 232,7 Milliarden Franken den zweithöchsten Stand der Geschichte. Haupttreiber waren Pharmazeutika und chemische Produkte, die mehr als die Hälfte aller Exporte ausmachten. (WS) Erhöhung der Mehrwertsteuer? Um die Sicherheit der Schweiz zu stärken, plant der Bundesrat einen Rüstungsfonds. Das Verteidigungsdepartement braucht neue Systeme zur Luftverteidigung, Drohnen-Abwehr und zur elektronischen Kriegsführung. Finanziert werden soll der Fonds über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte. Gültig ab 2028 und befristet auf zehn Jahre. Zur Erhöhung der Mehrwertsteuer braucht es eine Verfassungsänderung, über welche die Bevölkerung voraussichtlich 2027 abstimmen wird. (WS) Rekorde bei Olympia Bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand/Cortina erreichte die Schweizer Delegation einen Medaillenrekord. Mit insgesamt 23 Medaillen – 6 Gold, 9 Silber und 8 Bronze – erzielten die Schweizer Athletinnen und Athleten das bisher beste Ergebnis einer Winter-Olympiade. Noch vor Österreich und knapp hinter Schweden klassierten sie sich auf Platz 8 im finalen Medaillenspiegel. (WS) Brienz wieder bewohnbar Die Bewohner des Bergdorfs Brienz/Brinzauls im Albulatal (GR) können nach gut 62 Wochen wieder dauerhaft in ihr Dorf zurückkehren. Die seit November 2024 geltende Evakuierung und das Betretungsverbot wurden aufgehoben. Die Entscheidung basiert auf anhaltenden Messungen, die keine akute Gefahr mehr erkennen lassen. Über die Gefahren vor Ort berichtete die «Schweizer Revue» in der Ausgabe 5/23 (www.revue.link/brienz). (WS) Stanislas Wawrinka Im vergangenen Dezember gab der Tennisspieler Stanislas Wawrinka bekannt, dass er seine Karriere Ende 2026 beenden wird. «Es ist Zeit, das letzte Kapitel meiner sportlichen Laufbahn aufzuschlagen», erklärte der Waadtländer kurz und bündig. Im Januar spielte «Stan The Man», der bald seinen 41. Geburtstag feiert, bei seinen letzten Australian Open in Melbourne. Im Match gegen die Nummer 9 der Welt, den Amerikaner Taylor Fritz, zeigte er erneut, was er draufhat. Schliesslich schied er in der dritten Runde des Turniers aus, bei dem es ihm 2014 gelungen war, Novak Djokovic und im Finale Rafael Nadal zu besiegen. Welch eine beeindruckende Laufbahn seit den ersten Bällen, die er mit seinem älteren Bruder in Saint-Barthélemy (VD) einst geschlagen hatte! Ihr Vater Wolfram betrieb dort den Bauernhof eines Zentrums für Menschen mit Beeinträchtigungen. Nach eigenen Angaben schöpfte Stanislas, der 1985 geboren wurde, seine innere Stärke aus genau diesem Umfeld. Vier Jahre zuvor und etwa 180 Kilometer weit entfernt wurde ein anderer Junge geboren: Roger Federer. «Für viele Menschen bin ich der Schweizer, der verliert», liess Wawrinka einmal in einem Anflug von Frustration gegenüber einem französischen Magazin verlauten. Zwar wurde «Stanimal» von Roger auf heimischem Boden in den Schatten gestellt, doch erfreut er sich im Ausland weiterhin grosser Beliebtheit. Ist er doch derjenige, dem es gelungen ist, Federer, Nadal und auch Djokovic zu schlagen! Zudem ist er der Sieger von Roland Garros, ein Anlass, zu dem der Schweizer in rot-weiss karierten Shorts antrat. «Ich gehe darin schwimmen, ich spiele damit Tennis und danach schlafe ich in ihnen», witzelte er. Über die Unterschiede zwischen Wawrinka und