Schweizer Revue 3/2026

DÖLF BARBEN Mitten in Mürren gibt es ein Plätzchen, wo sich Touristinnen und Touristen gern hinstellen, um Fotos zu machen. Auch an diesem Tag. Eine junge Frau wirft ihre langen Haare zuerst nach vorn, dann nach hinten – und strahlt vor einem imposanten Hintergrund. Ihre Freundin richtet das Smartphone auf sie. Von der Seite nähert sich eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn. «Gib acht», sagt sie, «es hat kein Geländer.» Die Frau ist etwas übervorsichtig; denn gefährlich ist es hier nicht. Noch nicht. Von diesem Aussichtspunkt aus führt ein Pfad über eine steil abfallende Wiese hinab. Nach etwa 100 Metern gelangt man zu einem Lattenzaun mit einem Türchen. Hier also ist die Kante. Das Türchen ist offen. Auf der Aussenseite des Zauns befindet sich eine Absprungstelle für Basejumper – jene tollkühnen Frauen und Männer, die von Felsen springen und sich von Fallschirmen auffangen lassen. Hält man sich mit einer Hand am Zaun fest und schiebt den Kopf nach vorn, ist es möglich, einen Blick in die Tiefe zu erhaschen. Die Talstation der Luftseilbahn. Parkplätze. Strassen. Häuser. Autos. Alles erscheint unwirklich klein und doch irgendwie nah. Es ist auf eine unfassbare Art beängstigend. Mit der Bahn durchs Dach Mürren liegt im Lauterbrunnental, nicht weit von Interlaken entfernt. Es thront oberhalb einer senkrechten, teils überhängenden Felswand. Zumindest in der Schweiz dürfte es keine andere Siedlung geben, die ähnlich exponiert über einem Abgrund liegt. Wie aussergewöhnlich Mürrens Lage ist, zeigt sich an der neuen Luftseilbahn. Es ist die steilste der Welt. Fährt sie los, fühlt es sich an, als würde man an den Haaren in die Höhe gezogen. Bei gewöhnlichen Luftseilbahnen schweben die Kabinen vorne zur Talstation hinaus. Hier verlassen sie gewissermassen das Gebäude durchs Dach. Die Tragseile weisen so steil nach oben wie ein Stundenzeiger, der auf Leben auf der hohen Kante Eine extreme Lage, extreme Extremsportler und nun noch die extremste Luftseilbahn: Was heisst es, in Mürren (BE) zu leben – am Rand eines gähnenden Abgrunds? einem Zifferblatt fast bei elf Uhr steht. Die Rekordsteigung beträgt, technisch ausgedrückt, 159,4 Prozent. Während der Fahrt klebt man am Fenster und starrt auf nackte Felsen. Da und dort spritzt Wasser in die Tiefe. 775 Meter Höhenunterschied in vier Minuten. James Bond im Drehrestaurant Mürren und sein Abgrund. Es gibt alte, wunderschöne Werbeplakate, die mit diesem Kitzel spielen. Eine winzige, von der Sonne beschienene Siedlung oben auf einer dunklen Klippe. Aber sonst? Für die Menschen, die hier leben, scheint das Bedrohliche des nahen Abgrunds kein Thema zu sein. Sprechen sie über «ihr» Mürren, erzählen sie vom schönsten Ort auf Erden, von der Ruhe im autofreien Dorf, von der glorreichen Geschichte des Tourismus oder vom Drehrestaurant Piz Gloria auf dem Schilthorn und von James Bond. Einer der Filme, «Im Geheimdienst Ihrer Majestät», wurde dort gedreht und machte Mürren in der Welt draussen noch bekannter. Vom Abgrund spricht aber niemand. Man muss schon danach fragen. Zum Beispiel Kurt Huggler (81). Er ist in Mürren aufgewachsen, war Skirennfahrer, Kurdirektor und Hotelier. «Doch, doch», sagt er, «wir Buben waren oft bei den Felsen unten.» Kurt und Verena Huggler vor ihrem Haus in Mürren. Er war Kurdirektor und Hotelier. Beide fuhren Skirennen. Foto Dölf Barben Höher, weiter, schneller, schöner? Auf der Suche nach den etwas anderen Schweizer Rekorden. Heute: ein Ort der Extreme. Die Schilthornbahn nach Mürren ist die steilste Luftseilbahn der Welt. Sie ist so steil, dass die Kabinen die Talstation gewissermassen durchs Dach verlassen. Foto Dölf Barben Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 16 Reportage

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