Schweizer Revue 2/2026

Mitgliedern erheben kann, erhält sie Mittel direkt von der Kantonalkirche. Ein Teil wird weiterhin durch Spenden gedeckt. Ausgerechnet Metal Dass Metal diese Premiere ermöglichte – eine Subkultur mit krachenden Gitarren und Hang zum Düsteren – hält Hug nicht etwa für wundersam, sondern für folgerichtig: «Metal befasst sich mit den grossen Themen des Lebens.» Abgründe, Schmerz und Zweifel, wie sie auch in der Bibel vorkämen, würden nicht verdrängt und durch die Metalchurch mit der christlichen Heilsbotschaft beantwortet. Sie unterscheide sich nur in der Form, nicht aber inhaltlich von anderen Kirchgemeinden: «Was uns verbindet, ist der Glaube.» Neben Hug arbeitet eine Sozialdiakonin fest angestellt im achtköpfigen Leitungsteam. 125 Freiwillige unterstützen die Metalchurch, doppelt so viele wie vor vier Jahren. Ein Mitgliederverzeichnis gibt es nicht, die Metaller-Kirche entsteht dort, wo sie sich aufhält. Über 100 Personen besuchen die monatlichen Gottesdienste mit Live-Musik in einem Klublokal. Sie werden auch im Internet-Radio «Drachenblut» übertragen. Hinzu kommen Angebote wie Seelsorge auf Musikfestivals – fast 30 letztes Jahr – und Diskussionsrunden wie «Bibel, Bier & Metal» in privaten Wohnzimmern. Taufen, Trauungen und Abdankungen im Metal-Stil sind seltener gefragt. Laut Hug widerspiegelt dies den Rückgang traditioneller Rituale. Abwärtstrend bei Landeskirchen Die Anerkennung der Metalchurch fällt in eine Zeit, in der sich die Schweizer Religionslandschaft stark wandelt. Die Landeskirchen, einst dominierend, verlieren seit Jahrzehnten Mitglieder. 1980 gehörten gemäss Bundesstatistik 47 Prozent der Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche an, heute sind es 30 Prozent. Noch stärker schrumpfte die evangelisch-reformierte Kirche: von 45 auf 19 Prozent. Gleichzeitig wuchs die religiöse Vielfalt durch Migration. Vor allem aber stieg die Zahl der Konfessionslosen. Während sie 1980 erst rund vier Prozent ausmachten, stellten sie 2024 mit fast 37 Prozent erstmals die grösste Bevölkerungsgruppe. Mit dem Mitgliederschwund sinken die Einnahmen der Landeskirchen. Ortsgemeinden fusionieren und verkaufen Gebäude, auch Kirchen. Wer nicht weiter an Bedeutung einbüssen will, muss frische Ausdrucksformen finden. Davon sind innerkirchliche Bewegungen nicht nur in der zunehmend säkularisierten Schweiz überzeugt. Sie finden, die Kirchen sollten ihre Botschaften vermehrt «kontextuell» vermitteln, also auf Lebenswelten zugeschnitten. In der Church of England existieren klassische Pfarreien und alternative Gemeinschaften – zum Beispiel eine Waldkirche – seit 2008 gleichberechtigt nebeneinander. In der Schweiz, wo die Kantonalkirchen eigenständig entscheiden, befinden sich solche Ansätze noch im Versuchslabor. Rezept gegen Kirchenmüdigkeit? «Wir wollen uns für neue Formen kirchlicher Präsenz öffnen», erklärt der Sprecher der reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Diese fördern im Rahmen eines Erprobungsfonds mehr als 30 Projekte, vom Hip-Hop-Zentrum über ein queeres Pfarramt bis zum Stadtkloster in umgenutzten Kirchengebäuden. Dass die Metalchurch den Status einer Kirchgemeinde erhalten hat, ist das bisher deutlichste Zeichen einer Kantonalkirche. Ob weitere Gemeinschaften folgen, bleibt offen. Für Metal-Pfarrer Hug, den gewieften Kommunikator und umtriebigen Geistlichen, steht fest: «Die Kirche darf nicht warten, bis die Menschen zu ihr kommen. Sie muss dorthin gehen, wo die Menschen sind.» Live-Musik darf bei einem MetalGottesdienst nicht fehlen – hier liefert die Band Melodic Confession den passenden Sound. Foto zvg/Marcel Gisin Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 27

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