JULI 2026 Die Zeitschrift für Auslandschweizer:innen Landwirtschaft zwischen Acker und Weltmarkt: Wie versorgt sich die Schweiz? Die Schweiz und die EU: Was steckt im neuen Vertragspaket? Leben auf der hohen Kante: In Mürren gehören Extreme zum Alltag
Zum Abschalten: Gedanken hochfahren. Weiter denken. Besser leben. Die «NZZ am Sonntag» jetzt 3 Monate als E-Paper zum Preis von 1 (für 26 CHF statt 78 CHF): go.nzz.ch/sr Photo: Son Tung Tran, pexels.com Konsularische Dienstleistungen überall, komfortabel auf Ihren mobilen Geräten www.eda.admin.ch Barcelona Die Schweiz in der Tasche SwissInTouch.ch Die App für die Auslandschweizergemeinschaft swissintouch.ch Ausschliesslich hier erhältlich Lesen statt warten. Ist die gedruckte «Schweizer Revue» wieder einmal überfällig? Holen Sie sich das Heft auf Ihr Tablet oder Smartphone. Die App dazu ist gratis und werbefrei. Sie finden die App mit dem Suchbegriff «Swiss Review» in Ihrem Appstore. SCHWEIZER REVUE
Es gibt Dinge, die machen die Schweiz unverwechselbar: die Alpen, die direkte Demokratie und natürlich der Käse. Wer im Ausland lebt, kennt den Moment sehr gut: Plötzlich liegt ein Gruyère, ein Emmentaler oder eine Tafel Schweizer Schokolade im Supermarktregal – und für einen Augenblick rückt die Heimat ganz nah. Doch wie schweizerisch ist unser Essen eigentlich noch? Die Antwort überrascht. Die Schweiz produziert weniger als die Hälfte der Nahrungsmittel, die sie konsumiert. Mehr als jede zweite Kalorie stammt direkt oder indirekt aus dem Ausland. Das erstaunt umso mehr, als die Landwirtschaft zu den prägendsten Bildern unseres Landes gehört: saftige Wiesen, grasende Kühe, kleine Familienbetriebe vor Alpenkulisse. Dieses Bild erzählt aber nur einen Teil der Wirklichkeit. Die Schweizer Landwirtschaft bewegt sich im Spannungsfeld von Versorgungssicherheit, Umweltschutz, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlichen Erwartungen. Was auf den Teller kommt, ist längst nicht mehr nur eine Geschmacksfrage. Für die einen ist Fleischkonsum Teil der Tradition, für die anderen sind tierische Produkte ein Auslaufmodell. Und doch: Während die Schweiz viele Lebensmittel importiert, exportiert sie ihren Käse in die ganze Welt. Typisch für unser Land. Nach innen ist die Schweiz gern eigenständig, nach aussen eng verflochten mit den Weltmärkten, allen voran mit Europa. Genau darum geht es in den Bilateralen III, dem Vertragspaket mit der EU (Seite 24). Verhandelt wird nicht weniger als die altbekannte Frage: Wie viel Nähe braucht die Schweiz zur EU, um wirtschaftlich stark zu bleiben, und wie viel Distanz, um sich politisch unabhängig zu fühlen? Auch die Neutralitätsdebatte kreist um die Eigenständigkeit in einer vernetzten und brüchigen Welt (Seite 8). Vielleicht ist es kein Zufall, dass all diese Fragen in der Landwirtschaft greifbar werden. Was auf dem Teller landet, hängt nicht nur vom Wetter, den Böden oder den Höfen im Schweizer Mittelland ab, sondern von Märkten, Verträgen und unseren Beziehungen zur Welt. Die Frage nach dem Essen ist immer auch eine Frage nach der politischen Ausrichtung der Schweiz. WALTER SCHMID, CHEFREDAKTOR 4 Schwerpunkt Landwirtschaft zwischen Acker und Weltmarkt 8 Politik Neutralität auf dem Prüfstand Der holprige Weg zur digitalen Demokratie 14 Gesellschaft Wenn das Zuhause zum Tatort wird 16 Schweiz extrem Leben auf der hohen Kante 19 Schweizer Zahlen Von allem ein bisschen mehr Nachrichten aus Ihrer Region 20 Geschichte Ein Stück Antike im Neuenburgersee 22 Reportage Auf den Spuren der Urzeit-Riesen 24 Nachrichten Fragen und Antworten zum neuen Vertragspaket mit der EU 30 Aus dem Bundeshaus Der Eintrag ins Auslandschweizerregister sichert politische Rechte 32 SwissCommunity Vom Stall in die Weltpolitik Titelbild: Foto Keystone Herausgeberin der «Schweizer Revue», des Informationsmagazins für die Fünfte Schweiz, ist die Auslandschweizer-Organisation. Foto Wikimedia Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 3 Editorial Inhalt
4 CHRISTOF FORSTER Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, steigt in der Schweiz der Appetit auf währschaftes Essen. Zu den Klassikern gehören Rösti, Raclette und Fondue. Alles, was man dazu benötigt, kommt aus der Schweiz: die Milch für den Käse und die Kartoffeln – beides seit Langem Grundnahrungsmittel hierzulande. Mittlerweile gibt es auch vegane Käse-Alternativen, die in der Schweiz hergestellt werden. Inzwischen ist die Palette der konsumierten Gerichte und Nahrungsmittel sehr bunt geworden. Eher mit einem Zahlensalat hat man es zu tun, wenn man hinter die Finanzierungs- und Handelsströme der Schweizer Landwirtschaft zu blicken versucht. Es ist ein kompliziertes Geflecht an Direktzahlungen, Förderbeiträgen, Zöllen, Importkontingenten und vieles mehr, welches – neben den ganz persönlichen Vorlieben – mitbestimmt, was auf unsere Teller kommt. Fünf Fragen, die helfen, mehr zu verstehen. 1 Könnte sich die Schweiz zu 100 Prozent selbst versorgen? Ja. Zu diesem Schluss kommt eine 2025 publizierte Studie des ETH-Agrarökologen Andreas Bosshard und weiteren Autoren. Dieses Ergebnis hat auch den Autor überrascht. Die Schweiz könnte sich zu 100 Prozent selbst mit Nahrungsmitteln versorgen. Sie könnte sogar über 10 Millionen Menschen ernähren statt der heute 4,2 Millionen. Heute beträgt der Netto-Selbstversorgungsgrad rund 50 Prozent. Zählt man die importierten Futtermittel für Tiere hinzu, sind es 57 Prozent. Die Initiative Die Schweiz zwischen Acker und Weltmarkt. Fünf Fragen zur Landwirtschaft Es gibt nur wenige Länder, die ihre Landwirtschaft so stark unterstützen wie die Schweiz. Dies führt dazu, dass rund die Hälfte der konsumierten Nahrungsmittel im Inland produziert werden. Die Ernährungsinitiative, über die wir am 27. September 2026 abstimmen, will diesen Anteil stark erhöhen. «Für eine sichere Ernährung» fordert einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Der Studienautor schlägt neun Massnahmen vor, die ohne grosse Investitionen umsetzbar wären. Der wichtigste Hebel liegt beim Futter der Nutztiere. Rinder sollen statt Kraftfutter und Mais nur noch Gras auf Weiden fressen. Heute werden rund 60 Prozent der Ackerfläche in der Schweiz für die Tierfütterung bepflanzt und zusätzlich wird Kraftfutter importiert. Mit der Umstellung würden grosse Flächen frei, die für Lebensmittel für die Bevölkerung genutzt werden könnten. Dabei würde allerdings die produzierte Milchmenge sinken. Der Bedarf wäre laut Studie aufgrund der heutigen Überproduktion trotzdem gedeckt. Ein weiterer Hebel liegt in der Verschwendung von Lebensmitteln (Food Waste). Bei einer Halbierung der Menge könnten 1,8 Millionen Menschen zusätzlich ernährt werden. Zudem sollen verwertbare Lebensmittelabfälle wieder an Schweine verfüttert werden. Eine solche Umstellung hätte auch positive Folgen für die Umwelt. So liessen sich die Klima- und Ammoniakreduktionsziele erreichen. Für den Schweizer Bauernverband ist eine komplette Selbstversorgung hingegen «völlig unrealistisch». Während des Zweiten Weltkrieges, als nur 4 Millionen Menschen in der Schweiz Laut einer Studie der ETH Zürich könnte die Schweiz über 10 Millionen Menschen ernähren. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 4 Schwerpunkt
