Schweizer Revue 4/2026

DÖLF BARBEN Bei Tsunamis denkt man an Ozeane. Zuallererst an die Katastrophe vom 26. Dezember 2004. Damals löste ein Seebeben im Indischen Ozean verheerende Flutwellen aus. Rund 230000 Menschen starben. Doch Tsunamis in der Schweiz? Was zunächst unmöglich erscheint, ist es keineswegs. «Diese Gefahr ist real», sagt der Berner Geologieprofessor Flavio Anselmetti. Er arbeitet seit über zehn Jahren am Thema – zusammen mit Forschenden der Universität Bern und der Eidgenössisch-technischen Hochschule Zürich (ETH). Der vermutlich am besten dokumentierte Tsunami in der Schweiz ereignete sich am 18. September 1601 auf dem Vierwaldstättersee – ebenfalls durch ein Erdbeben ausgelöst. «Mit einer gewaltigen, wissenschaftlich rekonstruierten Magnitude von 5,9 brachte das Beben die ganze Zentralschweiz zum Zittern. Bäume und Häuser standen schief, Bergflanken bröckelten.» So steht es in einem Blogeintrag auf der Website des Schweizerischen Nationalmuseums. Autor ist der 32-jährige Historiker Noah Businger. Er sei im Studium zufällig auf das Thema gestossen, sagt er. Als gebürtiger Innerschweizer verfolgte er es weiter. Nun hat er das historische Wissen mit der neuesten Forschung vereint. Gesang und Geschrei verboten Der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat hat detaillierte Aufzeichnungen hinterlassen. Bei Buochs drangen bis zu fünf Meter hohe Wellen bis zu einem Kilometer über das Ufer hinaus. Mindestens zehn Menschen starben. Boote lagen weit vom See entfernt. In Luzern zog sich das Wasser aus dem Flussbett der Reuss mehrmals ganz in den See zurück, nur um flutartig wiederzukehren. Heute weiss man, dass es sich um sogenannte Seiches handelte. Dabei schwappt das Wasser wie in einer Badewanne hin und her. Von all dem hatten die Menschen keine Ahnung. «Dieses Ereignis musste sie erschüttert haben», sagt Businger. Für sie war es Gottes Strafe für sündhaftes Verhalten. Die Obrigkeit wollte die höheren Mächte gnädig stimmen und verbot jegliche Tsunamis auf Schweizer Seen: «Eine reale Gefahr» Im Jahr 1601 verloren in der Innerschweiz nach einem Erdbeben mindestens zehn Menschen ihr Leben – wegen eines Tsunamis auf dem Vierwaldstättersee. Der Grund für dessen Entstehung lag an einem besonderen Ort. Feste sowie Tanzen, Gesang und Geschrei für mehrere Monate. Doch was war genau geschehen? Die Forschung hat es herausgefunden – unter anderem dank der Aufzeichnungen des Stadtschreibers. Die Information, vom Wasser mitgeschwemmtes Material sei «zwei Hellebarden hoch» über dem üblichen Pegel am Ufer gelegen, liess beispielsweise Rückschlüsse über die Höhe der Wellen zu. Im Gespräch mit dem Geologen Anselmetti wird deutlich, dass der Tsunami aber nicht unmittelbar durch das Erdbeben ausgelöst wurde. «Wie bei einem Schneebrett» Das Buochser Seebecken ist gut 200 Meter tief. An den unterseeischen Hängen waren über viele Jahrhunderte grosse Mengen Schlamm und Gestein abgelagert worden. Durch die Erschütterung des Erdbebens gerieten grosse Teile davon ins Rutschen. «Wie bei einem Schneebrett», erklärt Anselmetti. Gleich mehrere Sedimentlawinen glitten bis zum Grund und verdrängten das darüber liegende Wasser – nach oben. Und am Hang, wo sie weggerutscht waren, Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: die extremsten Wellen auf Schweizer Seen. Das Buochser Seebecken ist gut 200 Meter tief. An den Hängen unter der Wasseroberfläche waren über viele Jahrhunderte grosse Mengen Schlamm und Gestein abgelagert worden. Foto Keystone Schweizer Revue / Oktober 2026 / Nr. 4 22 Wissen

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