Federer wurde schon alles gesagt. Regelmässig wird der Waadtländer für sein Auftreten gegenüber seinen Gegnern gelobt. So hielt sich Stan 2015 bei den French Open mit dem Jubel zurück, als es ihm gelang, den angeschlagenen Rafael Nadal zu besiegen. Was hat Wawrinka vor, nachdem er seinen Schläger an den Nagel gehängt hat? Schuhe verkaufen? «Ich habe immer noch Träume in Zusammenhang mit meinem Sport», meinte er in seiner typisch zurückhaltenden Art. STÉPHANE HERZOG Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 11 Herausgepickt Nachrichten
DENISE LACHAT Mit lebhafter Geste öffnet Monika Bögli die Tür zu ihrem Trachtenatelier im bernischen Neuenegg und bringt ihren leuchtend blauen Rock ins Schwingen. Sie selbst würde nie von einem Rock sprechen. In der Fachsprache nennt man ihn «Kittel», über dem sie eine blau-grün gestreifte Schürze trägt. Unter dem Mieder blitzt eine weisse Bluse hervor, an der eine filigrane Brosche angesteckt ist. Um den Hals liegt ein schwarzes Seidentuch in feinster Netzstruktur. Die zierliche Frau ist für den Ausgang bereit, denkt man beeindruckt. Doch weit gefehlt: Monika Bögli trägt eine gestreifte Berner Werktagstracht. Sie schmunzelt: «So waren die Frauen früher zum Arbeiten auf dem Lande gekleidet.» Die Bauernfamilien verwendeten Stoffe aus eigener Produktion: Wolle oder Leinen – robust genug, um vielen Waschvorgängen standzuhalten. Ein Handwerk mit Stolz Monika Böglis Tracht besteht zu grossen Teilen aus handgewobenem Halbleinen und ist das Ergebnis von Dutzenden von Stunden Handarbeit: 50 bis 70 Stunden rechnet sie für die Anfertigung einer Tracht. Vor allem das Mieder mit seinen drei Lagen aus Watte, Futter, Stoff und der zusätzlichen Garnitur ist aufwendig in der Herstellung. Der Aufwand und die edlen, zum Teil handgefertigten Materialien, zu denen auch Seide gehört, haben ihren Preis: Rund 2200 Franken kostet eine neue Werktagstracht, eine Festtagstracht 3000 Franken; dazu kommt noch der Silberschmuck für mindestens 3500 Franken. Dafür fühlt sich die Trägerin einer Tracht wie verwandelt. Allein schon die Stäbchen im Mieder verleihen der Trägerin eine andere Körperhaltung. Monika Bögli fühlt sich stolz und geehrt in der Tracht. «Sie sitzt einfach. Man ist damit angezogen.» Die Erfindung einer Tradition Stolz und Ehre sind eng verbunden mit dem Gefühl, eine Tradition weiterzupflegen, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Dabei wäre die Tracht einst fast aus dem Schweizer Alltag verschwunden. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach der Gründung des Bundesstaates 1848 entwickelten sich Industrie, Transportmittel, Technik und Handel, und die Handarbeit wurde von Maschinen abgelöst. Schweizerinnen und Schweizer, vorab in den Städten, orientierten sich an internationalen Modetrends. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erwachte ein neues Interesse an Volkskultur und Brauchtum. Alte Trachten wurden gesammelt, dokumentiert und wiederhergestellt. Drei historische Daten spielen dabei eine Rolle: 1905 wurde der Schweizer Heimatschutz gegründet, der sich für den Schutz des kulturellen Erbes Wenn Stoff Schweizer Geschichte trägt Mit Nadel, Faden und Dutzenden Stunden Handarbeit bewahrt Monika Bögli im bernischen Neuenegg eine Schweizer Tradition: Die Trachtenschneiderin zaubert mit ihren Händen «Heimatscheine» auf den Körper ihrer Kundinnen. einsetzt – nicht nur von historischen Bauten, sondern auch von überlieferten Kleidungsformen. In dieser Zeit begann man in mehreren Kantonen, alte Trachten nach historischen Vorlagen neu zu nähen. 