Um Direktzahlungen zu erhalten, müssen Betriebe den Ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) erbringen. Dieser Mindeststandard sei viel zu tief angesetzt, kritisieren Umweltverbände. Laut WWF sei keines der 13 Umweltziele erreicht worden. Trotz sinkender Tendenz gelangt laut aktuellem Agrarumweltmonitoring des Bundes immer noch zu viel Stickstoff in sensible Ökosysteme. Die Belastung durch Ammoniak sinkt zwar ebenfalls, liegt aber noch über dem Zielwert. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Pestiziden. Seit 2019 sind die Messwerte rückläufig, in Fliessgewässern stiegen sie aber wieder im Jahr 2024. Das Parlament hat bereits beschlossen, die Risiken für die Umwelt durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2027 zu halbieren. Die Belastung der Umwelt ist durch Importwaren grösser als durch heimische Produkte. lebten und mehr Landwirtschaftsfläche zur Verfügung stand, habe der Selbstversorgungsgrad – bei gleichzeitiger Rationierung der Lebensmittel – rund 70 Prozent betragen. Studienautor Bosshard räumt ein, dass nur ein kleiner Teil der Massnahmen durch die Landwirtschaft selber realisiert werden könne. Die meisten anderen Hebel erforderten die Mitwirkung der Lebensmittelindustrie, des Handels sowie der Konsumentinnen und Konsumenten. Er gibt zu bedenken, dass die heutigen Konsumgewohnheiten und Verhaltensweisen, die für grosse Teile der Ineffizienzen im Ernährungssystem verantwortlich sind, durch den Staat seit dem Zweiten Weltkrieg in hohem Masse beeinflusst und mitverursacht wurden. Dies betreffe insbesondere den Konsum von tierischen Lebensmitteln. Seit Jahrzehnten gehen mindestens 80 Prozent der landwirtschaftlichen Subventionen in die Tierproduktion und nur 20 Prozent in die Pflanzenproduktion. In seinem Bericht zur «Zukünftigen Ausrichtung der Agrarpolitik» von 2022 kommt auch der Bundesrat zum Schluss, dass auf der Ackerfläche vermehrt Kulturen zur direkten menschlichen Ernährung angebaut werden sollten, um den Selbstversorgungsgrad bei zunehmender Bevölkerung zu halten. Eine vollständige Selbstversorgung wird aber trotz allem nicht möglich sein, da viele der zentralen Ressourcen für die Landwirtschaft zu grossen Teilen aus dem Ausland kommen. Dazu gehören Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel, Diesel und Saatgut. 2 W ie ökologisch nachhaltig ist die Schweizer Landwirtschaft? Im letzten Bericht aus dem Jahr 2016 zu den Umweltzielen für die Landwirtschaft zeichnete der Bund ein gemischtes Bild. Untersucht wurde die Einhaltung von Zielen in den Bereichen Biodiversität, Treibhausgasemissionen, Phosphor und Pflanzenschutzmittel. Seither wurden die Umweltziele nicht mehr systematisch untersucht und der Fortschritt in einer Studie zusammengefasst. Laut Agrarexperten besteht hier eine grosse Lücke, aufgrund deren kein kohärenter Überblick möglich ist. Updates und Analysen gibt es lediglich für einzelne Aspekte. Absichten der Ernährungsinitiative Die Volksinitiative «Für eine sichere Ernährung» verlangt einen Selbstversorgungsgrad mit Nahrungsmitteln von mindestens 70 Prozent. Dieses Ziel soll innert zehn Jahren erreicht werden. Das bedeutet, dass die Ernährung pflanzlicher werden müsste. Weiter fordert das Begehren die Sicherung der Grundwasserressourcen sowie die Förderung einer nachhaltigen Land- und Ernährungswirtschaft. Hinter der Initiative stehen Franziska Herren vom Verein «Sauberes Wasser für alle» und weitere Personen. Herren war bereits die treibende Kraft hinter der im Juni 2021 abgelehnten Trinkwasserinitiative. Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ohne Gegenvorschlag ab. Sie kommt am 27. September 2026 zur Abstimmung. (CF) Die ökologische Leistung der Schweizer Landwirtschaft ist laut WWF schlecht. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 5
Zu diesem Schluss kam die Forschungsanstalt Agroscope am Beispiel von Kartoffeln. Verglichen wurde mit Deutschland, Frankreich, Holland und Italien. Bei den tierischen Produkten waren die Resultate nicht eindeutig. Die Biodiversität hingegen ist stabil geblieben. Angesichts ihres historischen Rückgangs kann dies zwar positiv gewertet werden, heisst es im Agrarbericht 2025 des Bundes. Jedoch befindet sich die Biodiversität immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau. Das Potenzial in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit ist also immer noch gross. Eine neue Studie von Agroscope zeigt, dass ein deutlich umweltfreundlicheres Ernährungssystem mit einer gesünderen Ernährung der Bevölkerung und einem höheren Selbstversorgungsgrad möglich ist. 3 Ist die Landwirtschaft geprägt von Kleinbauern? Im internationalen Vergleich ist die Schweizer Landwirtschaft von relativ kleinen Familienbetrieben geprägt. Pro Betrieb wird im Durchschnitt eine Nutzfläche von 22 Hektar bewirtschaftet. Die meisten Länder der EU weisen wesentlich höhere durchschnittliche Betriebsflächen auf. Eine genaue Definition, was ein Kleinbetrieb ist, gibt es nicht. Typischerweise bewirtschaftet ein Kleinbauer oder eine Kleinbäuerin eine Fläche von weniger als 10 Hektar. Davon gibt es in der Schweiz 13213 Betriebe (von total 47075 Landwirtschaftsbetrieben im Jahr 2024). Knapp 5 Prozent der Betriebe haben sogar eine Fläche von weniger als einem Hektar. Mit 12380 sind die meisten Betriebe in der Kategorie zwischen 10 und 20 Hektar (2024). Der Anteil der Grossbetriebe mit einer Fläche von über 50 Hektar liegt bei 7 Prozent. Der klassische Landwirtschaftsbetrieb ist primär ein familiengeführter Voll- oder Nebenerwerbshof. Meist werden alle Familienmitglieder und über mehrere Generationen hinweg eingespannt. Die Schweizer Landwirtschaft ist indes seit Längerem in einem Wandel begriffen. Jedes Jahr gehen rund 1 bis 1,5 Prozent der Betriebe zu. Alleine 2025 haben 805 Höfe ihren Betrieb für immer eingestellt. Die Flächen werden meist von den Nachbarbetrieben übernommen, was dazu führt, dass die durchschnittliche Nutzfläche stetig steigt. Seit 2000 ist diese um rund 50 Prozent gestiegen. 4 Wie viel finanziert der Staat bei der Lebensmittelproduktion? Die Schweiz subventioniert die Nahrungsmittelproduktion massiv und unsere Landwirtschaft gehört zu den weltweit am stärksten geförderten. Dies entspricht dem politischen Willen. Von jedem Franken, den die Bäuerinnen und Bauern einnehmen, stammt rund die Hälfte vom Staat. Das sind Subventionen wie Direktzahlungen oder durch Zölle verursachte höhere Konsumentenpreise. Laut einer Schätzung der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse kostet der landwirtschaftliche Grenzschutz die Schweiz im Jahr fast drei Milliarden Franken. Hinzu kommen Beiträge des Bundes zur Produktions- und Absatzförderung, zum Beispiel Verkäsungszulagen. Diese Förderung beläuft sich auf jährlich rund 500 Millionen Franken, die zu den Direktzahlungen von 2,8 Milliarden Franken (2024) hinzukommen. Das heisst, jeder Einwohner wendet aus dem eigenen Sack im Durchschnitt 300 Franken als Die Schweiz subventioniert die Nahrungsmittelproduktion massiv und unsere Landwirtschaft gehört zu den weltweit am stärksten geförderten. Im internationalen Vergleich ist die Schweizer Landwirtschaft von relativ kleinen Familienbetrieben geprägt. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 6 Schwerpunkt
