Bild oben links: In der boomenden Baubranche ist der Bedarf an Fachkräften aus dem Ausland derzeit besonders gross. Foto Keystone Bild oben: Aus Protest gegen die herrschende Wohnungsknappheit bezieht ein Student eine symbolische Wohnung mitten in Lausanne. Foto Keystone Jahr mehr als 3200 ausländische Diplome anerkannt. Auch in der Pflege können bei weitem nicht alle offenen Stellen durch inländisches Personal besetzt werden. Seit der Corona-Pandemie, welche Spitäler und Mitarbeitende an ihre Grenzen brachte, hat sich der Fachkräftemangel verschärft. Waren vor der Pandemie rund 11000 Stellen offen, stieg die Zahl Anfang 2025 auf über 14000 Stellen. Gemäss den Berufsverbänden steigt ein Drittel der Pflegenden demotiviert aus dem Beruf aus. Schätzungen gehen davon aus, dass der Schweiz bis 2030 rund 30500 Pflegefachkräfte fehlen – in Spitälern, in Altersheimen wie auch der Betreuung Pflegebedürftiger in deren Zuhause (Spitex). Die vom Stimmvolk 2021 angenommene Pflegeinitiative verlangt nebst einer Ausbildungsoffensive auch bessere Lohnbedingungen, zum Beispiel bei den Zuschlägen für Nacht- und Wochenendarbeit. Die Umsetzung durch das Parlament harzt jedoch – weil die Reform zu Mehrkosten führt. Zuwanderung rückläufig In anderen Wirtschaftssektoren – etwa in der Informatik, der Finanzbranche oder im kaufmännischen Bereich – hat sich der Mangel an Fachkräften seit 2024 entspannt, wie aus dem jüngsten Index des Personaldienstleisters Adecco hervorgeht. Gründe für diese «Normalisierung» sind laut Adecco die weltweite Abkühlung der Konjunktur und wirtschaftliche Unsicherheiten. Die jeweilige Wirtschaftslage spiegelt sich auch in den Zuwanderungszahlen: Noch im Rekordjahr 2023 kamen fast 100000 Menschen mehr in die Schweiz, als diese verliessen. Seither geht die Nettozuwanderung zurück: 2024 sank die Zahl um 15 Prozent auf 83000 und 2025 um 10 Prozent auf 75000 Personen. Das bedeutet: Der Arbeitsmarkt zieht nach wie vor viele Zuwanderer an, doch nicht alle bleiben für immer in der Schweiz. Jobverlust, hohe Lebenshaltungskosten, mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Schwierigkeiten bei der Integration sind mögliche Auslöser für eine Rückkehr in die alte Heimat. Weiter können familiäre Gründe ausschlaggebend sein, wie das Beispiel der Journalistin Anne-Careen Stoltze zeigt, die 2006 aus Deutschland zugewandert war und die Schweiz 13 Jahre später wieder verlassen hat (siehe Seite 7). Für die Wirtschaft ist klar, dass die Schweiz auch in Zukunft auf zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Ansonsten schrumpft die Zahl der sogenannten «Erwerbsfähigen», weil in den nächsten Jahren mehr Menschen in Rente gehen als neu auf den Arbeitsmarkt kommen. Diese demografische Lücke dürfte gemäss einer Studie der Nationalbank in den nächsten zehn Jahren auf 400 000 Beschäftigte anwachsen. Wirtschaft pocht auf Wachstum Ohne die Zuwanderung «dringend benötigter» Arbeitskräfte drohe der Wegzug von Firmen und eine schlechtere Versorgung der Bevölkerung, schreiben der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und der Arbeitgeberverband in einem Positionspapier zur SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», die am 14. Juni 2026 zur Abstimmung gelangt. Befürchtet wird auch ein Rückgang des Wirtschaftswachstums, das sich am Bruttoinlandsprodukt (BIP) orientiert. Seit 2002 ist das BIP pro Kopf in der Schweiz um 23 Prozent gestiegen – und damit auch der Wohlstand. Wieviel die Zuwanderung zum Wirtschaftswachstum beigetragen hat, lässt sich nicht exakt beziffern. Unbestritten ist, dass die Personenfreizügigkeit die Wertschöpfung steigert. Für Diskussionen sorgt hingegen, wie sich die vom Arbeitsmarkt getriebene Zuwanderung auf Umwelt und Gesellschaft auswirkt. Welches Wachstum die Schweiz braucht, um die Lebensqualität zu erhalten, ist politisch umstritten. Schweizer Revue / April 2026 / Nr. 2 8
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