4 CHRISTOF FORSTER Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, steigt in der Schweiz der Appetit auf währschaftes Essen. Zu den Klassikern gehören Rösti, Raclette und Fondue. Alles, was man dazu benötigt, kommt aus der Schweiz: die Milch für den Käse und die Kartoffeln – beides seit Langem Grundnahrungsmittel hierzulande. Mittlerweile gibt es auch vegane Käse-Alternativen, die in der Schweiz hergestellt werden. Inzwischen ist die Palette der konsumierten Gerichte und Nahrungsmittel sehr bunt geworden. Eher mit einem Zahlensalat hat man es zu tun, wenn man hinter die Finanzierungs- und Handelsströme der Schweizer Landwirtschaft zu blicken versucht. Es ist ein kompliziertes Geflecht an Direktzahlungen, Förderbeiträgen, Zöllen, Importkontingenten und vieles mehr, welches – neben den ganz persönlichen Vorlieben – mitbestimmt, was auf unsere Teller kommt. Fünf Fragen, die helfen, mehr zu verstehen. 1 Könnte sich die Schweiz zu 100 Prozent selbst versorgen? Ja. Zu diesem Schluss kommt eine 2025 publizierte Studie des ETH-Agrarökologen Andreas Bosshard und weiteren Autoren. Dieses Ergebnis hat auch den Autor überrascht. Die Schweiz könnte sich zu 100 Prozent selbst mit Nahrungsmitteln versorgen. Sie könnte sogar über 10 Millionen Menschen ernähren statt der heute 4,2 Millionen. Heute beträgt der Netto-Selbstversorgungsgrad rund 50 Prozent. Zählt man die importierten Futtermittel für Tiere hinzu, sind es 57 Prozent. Die Initiative Die Schweiz zwischen Acker und Weltmarkt. Fünf Fragen zur Landwirtschaft Es gibt nur wenige Länder, die ihre Landwirtschaft so stark unterstützen wie die Schweiz. Dies führt dazu, dass rund die Hälfte der konsumierten Nahrungsmittel im Inland produziert werden. Die Ernährungsinitiative, über die wir am 27. September 2026 abstimmen, will diesen Anteil stark erhöhen. «Für eine sichere Ernährung» fordert einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Der Studienautor schlägt neun Massnahmen vor, die ohne grosse Investitionen umsetzbar wären. Der wichtigste Hebel liegt beim Futter der Nutztiere. Rinder sollen statt Kraftfutter und Mais nur noch Gras auf Weiden fressen. Heute werden rund 60 Prozent der Ackerfläche in der Schweiz für die Tierfütterung bepflanzt und zusätzlich wird Kraftfutter importiert. Mit der Umstellung würden grosse Flächen frei, die für Lebensmittel für die Bevölkerung genutzt werden könnten. Dabei würde allerdings die produzierte Milchmenge sinken. Der Bedarf wäre laut Studie aufgrund der heutigen Überproduktion trotzdem gedeckt. Ein weiterer Hebel liegt in der Verschwendung von Lebensmitteln (Food Waste). Bei einer Halbierung der Menge könnten 1,8 Millionen Menschen zusätzlich ernährt werden. Zudem sollen verwertbare Lebensmittelabfälle wieder an Schweine verfüttert werden. Eine solche Umstellung hätte auch positive Folgen für die Umwelt. So liessen sich die Klima- und Ammoniakreduktionsziele erreichen. Für den Schweizer Bauernverband ist eine komplette Selbstversorgung hingegen «völlig unrealistisch». Während des Zweiten Weltkrieges, als nur 4 Millionen Menschen in der Schweiz Laut einer Studie der ETH Zürich könnte die Schweiz über 10 Millionen Menschen ernähren. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 4 Schwerpunkt
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