1926 erhielt die Tracht ihre eigene Interessensvertretung mit der Gründung der Schweizerischen Trachtenvereinigung (STV) in Luzern – sie feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum. Ziel der STV war es, die Tracht als zeitloses, schlichtes und verbindendes Element wieder in den Alltag der Bevölkerung zu integrieren. An der Landesausstellung von 1939 in Zürich schliesslich wurden im «Landidörfli» Trachten aus allen Landesteilen gezeigt – als Zeichen einer starken, eigenständigen Schweiz in unsicheren Zeiten und als Symbol für Heimatverbundenheit, Zusammenhalt und nationale Identität. Heute ist die Tracht kein Alltagskleid mehr, sondern wird zu besonderen Anlässen getragen. Monika Bögli nennt Trachtenfeste, Unterhaltungsabende, Hochzeiten und Taufen – und offizielle Auftritte: So trug die damalige Bundesrätin Doris Leuthard beim Eidgenössischen Trachtenfest in Schwyz 2010 als Ehrengast die traditionelle Freiämter Festtagstracht aus ihrem Heimatkanton Aargau. Die ehemalige Bundespräsidentin Doris Leuthard anlässlich des Eidgenössischen Trachtenfests 2010 in ihrer Aargauer Heimattracht. Foto Keystone Hier wird von Hand genäht: Nadelkissen und Stoffmuster in Monika Böglis Trachtenatelier. Der Fingerhut ist ein Muss. Foto Denise Lachat Monika Bögli trägt eine Berner Werktagstracht. Die rote und die blaue Schürze am Bügel sind aus Damastseide gefertigt, Teil einer Berner Festtagstracht. Foto Denise Lachat Schweizweit gibt es 700 verschiedene Trachten, die sich in Farben, Schnitten und Verzierungen unterscheiden. Die Bilder zeigen im Uhrzeigersinn: Appenzell Innerhoden, Toggenburg, Uri und St. Gallen. Fotos Silvan Bucher, Agentur syn, Stans Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 12 Gesellschaft
Zeichen der Zugehörigkeit Unsicher sind die Zeiten auch heute wieder. Nachdem Trachten-, Tanz- und Jodlervereine in der Zeit von Corona Mitglieder verloren haben, beobachten Trachtenschneiderinnen aus verschiedenen Kantonen wieder ein wachsendes Interesse an Trachten bei den Jungen. Trachten würden zur Firmung oder zur Konfirmation geschenkt, auch die Kinder von Hotelier-Familien trügen sie. Insgesamt stamme die Kundschaft vorab aus dem ländlichen Raum. Auch Monika Bögli hat junge Kundinnen. Häufig haben diese Grossmutters Tracht geschenkt erhalten und lassen sie auf ihre Grösse anpassen. Oder es sind Frauen, die sich das kostbare Kleidungsstück zu einem runden Geburtstag leisten. Monika Bögli selbst trug schon als Mädchen eine Tracht, machte Volkstänze und war später wie ihre Mutter und Grossmutter Mitglied einer Trachtengruppe. Das Tragen einer Tracht drückt für sie darum Zugehörigkeit aus – zu ihrer Familie und auch zu ihrer Region. «Die Tracht gehört zu meiner Kultur, sie drückt ein regionales Heimatgefühl aus», sagt die Bernerin. Tatsächlich kennt nicht nur jeder Schweizer Kanton seine eigenen, spezifischen Trachten. Es gibt Dutzende von regionalen Modellen, die sich in Farben, Schnitten und Verzierungen unterscheiden – schweizweit werden