Direktzahlung für die Landwirtschaft auf. Dazu kommen rund 40 Franken für die Milchwirtschaft, unabhängig davon, wie viel er von diesen Produkten konsumiert. Ein Teil der Subventionen ist daran geknüpft, öffentliche Güter bereitzustellen, beispielsweise den Schutz von Kulturlandschaften oder mehr Biodiversität. Dann gibt es auch versteckte Subventionen. Ökonomen verweisen etwa auf die ermässigten Mehrwertsteuersätze direkt auf Leistungen in der Landwirtschaft zur Bodenbearbeitung wie Säen oder Pflügen oder indirekt auf Nahrungsmittel. Lebensmittel unterliegen einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von 2,6 Prozent. Diese Leistungen werden zum Grundbedarf gezählt. Weil sie nicht alle Teile der Bevölkerung im gleichen Masse nutzen, entstehen Verzerrungen, die ineffizient und nicht zwingend sozial sind. Auch Haushalte mit höherem Einkommen werden entlastet, da sie tendenziell teurere Lebensmittel kaufen. Sie profitieren sogar mitunter stärker. In den Augen von Ökonomen führen die Vielzahl von Subventionen und Steuervergünstigungen zu Verzerrungen, die den Strukturwandel künstlich aufhalten und negative Effekte für Klima und Umwelt mit sich bringen. Sie bezweifeln, ob eine weitgehende Selbstversorgung im Krisenfall möglich ist. 5 Ist Essen eine neue Religion? Die Ernährungsinitiative will die Selbstversorgung stärken und mehr pflanzliche Lebensmittel fördern. Damit landet man schnell in einer emotionalen Debatte. In gewisser Weise ist die Ernährung zu einer Religion geworden. Nicht im Sinne, dass sie Antworten liefert auf existenzielle Fragen – ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder woher wir kommen. Doch sie schafft für Menschen, die sich stark damit beschäftigen, eine Identität, die weit über das Essen hinaus geht. Sich vegetarisch oder vegan ernähren, kann zu einer Lebenshaltung werden, die in viele Bereiche ausstrahlt. So wie Fleisch essen für gewisse Leute zu einer politischen Haltung geworden ist. Es geht um Tierwohl, Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Klimaveränderung, Lebensstile, Individualismus, letztlich um ganze Lebensanschauungen, die sich mit der Ernährung verknüpfen lassen. Es heisst nicht mehr, man isst vegan, sondern man ist vegan. Oder man ist Fleischesser. Dabei ist das ja nur eine von unzähligen Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen. Deshalb können Diskussionen über Essenvorlieben schnell sehr hitzig werden. Das Ideologische mag eine weitere Parallele sein zur Religion. Streng definierte Regeln bestimmen das Handeln. In der Religion nennt man es Dogmen. Wie der Glaube kann auch die Ernährung ein Gefühl von Gemeinschaft geben. Man fühlt sich Gleichdenkenden zugehörig und grenzt sich von Andersdenkenden ab. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren Ehen zwischen Protestanten und Katholiken gesellschaftlich geächtet und fast unmöglich. Heute gibt es Veganer, die es für unmöglich halten, mit einer Fleischesserin eine Beziehung zu führen. Es gibt Veganer, die überzeugt sind, mit ihrem Essverhalten einen Beitrag zur Rettung des Planeten zu leisten. Es gibt Fleischesser, die überzeugt davon sind, es stehe ihnen zu, so viel Fleisch wie nur möglich zu essen. Menschen hätten sich schon seit Urzeiten mit Tierischem ernährt. Sie bekommen manchmal von den sich fleischlos Ernährenden eine gewisse moralische Überlegenheit zu spüren, gegen die sie sich wehren. Wie bei Religionen verbinden sich mit dem Essen Heilsversprechen: Gesundheit, Reinheit und moralische Integrität. Das macht das gemeinsame Essen mitunter kompliziert. Wie der Glaube kann auch die Ernährung ein Gefühl von Gemeinschaft geben. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 7
THEODORA PETER Geistiger Vater der Initiative zur «Wahrung der schweizerischen Neutralität» ist der SVP-Doyen und frühere Bundesrat Christoph Blocher. Er störte sich daran, dass der Bundesrat 2022 nach dem Angriff Russlands gegen die Ukraine die weitreichenden EU-Sanktionen gegen Moskau übernahm. Dazu gehören etwa Finanzsanktionen, Vermögenssperren oder Import- und Exportverbote. Mit diesem «Bruch der Neutralität» sei die Schweiz «aus purem Opportunismus» selber zur Kriegspartei geworden, kritisierte Blocher und sah die Glaubwürdigkeit der Schweiz als neutrale Vermittlerin beschädigt («Revue» 6/2022). Lanciert wurde das Volksbegehren in der Folge von Pro Schweiz, der Nachfolgeorganisation der von Blocher vor 40 Jahren gegründeten Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (AUNS). Die Initianten wollen die «immerwährende, bewaffnete Neutralität» in der Verfassung festschreiben. Dazu gehört, dass die Schweiz keinem Militär- oder Verteidigungsbündnis beitreten darf. Auch eine Zusammenarbeit mit einem Bündnis wie der NATO wäre einzig im Falle eines direkten militärischen AnStarr oder flexibel? Die Neutralität auf dem Prüfstand Die Neutralität gehört zur Identität der Schweiz. Doch wie streng soll sie ausgelegt werden? Am 27. September 2026 entscheiden die Stimmberechtigten über die rigorose Neutralitätsinitiative der rechtskonservativen Vereinigung Pro Schweiz. griffs auf die Schweiz zugelassen. Explizit verbieten wollen die Initianten «nichtmilitärische Zwangsmassnahmen gegen kriegführende Staaten», wie sie die Schweiz gegen Russland verhängt hat. Vom Verbot ausgenommen wären einzig Sanktionen, die der UNO-Sicherheitsrat beschliesst. Im Falle des Ukraine-Kriegs nutzte Russland sein Vetorecht als ständiges Mitglied, um entsprechende Resolutionen zu verhindern. Der Bundesrat hatte die Übernahme der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland mit Verletzungen des humanitären Völkerrechts begründet. «Einem Aggressor in die Hände zu spielen, ist nicht neutral», erklärte Aussenminister Ignazio Cassis (FDP) damals. Eine Lieferung von Waffen oder Schutzmaterial an Alt-Bundesrat Christoph Blocher (Mitte) will eine strikte Definition der Neutralität in die Verfassung schreiben – im Bild bei der Einreichung der Neutralitätsinitiative im April 2024 in Bern. Foto Keystone Laut Umfrage will eine Mehrheit der Bevölkerung, dass die Schweiz bei einer Verletzung des Völkerrechts Sanktionen gegen andere Staaten ergreifen kann. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 8 Politik
