Direktzahlung für die Landwirtschaft auf. Dazu kommen rund 40 Franken für die Milchwirtschaft, unabhängig davon, wie viel er von diesen Produkten konsumiert. Ein Teil der Subventionen ist daran geknüpft, öffentliche Güter bereitzustellen, beispielsweise den Schutz von Kulturlandschaften oder mehr Biodiversität. Dann gibt es auch versteckte Subventionen. Ökonomen verweisen etwa auf die ermässigten Mehrwertsteuersätze direkt auf Leistungen in der Landwirtschaft zur Bodenbearbeitung wie Säen oder Pflügen oder indirekt auf Nahrungsmittel. Lebensmittel unterliegen einem reduzierten Mehrwertsteuersatz von 2,6 Prozent. Diese Leistungen werden zum Grundbedarf gezählt. Weil sie nicht alle Teile der Bevölkerung im gleichen Masse nutzen, entstehen Verzerrungen, die ineffizient und nicht zwingend sozial sind. Auch Haushalte mit höherem Einkommen werden entlastet, da sie tendenziell teurere Lebensmittel kaufen. Sie profitieren sogar mitunter stärker. In den Augen von Ökonomen führen die Vielzahl von Subventionen und Steuervergünstigungen zu Verzerrungen, die den Strukturwandel künstlich aufhalten und negative Effekte für Klima und Umwelt mit sich bringen. Sie bezweifeln, ob eine weitgehende Selbstversorgung im Krisenfall möglich ist. 5 Ist Essen eine neue Religion? Die Ernährungsinitiative will die Selbstversorgung stärken und mehr pflanzliche Lebensmittel fördern. Damit landet man schnell in einer emotionalen Debatte. In gewisser Weise ist die Ernährung zu einer Religion geworden. Nicht im Sinne, dass sie Antworten liefert auf existenzielle Fragen – ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder woher wir kommen. Doch sie schafft für Menschen, die sich stark damit beschäftigen, eine Identität, die weit über das Essen hinaus geht. Sich vegetarisch oder vegan ernähren, kann zu einer Lebenshaltung werden, die in viele Bereiche ausstrahlt. So wie Fleisch essen für gewisse Leute zu einer politischen Haltung geworden ist. Es geht um Tierwohl, Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Klimaveränderung, Lebensstile, Individualismus, letztlich um ganze Lebensanschauungen, die sich mit der Ernährung verknüpfen lassen. Es heisst nicht mehr, man isst vegan, sondern man ist vegan. Oder man ist Fleischesser. Dabei ist das ja nur eine von unzähligen Eigenschaften, die einen Menschen ausmachen. Deshalb können Diskussionen über Essenvorlieben schnell sehr hitzig werden. Das Ideologische mag eine weitere Parallele sein zur Religion. Streng definierte Regeln bestimmen das Handeln. In der Religion nennt man es Dogmen. Wie der Glaube kann auch die Ernährung ein Gefühl von Gemeinschaft geben. Man fühlt sich Gleichdenkenden zugehörig und grenzt sich von Andersdenkenden ab. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren Ehen zwischen Protestanten und Katholiken gesellschaftlich geächtet und fast unmöglich. Heute gibt es Veganer, die es für unmöglich halten, mit einer Fleischesserin eine Beziehung zu führen. Es gibt Veganer, die überzeugt sind, mit ihrem Essverhalten einen Beitrag zur Rettung des Planeten zu leisten. Es gibt Fleischesser, die überzeugt davon sind, es stehe ihnen zu, so viel Fleisch wie nur möglich zu essen. Menschen hätten sich schon seit Urzeiten mit Tierischem ernährt. Sie bekommen manchmal von den sich fleischlos Ernährenden eine gewisse moralische Überlegenheit zu spüren, gegen die sie sich wehren. Wie bei Religionen verbinden sich mit dem Essen Heilsversprechen: Gesundheit, Reinheit und moralische Integrität. Das macht das gemeinsame Essen mitunter kompliziert. Wie der Glaube kann auch die Ernährung ein Gefühl von Gemeinschaft geben. Schweizer Revue / Juli 2026 / Nr. 3 7
RkJQdWJsaXNoZXIy MjYwNzMx