nicht weniger als 700 verschiedene Trachten gezählt. Ausdruck der vielfältigen Kultur Manche Trachten seien ähnlich, sagt Sissi Sturzenegger, Präsidentin der Trachtenkommission der STV. Kenner könnten sie aber unterscheiden. So werde beispielsweise in den Bodensee-Kantonen eine Radhaube getragen, sogar über die Landesgrenze hinaus. Die grosse Vielfalt der Schweizer Trachten will die STV zum Jubiläum einem breiten Publikum näherbringen, unter anderem am Schweizerischen Trachtenchorfest vom 5. und 6. Juni in Sursee (LU), aber auch in Form eines reich bebilderten Buchs, das Trachten aus allen Kantonen zeigt. Kein Wunder, ist im Zusammenhang mit der Tracht die Rede vom «Heimatschein, den man auf dem Leib trägt». Der Heimatschein ist übrigens auch im Ausland begehrt: Monika Bögli hat während ihrer Ausbildung an der Herstellung von Trachten für zwei Auslandschweizerinnen in Kanada mitgewirkt. Die Bernerin näht ausschliesslich Trachten aus dem Berner Mittelland, dem Emmental und dem Oberaargau; Trachten aus anderen Regionen oder Kantonen anfertigen, käme ihr nicht in den Sinn. So halten es alle Trachtenschneiderinnen. Ohnehin ist wenig künstlerische Freiheit erlaubt: Jede Tracht hat ihren Beschrieb; Schnitt und Zubehör sind vorgegeben. Nur Farben und teilweise Muster seien wählbar, sagt Bögli und zeigt auf einen ganzen Stapel von Ordnern mit Stoffmustern und den Trachtenbeschrieben: «Ab den 1930er-Jahren wurde das zuvor herrschende Durcheinander geordnet.» Nebenbei eine Berufung Monika Bögli hat ihre dreijährige Ausbildung als Bekleidungsgestalterin mit zwei Jahren Spezialausbildung ergänzt. Die Nachfrage nach der Ausbildung bestehe weiterhin, berichtet sie, doch die Ausbildungsplätze bei Lehrmeisterinnen würden rar werden. Im Kanton Bern bietet man inzwischen die Ausbildung in Form von Modulen an mit spezifischen Kursen, beispielsweise für die Herstellung von Miedern und Hemden. Für Monika Bögli steht allerdings fest: «Die Wurzel für die Weitervermittlung liegt in der Familie.» Ihre eigenen Kinder hat sie zumindest bereits mit der Freude am Tragen dieser Schmuckstücke angesteckt: Ihre drei Töchter im Alter von 26, 28 und 30 Jahren trugen schon als Dreijährige «Trächtli» zu Festen oder beim Vorführen von Kälbern, und sie tun es heute noch beim Spalierstehen oder als Ehrendamen. Doch nun verschwindet Monika Bögli kurz ins Nebenzimmer zum Umziehen, denn sie muss noch andere Dinge erledigen. In ihrem Trachtenatelier arbeitet sie in der Regel einen Tag pro Woche, die übrige Zeit gehört der Arbeit auf dem Hof in Neuenegg mit Milchwirtschaft, Grossviehmast, Futterbau und Hofladen. In Jeans und Bluse, quasi der «Alltagstracht» des 21. Jahrhunderts, kommt sie zurück. Ihre historische Berner Tracht bleibt sorgfältig verstaut – bis zum nächsten festlichen Auftritt. «Die Tracht gehört zu meiner Kultur, sie drückt ein regionales Heimatgefühl aus.» Monika Bögli Mehr Bilder wie auf Seite 13 finden sich im Schweizer Trachtenbuch. Es erscheint am 15. Juni 2026 zum 100-Jahr-Jubiläum der Schweizerischen Trachtenvereinigung. Weitere Informationen zum Buch: www.trachtenbuch.ch Dutzende von Stunden Handarbeit: Trachtenschneiderin Monika Bögli arbeitet an einem dreilagigen Mieder. Foto Denise Lachat Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 14 Gesellschaft