Umstrittene Waffenexporte Auch nach der Abstimmung zur Neutralitätsinitiative werden sich die Schweizerinnen und Schweizer mit der Rolle der neutralen Schweiz beschäftigen. Voraussichtlich Ende November 2026 folgt die Abstimmung zur Änderung des Kriegsmaterialgesetzes, gegen die linke Parteien das Referendum ergriffen haben. Sie wehren sich gegen eine geplante Lockerung beim Export von Schweizer Waffen. Die bürgerliche Parlamentsmehrheit hatte die Revision im Dezember 2025 beschlossen, um der Schweizer Rüstungsindustrie zu mehr Umsatz zu verhelfen. Demnach dürften 25 westliche Staaten – darunter die USA, Argentinien, Japan sowie EU- und NATO-Länder – künftig auch dann mit Kriegsmaterial beliefert werden, wenn sie in einen bewaffneten Konflikt verwickelt sind. Dies wäre eine Abkehr von der bisher restriktiven Exportpraxis, die verhindern sollte, dass Schweizer Waffen über Umwege in Bürgerkriegen oder bei Terrororganisationen landen. Zwar kann der Bundesrat bei Waffenexporten ein Veto einlegen, wenn er aussen-, sicherheits- oder neutralitätspolitische Interessen der Schweiz gefährdet sieht. Doch aus Sicht der Gegner bleibt das Risiko bestehen, dass Schweizer Waffen unkontrolliert auf der ganzen Welt zirkulieren. Für die Ukraine ändert die geplante Lockerung nichts: Auf Druck der SVP hielt das Parlament am Verbot der Lieferung von Schweizer Kriegsmaterial nach Kiew fest. (TP) Schweizerinnen und Schweizer hinter dem Grundsatz der Neutralität stehen, aber die heutige Praxis nicht verändern wollen. So ist eine grosse Mehrheit dafür, dass sich die Schweiz nicht militärisch an Konflikten anderer Staaten beteiligt. Gleichzeitig unterstützt eine ebenso deutliche Mehrheit, dass die Schweiz bei einer Verletzung des Völkerrechts Sanktionen gegen andere Staaten ergreifen kann. Bei der im November 2025 durchgeführten Befragung hatte die Neutralitätsinitiative einen schweren Stand: Lediglich 39 Prozent wollten ein Ja oder eher ein Ja in die Urne legen. 58 Prozent der Befragten lehnten das Begehren ab oder tendierten zu einem Nein. Nur 3 Prozent waren noch unentschlossen. Neuere Abstimmungsumfragen lagen bei Redaktionsschluss nicht vor. Entscheiden werden die Stimmberechtigten am 27. September 2026. Gleichentags kommt mit der Ernährungsinitiative noch eine zweite Vorlage an die Urne (siehe Schwerpunkt S. 4–7). die angegriffene Ukraine schloss die Regierung hingegen aus. Als neutraler Staat darf die Schweiz gemäss internationalem Neutralitätsrecht keine Kriegspartei bevorzugt behandeln. An diesem strikten Gleichbehandlungsgebot hält der Bundesrat bis heute fest, obwohl dies letztlich die Wirkung von Sanktionen gegen den Aggressor schwächt. Parlament will Handlungsspielraum Die Bundesverfassung enthält bislang keine explizite Definition der schweizerischen Neutralität. Hingegen verpflichtet die Verfassung Parlament und Regierung, «Massnahmen zur Wahrung der äusseren Sicherheit, der Unabhängigkeit und der Neutralität der Schweiz» zu treffen. Der Bundesrat sieht keinen Grund, diese Verfassungsbestimmungen zu ergänzen. Seit der Gründung des Bundesstaates 1848 sei bewusst auf eine präzise Umschreibung verzichtet worden, erklärte Cassis bei der Beratung der Neutralitätsinitiative im Parlament. Diese Flexibilität sei nötig und habe sich in den letzten 175 Jahren bewährt. «Die Neutralität ist ein Instrument und kein Selbstzweck.» Nebst dem Bundesrat stellt sich auch eine Mehrheit des Parlamentes gegen die Neutralitätsinitiative. Die Gegner warnen davor, in einer unsicheren Welt den aussenpolitischen Spielraum einzuschränken. Die Initiative verspreche Klarheit, bringe aber Starrheit, sagte die Aargauer FDP-Nationalrätin Maja Riniker in der Parlamentsdebatte. «Neutralität ohne Kooperation in einer vernetzten Welt ist eine Illusion.» Auf Ablehnung stösst insbesondere ein Verbot von Wirtschaftssanktionen gegen kriegführende Staaten. Hätte die Schweiz die EU-Sanktionen gegen Russland nicht mitgetragen, «wären wir praktisch zu Putins Brückenkopf in Europa geworden», mahnte der Bündner SP-Nationalrat Jon Pult. Unterstützt wird die Initiative einzig von der SVP, die dem Bundesrat bei der Auslegung der Neutralität enge Grenzen setzen will. Die Wahrung der Neutralität erfordere Mut und Rückgrat. «Unsere Rolle ist es nicht, mit dem Rudel zu heulen, sondern Türen für Verhandlungen offenzuhalten», sagte die Genfer SVP-Vertreterin Céline Amaudruz. Bevölkerung für Status quo Wie stellt sich die Bevölkerung zur Neutralität? Eine Anfang 2026 publizierte Studie des Meinungsforschungsinstitutes Sotomo zeigt, dass die Aussenminister Ignazio Cassis (FDP) plädierte im Parlament für Flexibilität: «Die Neutralität ist ein Instrument und kein Selbstzweck.» Foto Keystone Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 9
EVELINE RUTZ Die Panne liess aufhorchen: Am 8. März 2026 kam es beim E-Voting-Testbetrieb in Basel-Stadt zu technischen Problemen. In der digitalen Urne trafen zwar 2048 Stimmen von Auslandschweizer:innen und Menschen mit Behinderungen ein. Die Urne liess sich mit dem vorgesehenen Code allerdings nicht entschlüsseln. Ihr Inhalt blieb unzugänglich – und floss nicht in die Auswertung ein. («Revue» 2/2026) Immerhin: Die Resultate fielen ohnehin deutlich aus. Die Volksentscheide wurden demnach nicht verfälscht. Die Basler Staatskanzlei und die Bundeskanzlei (BK) teilten umgehend mit, dass die Ursache nicht beim E-Voting-System an sich zu suchen sei. In den Testkantonen St. Gallen, Thurgau und Graubünden hätten die elektronisch abgegebenen Stimmen wie gewohnt ausgewertet werden können. Einzig in Basel habe der Zugang über einen USB-Stick nicht funktioniert. Laut Fachleuten könnte dies auf eine fehlerhafte Handhabung zurückzuführen sein. Eine externe Analyse soll die genauen Umstände nun klären. Basel-Stadt führt vorerst bis Ende Jahr keine weiteren Versuche durch. Die anderen drei Pilotkantone haben am 14. Juni 2026 erneut E-Voting angeboten. Davor hatten sie ihre Prozesse zur Entschlüsselung der digitalen Urne überprüft. Zudem setzten sie neben USB-Sticks weitere Speichermedien ein. Die Bundeskanzlei hatte ihnen für weitere Tests grünes Licht gegeben. Sie hatte es als «sehr Der Weg zur digitalen Teilhabe bleibt steinig Rückschlag beim E-Voting und kleine Schritte in Richtung E-Collecting: Auslandschweizer:innen könnten auf dem digitalen Kanal einfacher mitbestimmen. Doch sie werden weiter Geduld brauchen. unwahrscheinlich» eingestuft, dass sich ein Vorfall wie in Basel-Stadt wiederholen werde. An Vertrauen eingebüsst Die Panne befeuert dennoch eine Debatte, welche die Schweiz seit über 20 Jahren beschäftigt. Kritiker:innen des E-Votings sehen sich bestätigt. «Es gibt zu viele Risiken», sagt Rahel Estermann, Co-Geschäftsleiterin der Digitalen Gesellschaft. Sie verweist auf das hohe Sicherheitsniveau, das bei Wahlen und Abstimmungen gewährleistet werden muss. Einerseits muss das Stimmgeheimnis gewahrt werden. Andererseits muss es möglich sein, die Stimmen individuell und das Resultat kollektiv nachzuvollziehen. Diese drei Anforderungen gleichIn Basel-Stadt konnten zur Abstimmung am 8. März 2026 nur Stimmcouverts in Papierform gezählt werden. Die digitale Urne konnte nicht entschlüsselt werden. Der Vorfall löst neue Diskussionen über das E-Voting aus. Foto Keystone Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 10 Politik
