Schweizer Revue 2/2026

SUSANNE WENGER Der Pfarrer der Metalchurch, Samuel Hug, empfängt die «Schweizer Revue» in seinem kleinen Büro im bernischen Kirchberg, unweit der reformierten Kirche, die seit über 500 Jahren das Ortsbild prägt. Die jüngste Kirchgemeinde hingegen besitzt keinen eigenen Kirchenraum. «Wir wollen beweglich bleiben», sagt Hug. Er trägt einen schwarzen Hoodie mit Band-Logo. An der Wand hängen Flyer im Metal-Stil, im Regal stehen – neben Büchern über Metal – Hunderte CDs. Die Szene schätzt physische Tonträger. Beim Predigtschreiben hört Hug Metal-Songs und sucht Anknüpfungspunkte zum Evangelium. «Ich werde immer fündig», sagt er. Hug ist verheiratet, Vater von vier Söhnen und ordinierter Pfarrer. Früher betreute er zwei ländliche Gemeinden im Kanton Bern, jenem Kanton mit den meisten reformierten Bewohnerinnen und Bewohnern. Landesweit bilden die Reformierten die zweitgrösste Religionsgemeinschaft nach den Katholiken. Als Teenager in der Ostschweiz entdeckte Hug Heavy Metal – trotz Warnungen, diese Musik sei «des Teufels». Die wuchtigen, rebellischen Klänge liessen ihn nicht mehr los. Judas Priest, Metal-Urväter aus der britischen Industriestadt Birmingham, gehören bis heute zu seinen Lieblingsbands. 2012 gründete er mit Gleichgesinnten die Metalchurch, zunächst als Freiwilligenprojekt nebenbei. «Wir wollten eine Brücke zwischen der Kirche und der Metal-Szene bauen», erklärt er. Doch die Annäherung brauchte Zeit. Hug und seine Mitstreiterinnen und Mistreiter mussten beide Seiten gewinnen: die Metal-Fans davon überzeugen, dass keine Vereinnahmung drohe, und in kirchlichen Kreisen dem Einwand begegnen, die Volkskirche – als die sich die Schweizer Reformierten verstehen – sollte nicht in Milieus zerfallen. Historischer Schritt Nach Jahren des «gegenseitigen Lernens», wie Hug es nennt, setzten die reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn ihn 2022 als hauptamtlichen «Innovationspfarrer» ein. Im November 2025 erkannte die Synode – das weltliche Kirchenparlament – die Metalchurch mit nur einer Gegenstimme offiziell an und sicherte ihr neben dem Pfarrerslohn jährlich 180000 Franken zu. Die Begründung: Sie erreiche Menschen, die sonst kaum Zugang zur Kirche fänden. Die Metalchurch bewege sich «innerhalb der Breite einer Volkskirche», sagt Kirchensprecher Markus Dütschler. Seit ihrer Gründung habe sie sich gefestigt und sei gewachsen. Das Kirchenparlament habe anerkannt, dass sie vielen Menschen «eine geistliche Heimat» biete. Bemerkenswert ist das kirchengeschichtliche Novum. Die drei öffentlich-rechtlichen Landeskirchen der Schweiz – römisch-katholisch, evangelisch-reformiert und christkatholisch – sind traditionell territorial organisiert. Die Metalchurch hingegen richtet sich nicht nach dem Wohnort, sondern erstmals nach einer Personengruppe. Da sie nicht wie die Ortsgemeinden Steuern von ihren Jetzt schallt Heavy Metal durch die reformierte Kirche Gottesdienste im Klublokal, Seelsorge auf Festivals, Bibelkreise mit Bier: Seit Anfang 2026 ist die Metalchurch die erste anerkannte Kirchgemeinde der Schweiz, die aus einer Musikszene besteht. Die schrumpfenden Landeskirchen suchen nach Wegen, um sich zu erneuern. Der Wein fürs Abendmahl wird in Hörnern gereicht. Metal-​ Pfarrer Samuel Hug (links) predigt, an seiner Seite Moderatorin Noemi Stoller. Foto zvg/Marcel Gisin Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 Gesellschaft 26

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