Mehr Pässe, mehr Hühner, mehr Ordnung 21 21 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer haben mindestens eine zweite Staatsbürgerschaft. Im Jahr 2010 waren es noch 14 Prozent. In der Romandie und im Tessin ist die Mehrstaatigkeit fast doppelt so verbreitet wie in der Deutschschweiz. Die meisten Doppelbürger besitzen zusätzlich die italienische, französische oder deutsche Staatsbürgerschaft. Die Schweiz ist ein Land mit wachsender Mehrfachidentität. Quelle: Bundesamt für Statistik, Erhebung zum Jahr 2024 76 Trotz der gesellschaftlichen Polarisierung sehen 76 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz die direkte Demokratie als wichtigsten Kitt des Landes. Zugewanderte und Expats bewerten den Zusammenhalt sogar noch positiver als Einheimische. Quelle: Sotomo, Barometer: Zusammenhalt in der Schweiz, 2025 98 Wer sich integrieren will, muss allerdings seine Schuhe ausziehen. Die Schweiz ist ein Socken- Land. 98 Prozent tragen daheim keine Schuhe. Kein Wunder, dass jeder zweite Haushalt monatlich über Ordnung streitet. Quelle: Sotomo, IKEA Wohnmonitor, 2025 1 040 400 Die Schweiz besteht aus 1040400 Hektar Landwirtschaftsfläche. Ein Viertel des Landes sind Wiesen und Äcker. Sie prägen das Landschaftsbild und sind die Grundlage für die Nahrungsmittelproduktion. So gibt es in der Schweiz mit 13,4 Millionen mehr Hühner als Menschen. Quelle: Bundesamt für Statistik, 2025 75 000 Das ordnungsliebende Land wuchs im letzten Jahr um 75 000 ausländische Mitbürger:innen. Gleichzeitig wanderten 83000 Menschen aus und die Asylgesuche sanken auf 25 781. Debattiert wird hitzig um dieses Thema (siehe Schwerpunkt auf S. 4–10). Vielleicht, weil in einem Land mit vielen Pässen, viel Vieh und viel Mitbestimmung die Identität weniger berechnet als empfunden wird. Quelle: Staatssekretariat für Migration, 2025 ZAHLENRECHERCHE: WALTER SCHMID IMPRESSUM Die «Schweizer Revue», die Zeitschrift für die Auslandschweizer:innen, erscheint im 51. Jahrgang sechsmal jährlich in deutscher, französischer, englischer und spanischer Sprache in 13 regionalen Ausgaben und einer Gesamtauflage von rund 479 000 Exemplaren (davon 311 000 elektronische Exemplare). Alle bei einer Schweizer Vertretung angemeldeten Auslandschweizer:innen erhalten die Zeitschrift gratis. Nichtauslandschweizer:innen können sie für eine jährliche Gebühr abonnieren (CH: CHF 30.–/Ausland: CHF 50.–). ONLINE-AUSGABE www.revue.ch REDAKTION Walter Schmid, Chefredaktor (WS) Stéphane Herzog (SH) Theodora Peter (TP) Susanne Wenger (SWE) Amandine Madziel, Vertretung EDA (AM) AMTLICHE MITTEILUNGEN DES EDA Die redaktionelle Verantwortung für die Rubrik «Aus dem Bundeshaus» trägt die Konsularische Direktion, Abteilung Innovation und Partnerschaften, Effingerstrasse 27, 3003 Bern, Schweiz. kdip@eda.admin.ch | www.eda.admin.ch ANZEIGENLEITUNG Airpage AG, Uster/Zürich furrer@airpage.ch | www.airpage.ch Die Auftraggeber:innen von Inseraten und Werbebeilagen tragen die volle Verantwortung für deren Inhalte. Diese entsprechen nicht zwingend der Meinung der Redaktion oder der Herausgeberin. REDAKTIONSASSISTENZ Nema Bliggenstorfer (NB) ÜBERSETZUNG SwissGlobal Language Services AG, Baden GESTALTUNG Roman Häfliger, Zürich DRUCK & PRODUKTION Vogt-Schild Druck AG, Derendingen HERAUSGEBERIN Herausgeberin