zeitig zu erfüllen, sei technisch fast unmöglich, so Estermann. Es brauche nur eine kleine Panne, damit das Resultat eines ganzen Urnengangs seine Glaubwürdigkeit verliere. Der Vorfall in Basel habe grossen Schaden angerichtet, sagt Politikwissenschaftler Michael Herrmann gegenüber SRF. «Er hat das Vertrauen der Bevölkerung zerstört und wirft den ganzen Prozess um Jahre zurück.» Schweizer:innen, die im Ausland leben, reagierten teilweise verärgert. Ihr sei es verunmöglicht worden, ihre Stimme abzugeben, sagte eine Betroffene aus Frankreich. «Für dieses Recht haben wir lange gekämpft.» Dass die Partizipationsrechte garantiert werden müssen, betonen auch E-Voting-Befürwortende. Sie argumentieren jedoch, dass der 2023 gestartete Versuchsbetrieb bei über 300 Urnengängen positiv verlaufen sei. Nun gelte es, die richtigen Lehren zu ziehen. So werde der Zwischenfall zu Verbesserungen des E-Voting-Systems beitragen. Der Kanton Luzern will dieses ab September 2026 ebenfalls testweise einsetzen. Dank der E-ID, die im September 2025 knapp gutgeheissen wurde, könnte E-Voting dereinst ganz digital funktionieren. Sie soll ab 1. Dezember 2026 verfügbar sein. Der Bund wollte den digitalen Ausweis ursprünglich diesen Sommer einführen. Nachdem die Eidgenössische Finanzkontrolle Bedenken geäussert hatte, setzt er jetzt aber zusätzliche Datenschutz- und Sicherheitsmassnahmen um. Effizienter, sicherer und zuverlässiger Die staatliche E-ID soll auch beim E-Collecting eingesetzt werden. Sie würde es erlauben, Unterschriften mit wenigen Klicks auf ihre Gültigkeit zu überprüfen. Dies würde Komitees, Gemeinden und die Bundeskanzlei massiv entlasten. Sie könnten etwa darauf verzichten, Sammelbögen per Post hin und her zu schicken. Sie wären in Echtzeit über die Zahl der beglaubigten Unterschriften informiert und könnten ihre Arbeiten entsprechend planen. Die Stimmberechtigten wiederum würden davon profitieren, dass ihre Daten besser geschützt und zuverlässig übermittelt würden. Aus diesem Grund ist E-Collecting 2024 auf die politische Agenda zurückgekehrt. Der Skandal um gefälschte Unterschriften durch kommerzielle Sammel-Firmen («Revue» 1/2025) hat den Druck erhöht, das papierbasierte System zu verbessern. Ziel ist es nicht, den ganzen Prozess «ins Netz» zu verlagern. Im öffentlichen Raum sollen weiterhin Sammlungen stattfinden. Sie sollen dank digitaler Möglichkeiten aber effizienter, transparenter und sicherer werden. Know-how und Meinungen fliessen ein Im Bundeshaus engagieren sich fünf von sechs Fraktionen für ein digitales System. Nicht dabei ist die SVP. Die anderen Fraktionen möchten zeitnah einen Pilotbetrieb starten. Die Bundeskanzlei bereitet einen solchen vor. Dabei bezieht sie breite Kreise ein, um zu einer mehrheitsfähigen Lösung zu gelangen. Die BK hat im August 2025 einen partizipativen Prozess gestartet – und setzt damit auf ein Vorgehen, das sich bei der E-ID bewährt hat. Sie führt regelmässig Online-Veranstaltungen durch, an denen wissenschaftliche Erkenntnisse, technisches Know-how, Erfahrungen, Haltungen und Ideen geteilt werden. Für den schriftlichen Austausch hat sie eine Online-Plattform realisiert. Der Bundeskanzler Viktor Rossi stützt sich auf diesen Dialog, wenn er die Eckwerte des E-Collecting-Systems festlegt. Als Erstes wird über die technische Umsetzung entschieden. Bei dem Projekt stellen sich ausserdem regulatorische, staatspolitische und organisatorische Fragen. Herausfordernd ist es beispielsweise, die Sammel-Plattform neutral zu gestalten. Sie sollte über Volksinitiativen und Referenden transparent informieren, jedoch keine politische Werbung verbreiten. Sie sollte so gebaut sein, dass es unmöglich ist, einzelne Anliegen bevorzugt zu platzieren. Expert:innen gehen davon aus, dass es mehr Sammlungen geben werde. Zivile Netzwerke könnten politische Debatten stärker prägen als heute. Erste Erkenntnisse sind auf kantonaler Ebene zu erwarten. St. Gallen hat ein eigenes System aufgebaut, das demnächst zum Einsatz kommen soll. Genf befindet sich in der Konzeptphase. E-Collecting lasse sich technisch einfacher umsetzen als E-Voting, sagt Rahel Estermann. Wichtig sei ein datensparsamer, sicherer und quelloffener Ansatz. Der digitale Kanal würde die Partizipation erleichtern. Davon würden insbesondere Auslandschweizer:innen und Menschen mit Behinderungen profitieren. «E-Collecting würde die Demokratie stärken.» Auslandschweizer:innen sind berechtigt, Volksinitiativen oder Referenden zu unterschreiben, sofern sie im Stimmregister eingetragen sind. Aktuell trifft dies auf 246 624 Personen zu. Konkrete Zahlen zur Beteiligung der Auslandschweizer:innen an Unterschriftensammlungen werden nicht erhoben. Heute werden die gesammelten Unterschiften für Volksinitiativen und Referenden schachtelweise an die Bundeskanzlei übergeben. E-Collecting würde die Beteiligung für Auslandschweizer:innen vereinfachen. Foto Keystone Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 11
1 2 3 Ebenso wie ihr Genfer Mitbürger Nicolas Bouvier zählte Ella Maillart zu den bekanntesten Schweizer Reisenden des 20. Jahrhunderts. Von 1932 bis 1939, bevor die Welt im Zweiten Weltkrieg versank, bereiste die aus gutem Hause stammende Abenteurerin die UdSSR, den Iran, Afghanistan, China und den Rest Asiens, insbesondere Zentralasien. Ihre Bilder zeichnen das Porträt einer mutigen und unerschrockenen Frau. Auf einem sehen wir Strassenszenen aus Moskau, während Stalin sein Terrorregime im Land errichtete. Auf einem anderen überquert Ella Maillart einen Pass in über 4800 Metern Höhe. Dann wiederum sehen wir sie in den Wüsten Chinesisch-Turkestans. Damals konnte man Reisende aus dem Westen, die diese Regionen durchquerten, an einer Hand abzählen. Die Ausstellung in Lausanne zeigt eine Auswahl von Abzügen, die eigens für diesen Anlass erstellt wurden. Sie stammen aus Archiven, die Ella Maillart 1988 dem Museum Foto Elysée und der Universität Genf vermachte. Notizen der Abenteurerin am Rand der Fotografien begleiten den Besuch der Ausstellung. Diese wirft ein Licht auf die zahlreichen historischen Ereignisse, deren Zeugin Ella Maillart wurde: die Sowjetisierung Zentralasiens, den Wandel Chinas nach dem Ende des Kaiserreichs und die Gründung von Mandschukuo – einem von Japan kontrollierten Staat in der Mandschurei. Das Zusammenspiel der Fotografien und Notizen offenbart einen von tiefer Menschlichkeit geprägten Blick auf die Welt. Die Fotografien wurden ins UNESCO-Register «Memory of the World» aufgenommen. STÉPHANE HERZOG Ausstellung: Ella Maillart. Fotografische Erzählungen Zu sehen bis 1. November 2026 im Foto Elysée, Place de la Gare 17, 1003 Lausanne Die Fotos und Notizen von Ella Maillart nehmen uns mit auf ihre Abenteuer Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 12 Gesehen
