Schweizer Revue 3/2026

STÉPHANE HERZOG Dr. Lara Sciscio, Expertin für Dinosaurierspuren, öffnet eine grosse Holztür, die in einen Keller führt. Die Tür befindet sich im Schloss Pruntrut (JU), in dessen Obergeschossen noch immer Gefangene untergebracht sind. Das erfahren wir von unserem zweiten Begleiter, dem Paläon-​ tologen Gaël Spicher, Doktorand am Naturhistorischen Museum Jurassica. Im Keller wartet eine wahre Fundgrube auf uns – Objekte, die bei Ausgrabungen für die Transjurane, die Autobahn durch den Jura, entdeckt wurden. Anfang der 2000erJahre sollte die Trasse durch ein Gebiet führen, in dem bedeutende Überreste vermutet wurden. Ein Archäologenteam wurde zusammengestellt und mit der Durchführung von Notgrabungen beauftragt. Dies ist dem neuesten Buch des Genfer Wissenschaftsjournalisten Pierre-Yves Frei über die Dinosaurier der Schweiz zu entnehmen. Im Februar 2002 wurden dann in der Nähe von Courtedoux (JU) Saurierspuren entdeckt – genauer gesagt Fussabdrücke von Sauropoden. Diese Vierbeiner mit langen Hälsen und kräftigen Beinen ernährten sich ausschliesslich von Pflanzen. Sie lebten vor etwa 157 bis 152 Millionen Jahren im Oberjura. «Sie hätten uns nicht angegriffen, um uns zu fressen, wie es beispielsweise in der Kreidezeit ein T-Rex getan hätte, von dem man in den USA Spuren findet», erklärt uns Lara Sciscio. Das Gelände im Jura umfasst rund 700 Spuren von Dinosauriern, die einst durch Europa wanderten und 14000 Fussabdrücke. Ein Glücksfall für die Forscherin, die vor vier Jahren aus ihrer Heimat Simbabwe ans Museum Jurassica kam. «Ein FussabDinosaurier und ihre Verwandten lassen Schweizer Herzen höherschlagen In der Schweiz gibt es mehrere Möglichkeiten, die Welt der Dinosaurier zu entdecken: die Spuren oberhalb des Lac du Vieux Emosson (VS), das Museum Jurassica (JU) und die Fundstätte von Frick (AG). Auch wenn es sich im Wallis nur um entfernte Verwandte der Dinosaurier handelt, üben diese Orte eine grosse Faszination auf die Öffentlichkeit aus. beit werden die Forschenden noch jahrzehntelang beschäftigt sein. Doch wo sind die Dinos? Die Paläontologen schieben eine schwere, senkrecht stehende Platte zur Seite. Zum Vorschein kommen runde Fussabdrücke eines Sauropoden aus der Gattung Amanzia. Das Tier hatte massige, säulenartige Beine (der grösste Fussabdruck hat einen Durchmesser von 1,20 Metern), einen langen Hals, einen kleinen Kopf und einen langen, kräftigen Schwanz. Auf Hüfthöhe war es etwa vier Meter gross. Wie wir von Lara Sciscio erfahren, entstand diese «Zeichnung» durch Vergleiche mit anderen Sauropoden, da bei den Ausgrabungen keine Skelette gefunden wurden. Um einen Fund eindeutig identifizieren zu können, benötigt man aber sowohl Spuren als auch ein Skelett. Die Forschenden führen in den Innenhof des Ausbildungszentrums, wo der Untergrund durch Glasfenster sichtbar ist. Dort wurden Spuren mit drei Zehen entdeckt, die von Theropoden hinterlassen wurden – zweibeinigen, fleischfressenden und mit dem T-Rex verwandten Dinosauriern. Die urzeitlichen Monster lebten vor dem Aussterben der Nichtvogeldinosaurier vor 66 Millionen Jahren. Übrigens sind die heutigen Vögel Nachfahren der Dinosaurier. Ein weiterer bekannter Ort in der Schweiz, an dem vermeintliche Spuren von Dinosauriern sichtbar sind, ist Vieux Emosson im Wallis. Zu finden sind die Spuren auf über 2400 Metern Höhe. Die Funde sorgten für eine Überraschung, denn erst nach Jahren fanden Paläontologen heraus, dass es sich gar nicht um Dinosaurierspuren handelt. «Die Spuren stammen von nahen Verwandten, mit denen sie einen Vorfahren aus der frühen Trias «Ein Fussabdruck gibt uns Aufschluss über den Gang des Tieres, über seine Schrittlänge und sein Gewicht.» Dr. Lara Sciscio, Expertin für Dinosaurierspuren Pierre-Yves Frei: «Un dinosaure dans la montagne». Savoir Suisse, Lausanne 2026. 192 Seiten. druck gibt Aufschluss über den Gang des Tieres, über seine Schrittlänge und sein Gewicht», erfahren wir von der Paläontologin, die sich auf Ichnologie, die Analyse von Fussabdrücken, spezialisiert hat. Und was ist mit Skeletten? Leider Fehlanzeige! Laut Lara Sciscio wurden in Moutier (JU) aber bereits im 19. Jahrhundert Überreste von Sauropoden entdeckt. Spuren mit einem Durchmesser von 1,20 Metern Die beiden Paläontologen öffnen Kisten, die Fossilien aus den Ausgrabungen im Gebiet der Transjurane enthalten. Zum Beispiel einen versteinerten Bauch einer Schildkröte. Sie lebte vor 152 Millionen Jahren im Oberjura, dessen Name sich von der Region ableitet. Bei der Entdeckung wird jedes Fossil und jede Fussspur zum Schutz mit Gips überzogen, dann aus dem Gestein herausgelöst und zur Reinigung ins Labor gebracht. Mit der Ar- UN DINOSAURE DANS LA MONTAGNE À 2400 mètres d’altitude, au cœur des Alpes valaisannes, des empreintes fossiles racontent une histoire improbable : celle de grands reptiles – des dinosaures peut-être – qui arpentaient une plage de sable il y a plus de 200 millions d’années. Découvert en 1976, le site du Vieux Émosson est devenu un cas d’école pour les géologues et les paléontologues. Comment ces traces ont-elles traversé le temps, l’enfouissement, la surrection alpine et l’érosion glaciaire pour réapparaître aujourd’hui en pleine montagne ? Que nous apprennent-elles sur les animaux extraordinaires qui les ont laissées et sur l’histoire géologique de la région ? Dans un récit vif et richement illustré, Pierre-Yves Frei retrace l’enquête scientifique, les débats, les tâtonnements et les découvertes qui ont permis de percer le mystère. Entre aventure de terrain et histoire des sciences, ce livre révèle comment quelques marques dans la roche ouvrent une vertigineuse fenêtre sur le passé de la Terre. PIERRE-YVES FREI est journaliste scientifique et muséographe. Il est l’auteur de plusieurs ouvrages de vulgarisation consacrés aussi bien à l’astronomie qu’à l’histoire des sciences et aux événements singuliers du passé. Au Savoir suisse, il a notamment publié Un tsunami sur le Léman et Du pâté d’éléphant chez Calvin. UN DINOSAURE DANS LA MONTAGNE PIERRE-YVES FREI PIERRE-YVES FREI OU LA TORTUEUSE SAGA DES EMPREINTES DU VIEUX ÉMOSSON UN DINOSAURE DANS LA MONTAGNE Emosson_Couverture_PROD.indd Toutes les pages 28.01.26 16:45 Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 22 Reportage

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