der «Schweizer Revue» ist die Auslandschweizer-Organisation (ASO). Sitz der Herausgeberin, Redaktion und der Inseraten-Administration: Auslandschweizer-Organisation, Alpenstrasse 26, 3006 Bern, Schweiz. revue@swisscommunity.org Tel. +41 31 356 61 10 Bankverbindung: CH97 0079 0016 1294 4609 8 / KBBECH22 REDAKTIONSSCHLUSS DIESER AUSGABE 11. März 2026 ADRESSÄNDERUNGEN Änderungen in der Zustellung teilen Sie bitte direkt Ihrer Botschaft oder Ihrem Konsulat mit. Die Redaktion hat keinen Zugriff auf Ihre Daten. Impressum Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 15 Schweizer Zahlen
STÉPHANE HERZOG Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz bei der Anzahl Boote pro Kopf weit vorn. Obwohl das Land keinen Zugang zum Meer hat, lockt es mit 150 schiffbaren Gewässern und guten Bedingungen für den Wassersport, insbesondere zum Segeln. «Das Relief erzeugt thermische Winde, die für diesen Sport besonders günstig sind», erklärt Olivier von Arx, Präsident des Genfer Bootsbesitzerverbands (APB). «Die ersten Regatten auf dem Genfersee fanden bereits im 19. Jahrhundert statt. Damals traten noch Transportschiffe gegeneinander an», berichtet Bernard Schopfer, selbst Segler und Autor mehrerer Bücher, insbesondere zum Thema Regatten. Als Fachmann betreute er die Kommunikation des Teams Alinghi im Vorfeld des ersten Sieges der Schweiz beim America’s Cup 2003 in Auckland. Damals hatten sich mehrere Seglerinnen und Segler des neuseeländischen Teams, das in diesem Jahr Titelverteidiger war, dem Schweizer Team angeschlossen. Neuseeland als Seefahrernation versuchte, die Teilnahme der Schweiz am Wettbewerb zu verhindern mit der Begründung, dass das Land keinen Zugang zum Meer habe und dass das Schweizer Projekt Alinghi unter Leitung des Milliardärs Ernesto Bertarelli nur aufgrund finanzieller Mittel überhaupt existiere. Das liessen sich die Kommunikationsbeauftragten von Alinghi nicht so einfach gefallen. «Die Regeln des America’s Cups schreiben Das Segeln lässt die Schweizer Herzen höherschlagen In der Schweiz finden Wassersportfans Dutzende von Gewässern zum Segeln. Ein Boot kommt auf 353 Einwohnende. Damit liegt das Land in dieser Rangliste weltweit auf Platz 5. Doch die Schweiz hat auch ihre eigenen Heldinnen und Helden des Meeres. vor, dass ein Meeresarm vorhanden sein muss. Der Rhein erfüllt diese Bedingung», erklärt Bernard Schopfer. Alinghi hob auch die im internationalen Vergleich hohe Anzahl an Booten pro Person in der Schweiz hervor. «Zudem verwiesen wir auf die Erfolge von Schweizer Seglerinnen und Seglern wie Pierre Fehlmann», erinnert sich Schopfer. Als Sieger des «Whitbread Round the World Race» von 1986 ist Fehlmann eine Galionsfigur des Schweizer Segelsports. «Er gilt als erster grosser Schweizer Seefahrer. Er war es, der das Segeln bekannt machte und durch den Segler wie Dominique Wavre (der zehn Weltumsegelungen vollendet hat, Anm. d. Red.) zu diesem Sport fanden», kommentiert Da- Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: die hohe Bootsdichte in der Schweiz. Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 16 Reportage