1 Ella Maillart leiht ihre Leica aus. Foto Nachlass Ella Maillart und Foto Elysée, Lausanne 2 Ella Maillart, Die neue Eisenbahnstrecke zwischen Nanyo und Ninguta westlich von Wladiwostok, 1934, japanisch besetztes Korea. Foto Nachlass Ella Maillart und Foto Elysée, Lausanne 3 Ella Maillart, Schlittschuhläufer vor der Verbotenen Stadt, 1935, Peking, Republik China. Foto Nachlass Ella Maillart und Foto Elysée, Lausanne 4 Ein Porträt von Ella Maillart in der Ausstellung im Foto Elysée. Die Genferin starb am 27. März 1997 in Chandolin (VS). Sie wurde 94 Jahre alt. Foto Elysée, Lausanne 5 Schwarz-Weiss-Bilder vom anderen Ende der Welt. Foto Elysée, Lausanne 6 Ella Maillart, In der Tsaidam-Wüste, auf 3000 Metern Höhe, Ende Mai 1935. Der Berg Kitin Kara im Kunlun-Gebirge in der Provinz Qinghai, Volksrepublik China. Foto Nachlass Ella Maillart und Foto Elysée, Lausanne 7 Ella Maillart, Meine Strasse – Ostojenka, 1930, Moskau, Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, UdSSR. Foto Nachlass Ella Maillart und Foto Elysée, Lausanne 8 Ella Maillart, Ukrainischer Messerschleifer, 1930, Moskau, Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, UdSSR. Foto Nachlass Ella Maillart und Foto Elysée, Lausanne 4 6 7 8 5 Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 13
SUSANNE WENGER Tatort Binningen (BL): Am 13. Februar 2024 um die Mittagszeit schlägt ein 41-jähriger Mann seine 38-jährige Ehefrau ins Gesicht, würgt sie bewusstlos und stranguliert sie im gemeinsamen Eigenheim im Villenviertel. Das Paar mit zwei Kleinkindern stand vor der Trennung. Der Ehemann verstümmelt die Leiche, um sie verschwinden zu lassen. Tatort Corcelles (NE): In der Nacht auf den 20. August 2025 sterben eine 47-jährige Frau und ihre zwei Töchter durch Messerstiche in ihrer Wohnung. Schnell gerät der 52-jährige Ex-Mann ins Visier der Ermittlungen. Tatort Grabs (SG): Am 26. April 2026 stirbt eine 71-jährige Frau in ihrem Einfamilienhaus. Die Polizei nimmt den 67-jährigen Ehemann fest. Drei Orte, drei Jahre, drei Bluttaten. Sie zeigen, wie gefährlich das eigene Zuhause für Frauen jeden Alters in der sonst so friedlichen Schweiz sein kann. Gewalt durch Partner und Ex-Partner rückt allmählich ins Bewusstsein von Gesellschaft und Politik – doch solche Taten sind schon seit Langem viel mehr als Einzelfälle. Durchschnittlich alle zwei bis drei Wochen stirbt in der Schweiz eine Frau durch häusliche Gewalt. 2025 erreichte die Zahl mit 25 getöteten Frauen und Mädchen einen Höchststand, seit der Bund 2009 begann, diese Tötungen separat auszuweisen. Insgesamt zählte die Schweiz letztes Jahr 55 Tötungsdelikte. Regierung alarmiert Auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt. Doch bei Tötungen zeigt sich ein klares Muster: Über 90 Prozent der Opfer sind Frauen, die Täter meist Männer. Die Rekordzahl von 2025 alarmierte die Regierung. «So kann es nicht weitergehen», erklärte Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider. Justizminister Beat Jans sprach von einem Sicherheitsproblem: Kein anderes Verbrechen fordert in der Schweiz so viele Todesopfer wie die Gewalt gegen Frauen. Bereits Mitte 2025, als sich die Häufung abzeichnete, beschloss ein Ausschuss aus Bund, Kantonen und Femizide in der Schweiz: Gewalt hinter verschlossenen Türen Häusliche Tötungsdelikte an Frauen erreichten im Jahr 2025 einen neuen Höchststand. Bund und Kantone haben Massnahmen ergriffen, um die Gewalt einzudämmen und die Opfer besser zu schützen. Doch reicht das, was die Schweiz tut? Gemeinden dringliche Massnahmen. Unter anderem sollten Regionen bei der Bereitstellung von Schutzplätzen in Frauenhäusern zusammenarbeiten. Nora Markwalder, Strafrechtsprofessorin an der Universität St. Gallen, sieht bislang keinen anhaltenden Anstieg bei den Tötungen von Frauen. Doch auch die «stabile Tendenz» sei besorgniserregend. Während Tötungsdelikte unter Männern – etwa im Ausgang, im Milieu oder bei Streitigkeiten – in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz stark zurückgingen, blieben die Partnerschaftstötungen von Frauen durch Männer konstant. «Das wirft Fragen auf», sagt die Kriminologin. Das Opfer nicht vergessen: Während dem Prozess gegen einen Ehemann im Mai 2026 nahe Basel bilden Menschen vor dem Gerichtsgebäude eine Kette und erinnern an die getötete Frau. Foto Keystone Gewalt durch Partner und Ex-Partner rückt ins Bewusstsein von Gesellschaft und Politik – doch solche Taten sind seit Langem mehr als Einzelfälle. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 14 Gesellschaft
Kritik und Forderungen Frauenrechtsorganisationen und linke Parteien kritisieren, dass die Schweiz die Istanbul-Konvention trotz Fortschritten nur unzureichend umsetze. Es fehle an finanziellen Mitteln für Frauenhäuser, und der Schutz von Frauen variiere stark zwischen den Kantonen. Die rechtsbürgerliche SVP sieht in häuslicher Gewalt vor allem ein Migrantenproblem. Sie fordert härtere Strafen und konsequente Landesverweise. Bund und Kantone planen für 2027 eine neue nationale Strategie gegen häusliche und sexuelle Gewalt. Sie soll ein einheitlicheres Vorgehen bringen und auch digitale Gewalt in den Blick nehmen. Das nationale Parlament beschloss zudem eine Machbarkeitsstudie zur statistischen Erfassung von Femiziden, auch ausserhalb des häuslichen Umfelds. Ein Prozess, der aufrüttelte Im Fall der Tötung von Binningen fand im Mai 2026 der Prozess in erster Instanz statt. Er offenbarte die zerstörerische Dynamik häuslicher Gewalt. Das Strafgericht Basel-Landschaft verurteilte den Ehemann wegen Mordes und Störung des Totenfriedens zu lebenslanger Haft. Das Gericht stellte fest, dass der Täter aus Kontrollbedürfnis, Kränkung über die Trennungsabsicht, Rache und Wut handelte. Getötet habe er letztlich, um die häusliche Gewalt zu vertuschen. Der Gerichtspräsident sprach das gesellschaftliche Problem an: «Das hier ist ein Femizid.» Angehörige, Freunde und Aktivistinnen erinnerten während der Urteilsverkündung mit einer Menschenkette vor dem Gerichtsgebäude an die getötete Frau. Kein «Familiendrama» Eine mögliche Antwort liefert der Begriff Femizid. Geprägt in den 1970er-Jahren von der US-Soziologin Diana Russell, verweist er auf die gesellschaftliche Dimension solcher Taten. Nach einer UNO-Definition von 2012 gelten Tötungen an Frauen im häuslichen Bereich als Femizide. Analysen zeigen, dass sie oft mit Dominanzstreben, Besitzdenken und geschlechtsbezogenen Rollenerwartungen des Täters zusammenhängen. Trennungen