Schweizer Revue 3/2026

Keramikmanufakturen und den Vertrieb der Produkte gewonnen werden. Aufbereitung für die Öffentlichkeit Priorität haben vorerst allerdings die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten. Sie sind wegen der grossen Menge an Objekten und der verschiedenen Materialien herausfordernd. Das OARC musste beispielsweise zusätzliche Kühldepots mieten und die Lagerräumlichkeiten neu organisieren. Der logistische und der finanzielle Aufwand seien hoch, räumt Kantonsarchäologin Wüthrich ein. Es handle sich aber um einen «notwendigen Schritt, um die Objekte langfristig zu erhalten und der wissenschaftlichen Gemeinschaft sowie später der Öffentlichkeit zugänglich zu machen». Diese soll Mitte 2027 mehr über den Fund und die Ausgrabungen erfahren. Ein Buch und ein Dokumentarfilm sind in Arbeit. Auch eine kleine Sonderausstellung ist denkbar. Im Museum Laténium soll es dereinst eine eigene Abteilung zur Schifffahrt und zur römischen Epoche geben. Dass die wertvolle Fracht jetzt zum Vorschein kam, hat mit Gewässerkorrektionen im 19. und 20. Jahrhundert zu tun. Sie liessen den Pegelstand sinken und veränderten die Strömung des Wassers. Was einst im Sediment verschwand, wird nun freigelegt. «Wir überwachen die Seegrundflächen und das unter Wasser liegende Kulturerbe regelmässig», sagt Sonia Wüthrich. Das geschehe durch Luftbeobachtungen und Tauchgänge. Auf die Schiffsladung stiess man dank einer Drohnenaufnahme. Sie zeigte eine dunkle Stelle mit kleinen Kreisen. Gibt es Orte, an denen die Fachleute ähnliche Relikte vermuten? «Derzeit nicht», sagt Sonia Wüthrich. «Dies ist jedoch nicht ausgeschlossen!» zwischen 20 und 50 n. Chr. untergegangen ist. Über den Neuenburger See führte damals eine wichtige Verkehrs- und Handelsroute. Sie verband den südlichen mit dem nördlichen Teil des Römischen Reichs und wurde genutzt, um Lebensmittel, Baumaterialien, Handelswaren, Tiere und Menschen zu befördern. Über Wasserwege konnten Transporte einfacher, effizienter und günstiger abgewickelt werden als über Landwege. Dass Schweizer Binnengewässer zur Römerzeit dem Transit dienten, legten schon frühere Funde nahe. In Deutschland, Südfrankreich und im Mittelmeer wurden Überreste römischer Handelsschiffe ausgegraben. Bislang wurden aber nur wenige Frachtstücke zutage gefördert. Die umfangreiche, gut erhaltene Ladung aus dem Neuenburger See ist daher – nicht nur für die Region, sondern europaweit – aussergewöhnlich. Sonia Wüthrich spricht von einer «einmaligen Quelle für bisher unbekannte Informationen». Der Fund eröffne «vielversprechende Perspektiven für die Forschung zur Romanisierung und zur Wirtschaftsgeschichte des helvetischen Gebiets». Waren aus Andalusien Die geborgenen Keramikgefässe dürften in einer lokalen Manufaktur hergestellt und für den Verkauf bestimmt gewesen sein. Sie waren sorgfältig in Holzkisten verpackt. Einige Teller lagen gestapelt auf dem Seegrund – als wären sie gerade aus einem Regal gekippt. Auf dem Boot wurden sie vermutlich auf einem Wagen aus Eschenholz gelagert. Darauf deuten vier Räder hin. Sie zeugen von einem dualen Transportsystem: Land- und Wasserwege wurden im 1. Jahrhundert n. Chr. offenbar kombiniert. Dass Handelsnetze über weite Strecken führten, belegen zwei intakte Amphoren. Sie stammen aus einer römischen Provinz in der Gegend des heutigen Andalusiens und waren wahrscheinlich mit Olivenöl gefüllt. Drei römische Schwerter, die samt Holzscheide erhalten sind, könnten auf eine militärische Eskorte hinweisen. Sie könnten dazu gedient haben, den Transport abzusichern, oder einfach Teil der Ladung gewesen sein. Die Relikte waren über eine Strecke von 600 Metern verstreut. Gut möglich, dass die Matrosen Waren über Bord geworfen haben, als sie in Seenot gerieten. «Wir wollen die Umstände dieses Schiffsunglücks verstehen und genauer bestimmen», sagt Sonia Wüthrich. Das Ereignis werde in einen breiteren historischen Kontext eingeordnet. So sollen neue Erkenntnisse über Transportwege, Handelsnetze, technisches Know-how, Ein Kessel aus Bronze: Die Menge und Vielfalt der Fundstücke macht die anstehenden Arbeiten aufwändig. Foto Octopus Fondation Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 21

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