niel Rossier, ehemaliger Commodore des «Cruising Club de Suisse» (CCS). Der CCS zählt 6000 Mitglieder, die auf dem Meer segeln. Heute kann die Schweiz auf mindestens zwei weitere hochkarätige Segelprofis stolz sein: Alan Roura, den jüngsten Teilnehmer der «Vendée Globe 2017», und Justine Mettraux, die 2025 in diesem Solo-Weltumsegelungsrennen auf 18 Meter langen Booten, den sogenannten Imocas, den achten Platz belegte. Beide stammen aus Versoix, einem kleinen Ort am Ufer des Genfersees. «Die Leistungen der Schweizer Seglerinnen und Segler und der Sieg von Alinghi im Jahr 2003 weckten grosse Träume», erinnert sich der Waadtländer Segler Mathieu Verrier, der den Atlantik auf einem 6,50 Meter langen Boot überquert hat. Sein Segelboot hatte er für die Mini-Transat 2009, das Sprungbrett zu den grösseren Hochseeregatten, selber entworfen und gebaut. Ein weiterer Schweizer war mit von der Partie: Fabrice Germond aus Genf, der mit ihm im gemeinsam gegründeten Schiffbaubüro «VMG Yacht Design» in Lausanne arbeitet. Über die Vorliebe für das Segeln in der Schweiz sagt Mathieu Verrier: «In unserem Land können sich viele ein «Die ersten Regatten auf dem Genfersee fanden bereits im 19. Jahrhundert statt. Damals traten noch Transportschiffe gegeneinander an.» Bernard Schopfer, Segler und Autor 2003 schrieb das Schweizer Team Alinghi Geschichte, als es den Titelverteidiger Neuseeland beim America’s Cup besiegte. Dies war das erste Mal, dass eine europäische Mannschaft den Pokal gewann. Foto Keystone «In unserem Land können sich viele ein Boot leisten und es gibt jede Menge Seen. Man hat problemlos Zugang zum Wasser.» Mathieu Verrier, Seefahrer und Schiffsbauingenieur Boot leisten und es gibt jede Menge Seen. Man hat problemlos Zugang zum Wasser.» In der Schweiz gibt es zwanzig Gewässer, auf denen man einen Segelschein machen kann. Ganz vorne liegt die Waadtländer Bevölkerung mit mehr als 15 000 registrierten Booten, gefolgt von Zürich (10000) und Genf (6000). Mathieu Verrier besitzt einen kleinen Katamaran, den er auch alleine segeln kann. Er sagt, dass sich sein Leben nach dem Wetterbericht richtet und er «seinen Terminkalender vom Wind abhängig macht». Seen bilden für einen Teil der Schweizerinnen und Schweizer den unmittelbaren Horizont. Das Land hat Zugang zu zwei der grössten Binnengewässer Westeuropas – dem Genfer- und dem Bodensee. Die hiesigen Wassersportfans lassen sich in zwei grosse Gruppen einteilen: Entweder segeln sie oder sie fahren Motorboot. Die zweite Gruppe wächst stetig. «Ein Motorboot ist wie ein Auto mit zwei Leinen: Es hat ein Lenkrad und ein Gaspedal», bringt Mathieu Verrier es auf den Punkt. Das Segeln, das immer weniger Zulauf findet, erfordert eine lange Ausbildung. Ausserdem nimmt es viel Zeit in Anspruch, gibt der Autor Bernard Schopfer zu, der dreissig Jahre lang seine Dienstagabende den Regatten auf dem Genfersee gewidmet hat. Er erinnert sich an die sonntäglichen Rückfahrten von Lutry nach Genf mit dem Motorboot. «Mit einem Motorboot fährt man schnell mal von Lausanne nach Thonon in Frankreich zum Essen. Mit einem Segelboot weiss man nie, wann man ankommt», erklärt Mathieu Verrier. Wie schwierig ist der Umstieg aufs Meer? «Der Unterschied ist lediglich, dass es in einem der beiden Gewässer kein Salz gibt», scherzt Verrier und verweist darauf, dass es auch auf einem Gewässer wie dem Genfersee Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 17
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