werden dabei zu Hochrisikophasen. «Rund die Hälfte der Tötungen geschieht während oder nach der Trennung», erklärt Markwalder. In der Schweiz ist Femizid kein juristischer Begriff. Frauenrechtsgruppen, Politik und das Rechercheprojekt stopfemizid.ch nutzen ihn seit einiger Zeit, um Fälle sichtbar zu machen. Doch auch Medien und Behörden greifen ihn zunehmend auf. Für Markwalder benennt er die Realität: «Es ist eine Tötung – kein Familiendrama, kein Unglück, keine Tat aus übermässiger Liebe, wie es früher oft beschönigend umschrieben wurde.» Neue Opferhilfenummer Lange galt in der Schweiz: Was zuhause geschieht, geht den Staat nichts an. Erst seit 2004 ist häusliche Gewalt – Vergewaltigungen, Tätlichkeiten, Drohungen – ein Offizialdelikt. Politikerinnen setzten sich über Parteigrenzen hinweg immer wieder für Massnahmen gegen Gewalt an Frauen ein. Mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention des Europarats 2018 verpflichtete sich die Schweiz zum Handeln. Eine «Roadmap» von Bund und Kantonen brachte erste Ergebnisse: Seit Frühjahr 2026 ist die landesweite Opferhilfe-Telefonnummer 142 in Betrieb. Die Kantone verstärken ihr Bedrohungsmanagement, um Gewalt frühzeitig zu erkennen. Denn oft steht ein Femizid am Ende einer Gewaltspirale, wie eine Analyse des Bundes ergab. Die Polizei spricht Gefährder inzwischen gezielt an. In einigen Kantonen laufen Pilotprojekte mit elektronischen Fussfesseln, um Kontaktverbote durchzusetzen. Der Bund startete eine Präventionskampagne, um die Bevölkerung für häusliche Gewalt zu sensibilisieren. Auch Gesetzesänderungen stehen zur Debatte, etwa im Waffenrecht. Eine Studie der Universität St. Gallen zeigte 2025, dass bei häuslichen Tötungen in der Schweiz überdurchschnittlich oft Schusswaffen zum Einsatz kommen, vor allem bei älteren Tätern. Ein Grund: Schweizer Männer können ihre Armeewaffen nach der Entlassung aus der Dienstpflicht behalten. Tötungsdelikte gingen in der Schweiz stark zurück, doch Tötungen von Frauen durch ihre Partner bleiben stabil. «Das wirft Fragen auf», sagt Strafrechtsprofessorin Nora Markwalder. Foto ZVG Bund und Kantone planen für 2027 eine neue nationale Strategie gegen häusliche und sexuelle Gewalt. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 15
DÖLF BARBEN Mitten in Mürren gibt es ein Plätzchen, wo sich Touristinnen und Touristen gern hinstellen, um Fotos zu machen. Auch an diesem Tag. Eine junge Frau wirft ihre langen Haare zuerst nach vorn, dann nach hinten – und strahlt vor einem imposanten Hintergrund. Ihre Freundin richtet das Smartphone auf sie. Von der Seite nähert sich eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. «Gib acht», sagt sie, «es hat kein Geländer.» Die Frau ist etwas übervorsichtig; denn gefährlich ist es hier nicht. Noch nicht. Von diesem Aussichtspunkt aus führt ein Pfad über eine steil abfallende Wiese hinab. Nach etwa 100 Metern gelangt man zu einem Lattenzaun mit einem Türchen. Hier also ist die Kante. Das Türchen ist offen. Auf der Aussenseite des Zauns befindet sich eine Absprungstelle für Basejumper – jene tollkühnen Frauen und Männer, die von Felsen springen und sich von Fallschirmen auffangen lassen. Hält man sich mit einer Hand am Zaun fest und schiebt den Kopf nach vorn, ist es möglich, einen Blick in die Tiefe zu erhaschen. Die Talstation der Luftseilbahn. Parkplätze. Strassen. Häuser. Autos. Alles erscheint unwirklich klein und doch irgendwie nah. Es ist auf eine unfassbare Art beängstigend. Mit der Bahn durchs Dach Mürren liegt im Lauterbrunnental, nicht weit von Interlaken entfernt. Es thront oberhalb einer senkrechten, teils überhängenden Felswand. Zumindest in der Schweiz dürfte es keine andere Siedlung geben, die ähnlich exponiert über einem Abgrund liegt. Wie aussergewöhnlich Mürrens Lage ist, zeigt sich an der neuen Luftseilbahn. Es ist die steilste der Welt. Fährt sie los, fühlt es sich an, als würde man an den Haaren in die Höhe gezogen. Bei gewöhnlichen Luftseilbahnen schweben die Kabinen vorne zur Talstation hinaus. Hier verlassen sie gewissermassen das Gebäude durchs Dach. Die Tragseile weisen so steil nach oben wie ein Stundenzeiger, der auf Leben auf der hohen Kante Eine extreme Lage, extreme Extremsportler und nun noch die extremste Luftseilbahn: Was heisst es, in Mürren (BE) zu leben – am Rand eines gähnenden Abgrunds? einem Zifferblatt fast bei elf Uhr steht. Die Rekordsteigung beträgt, technisch ausgedrückt, 159,4 Prozent. Während der Fahrt klebt man am Fenster und starrt auf nackte Felsen. Da und dort spritzt Wasser in die Tiefe. 775 Meter Höhenunterschied in vier Minuten. James Bond im Drehrestaurant Mürren und sein Abgrund. Es gibt alte, wunderschöne Werbeplakate, die mit diesem Kitzel spielen. Eine winzige, von der Sonne beschienene Siedlung oben auf einer dunklen Klippe. Aber sonst? Für die Menschen, die hier leben, scheint das Bedrohliche des nahen Abgrunds kein Thema zu sein. Sprechen sie über «ihr» Mürren, erzählen sie vom schönsten Ort auf Erden, von der Ruhe im autofreien Dorf, von der glorreichen Geschichte des Tourismus oder vom Drehrestaurant Piz Gloria auf dem Schilthorn und von James Bond. Einer der Filme, «Im Geheimdienst Ihrer Majestät», wurde dort gedreht und machte Mürren in der Welt draussen noch bekannter. Vom Abgrund spricht aber niemand. Man muss schon danach fragen. Zum Beispiel Kurt Huggler (81). Er ist in Mürren aufgewachsen, war Skirennfahrer, Kurdirektor und Hotelier. «Doch, doch», sagt er, «wir Buben waren oft bei den Felsen unten.» Kurt und Verena Huggler vor ihrem Haus in Mürren. Er war Kurdirektor und Hotelier. Beide fuhren Skirennen. Foto Dölf Barben Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: ein Ort der Extreme. Die Schilthornbahn nach Mürren ist die steilste Luftseilbahn der Welt. Sie ist so steil, dass die Kabinen die Talstation gewissermassen durchs Dach verlassen. Foto Dölf Barben Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 16 Reportage
