Schweizer Revue 3/2026

kommen konnten, sich hier oben niederzulassen. Inzwischen hat er sich an die aus-​ sergewöhnliche Lage gewöhnt. Ähnlich erging es ihm beim Gleitschirmfliegen, das er eine Zeitlang ausübte. Als er zum ersten Mal über die Kante ins Tal hinaus schwebte und er sich dieser riesigen Leere unter sich gewahr wurde, sei das ein furchterregender Moment gewesen. «Aber nach 40 Flügen war es nichts Besonderes mehr.» Dasselbe mit der neuen Luftseilbahn. Die Fahrt sei spektakulär. Aber in der Kabine stehe er schon lange nicht mehr am Fenster. «Das machen nur noch die Touristen.» Die Felskante fasziniert ihn dennoch. Kommen Freunde zu Besuch, lädt er sie gern auf den Klettersteig ein. Das ist eine Route in die Felswand hinunter, auf der man ständig gesichert ist. «Das muss man schon gesehen haben», sagt er. Auf dem Klettersteig kommt man an einer Absprungstelle der Basejumper vorbei. Von Arx denkt darüber ähnlich wie der geborene Bergler Kurt Huggler: «Wenn ich das sehe, denke ich: Wie kann man nur?» Der Klettersteig «Via Ferrata» bei Mürren Sie hätten Dinge hinabgeworfen, seltene Blumen gepflückt oder sich an den Rand gesetzt und in die Tiefe geblickt. Nicht alles erzählten sie den Eltern. Als Huggler eine Mutprobe schildert, wird es einem vom Zuhören mulmig zumute: Diese habe darin bestanden, sich mit den Beinen kopfüber an einen Baumstamm zu hängen – der über den Abgrund hinausragte. Huggler beschwichtigt, es sei nie etwas passiert. Vielleicht auch dank elterlicher Abschreckung. Den kleinen Kindern erzählte man, in der Felswand wohne ein Männchen mit einem Haken. Dieses wolle Mädchen und Buben in die Tiefe ziehen und fressen. Hört man Huggler zu, beginnt man zu verstehen: Er hat ein Verhältnis zum Risiko, wie es nur Bergler haben können. Er war zeitlebens auf Gipfel geklettert und erklärt: «Nie würde ich eine schwierige Route ungesichert begehen.» Damit ist auch gesagt, was er vom Basejumpen hält. Bergbewohner seien sich immer bewusst, wie gefährlich etwas ist; die Familien seien auf jede und jeden angewiesen. «Man kann es sich nicht leisten, in den Tod zu stürzen.» Huggler muss selber lachen, als er über einen anderen Aspekt des nahen Abgrunds erzählt. «Früher haben wir den Kehricht einfach über den Felsen gekippt.» Plastik gab es anfänglich kaum. Auch keinen Grünabfall. «Den verfütterten wir den Schweinen.» Es waren vor allem leere Konservenbüchsen, allerlei Sperrgut und einmal sogar eine halbe Glacémaschine aus einem Hotel – «das war ein Spektakel!» Der Müll kullerte nicht bis ins Tal; er blieb auf einem Felsband liegen und wurde später zugeschüttet. Huggler schmunzelt: «Dort sollte man einmal graben: Man würde sehr viel über Mürren erfahren.» «Das muss man gesehen haben» Als Sven von Arx (30), Gebäudetechniker und Mitglied des örtlichen Gemeinderates, vor sechs Jahren herzog, fühlte er sich von diesem Ort überwältigt. «Ich bin bis heute nicht aus dem Staunen herausgekommen.» Anfänglich habe er sich tatsächlich gefragt, wie Menschen auf die Idee Sven von Arx kam vor sechs Jahren nach Mürren und staunt noch immer über die Lage des Dorfes. Foto Dölf Barben Das Dorf Mürren (rechts im Bild) liegt rund 800 Meter über der Talsohle des Lauterbrunnentals. Die Menschen sind ein Leben am Abgrund gewöhnt. Foto Wikimedia Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 17

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