kommen konnten, sich hier oben niederzulassen. Inzwischen hat er sich an die aus- sergewöhnliche Lage gewöhnt. Ähnlich erging es ihm beim Gleitschirmfliegen, das er eine Zeitlang ausübte. Als er zum ersten Mal über die Kante ins Tal hinaus schwebte und er sich dieser riesigen Leere unter sich gewahr wurde, sei das ein furchterregender Moment gewesen. «Aber nach 40 Flügen war es nichts Besonderes mehr.» Dasselbe mit der neuen Luftseilbahn. Die Fahrt sei spektakulär. Aber in der Kabine stehe er schon lange nicht mehr am Fenster. «Das machen nur noch die Touristen.» Die Felskante fasziniert ihn dennoch. Kommen Freunde zu Besuch, lädt er sie gern auf den Klettersteig ein. Das ist eine Route in die Felswand hinunter, auf der man ständig gesichert ist. «Das muss man schon gesehen haben», sagt er. Auf dem Klettersteig kommt man an einer Absprungstelle der Basejumper vorbei. Von Arx denkt darüber ähnlich wie der geborene Bergler Kurt Huggler: «Wenn ich das sehe, denke ich: Wie kann man nur?» Der Klettersteig «Via Ferrata» bei Mürren Sie hätten Dinge hinabgeworfen, seltene Blumen gepflückt oder sich an den Rand gesetzt und in die Tiefe geblickt. Nicht alles erzählten sie den Eltern. Als Huggler eine Mutprobe schildert, wird es einem vom Zuhören mulmig zumute: Diese habe darin bestanden, sich mit den Beinen kopfüber an einen Baumstamm zu hängen – der über den Abgrund hinausragte. Huggler beschwichtigt, es sei nie etwas passiert. Vielleicht auch dank elterlicher Abschreckung. Den kleinen Kindern erzählte man, in der Felswand wohne ein Männchen mit einem Haken. Dieses wolle Mädchen und Buben in die Tiefe ziehen und fressen. Hört man Huggler zu, beginnt man zu verstehen: Er hat ein Verhältnis zum Risiko, wie es nur Bergler haben können. Er war zeitlebens auf Gipfel geklettert und erklärt: «Nie würde ich eine schwierige Route ungesichert begehen.» Damit ist auch gesagt, was er vom Basejumpen hält. Bergbewohner seien sich immer bewusst, wie gefährlich etwas ist; die Familien seien auf jede und jeden angewiesen. «Man kann es sich nicht leisten, in den Tod zu stürzen.» Huggler muss selber lachen, als er über einen anderen Aspekt des nahen Abgrunds erzählt. «Früher haben wir den Kehricht einfach über den Felsen gekippt.» Plastik gab es anfänglich kaum. Auch keinen Grünabfall. «Den verfütterten wir den Schweinen.» Es waren vor allem leere Konservenbüchsen, allerlei Sperrgut und einmal sogar eine halbe Glacémaschine aus einem Hotel – «das war ein Spektakel!» Der Müll kullerte nicht bis ins Tal; er blieb auf einem Felsband liegen und wurde später zugeschüttet. Huggler schmunzelt: «Dort sollte man einmal graben: Man würde sehr viel über Mürren erfahren.» «Das muss man gesehen haben» Als Sven von Arx (30), Gebäudetechniker und Mitglied des örtlichen Gemeinderates, vor sechs Jahren herzog, fühlte er sich von diesem Ort überwältigt. «Ich bin bis heute nicht aus dem Staunen herausgekommen.» Anfänglich habe er sich tatsächlich gefragt, wie Menschen auf die Idee Sven von Arx kam vor sechs Jahren nach Mürren und staunt noch immer über die Lage des Dorfes. Foto Dölf Barben Das Dorf Mürren (rechts im Bild) liegt rund 800 Meter über der Talsohle des Lauterbrunnentals. Die Menschen sind ein Leben am Abgrund gewöhnt. Foto Wikimedia Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 17
Neuinterpretation der Swissness Das Eidgenössische Institut für Geistiges Eigentum (IGE) hat die Praxis zur Verwendung des Schweizerkreuzes gelockert. Damit reagiert das IGE auf globale Marken wie den Schuhhersteller On. Bislang mussten mindestens 60 % der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen, damit das Schweizerkreuz auf Produkten angebracht werden durfte. Neu gilt: Wenn Produkte in der Schweiz entworfen oder entwickelt werden, darf das Schweizerkreuz unter gewissen Bedingungen ebenso verwendet werden. (WS) OECD kritisiert hohe Kita-Kosten Die Schweiz hat laut einem Bericht der OECD Nachholbedarf bei der Gleichstellung der Geschlechter. Der Einkommensunterschied zwischen Mann und Frau gehört im internationalen Vergleich zu den höchsten. Hauptgründe sind der hohe Anteil von Frauen in Teilzeitarbeit und die Kosten der Kinderbetreuung. Das Parlament hat im Dezember ein Kita-Gesetz verabschiedet, das höhere Zuschüsse ermöglichen soll. (WS) Abgewiesene Beschwerde gegen E-ID Letzten September stimmten 50,4 Prozent des Stimmvolks Ja zur Einführung der E-ID. Das Bundesgericht wies Beschwerden gegen die Abstimmung zurück. Auslöser war unter anderem eine Spende der Swisscom an das Pro-Komitee – ein Verstoss gegen die politische Neutralität staatlich kontrollierter Unternehmen. Das Bundesgericht erklärte die Beschwerden für unzulässig, weil sie verspätet eingereicht wurden. Das Abstimmungsergebnis bleibt gültig. Die Einführung der E-ID ist für Dezember vorgesehen. (WS) Bundesrat verschärft Too-big-to-fail-Regulierung Der Bundesrat will systemrelevante Banken wie die UBS zu höheren Eigenkapitalreserven verpflichten. Künftig sollen Beteiligungen an ausländischen Tochtergesellschaften vollständig mit direkt verfügbarem Eigenkapital abgesichert werden. Hintergrund ist der Zusammenbruch der Credit Suisse 2023. Die neuen Regeln sollen das Risiko staatlicher Rettungsaktionen senken und die Stabilität des Finanzplatzes stärken. Das Parlament berät die Vorlage voraussichtlich im Herbst. (WS) Bundesrat verzichtet auf höheres Rentenalter Der Bundesrat hat die Reform AHV 2030 in die Vernehmlassung geschickt. Statt das Rentenalter zu erhöhen, setzt er auf Anreize für längeres Arbeiten. Geplant sind höhere Freibeträge für Erwerbstätige nach 65 und ein flexiblerer Rentenbezug. Zudem sollen Frühpensionierungen erschwert werden. Die Reform soll der AHV bis 2040 jährlich rund 600 Millionen Franken zusätzlich einbringen. Offen bleibt die Finanzierung der 13. AHV-Rente, die im Dezember zum ersten Mal ausbezahlt werden soll. (WS) Erinaceus europaeus Seit fast 30 Jahren ernennt Pro Natura das Schweizer Tier des Jahres. 2026 fiel die Wahl auf den Braunbrustigel, Erinaceus europaeus. Eine überraschende Entscheidung der ältesten Naturschutzorganisation der Schweiz, denn kein Wildtier braucht hierzulande weniger Aufmerksamkeit als der Igel. Sein niedliches Aussehen und die Fähigkeit, sich stachlig einzurollen, entzücken die Nation. Wenn er in Sommernächten schnüffelnd und schmatzend durch die Gärten tippelt, löst dies Freude aus. Freiwillige pflegen verletzte Tiere in Stationen, und am Strassenrand mahnen Plakate zur Vorsicht, damit Igel sicher die Fahrbahn überqueren. Wozu also die Auszeichnung? Um zu zeigen, dass Sympathie allein nicht genügt. Der Igelbestand in der Schweiz schrumpft, seit vier Jahren gilt das Tier als «potenziell gefährdet». Der Grund: Igel leben heute vor allem in Städten und Dörfern, wo dichter werdende Siedlungen ihre Lebensräume zerstören. Pro Natura ruft dazu auf, dem Igel das Leben in unserer Nähe zu erleichtern. Die nachtaktiven Tiere brauchen Unterschlüpfe als Tagesverstecke und für ihre Nester. Sie brauchen Durchgänge in Zäunen und Mauern für ihre Streifzüge. Und sie brauchen naturbelassene Flächen mit Pflanzen, die Insekten anlocken – Käfer, Tausendfüssler und Raupen stehen ganz oben auf ihrem Speiseplan. Zudem gilt es tödliche Gefahren zu beseitigen: Pools sollten abgedeckt, Mähroboter vermieden werden. Gegen deren Klingen schützen den Igel auch seine bis zu 8000 Stacheln nicht. Fachleute raten der ordnungsliebenden Schweizer Bevölkerung: Statt sauber gemähtem Rasen und aufgeräumten Gärten bevorzugt der Igel Unordnung mit Laubhaufen und Totholz. Im November zieht er sich wieder in den Winterschlaf zurück – vorausgesetzt, er findet ein passendes Plätzchen. SUSANNE WENGER Nachrichten Foto Pro Natura Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 18 Herausgepickt
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